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Russland : Nachtreten in höchsten Kreisen

Wladimir Jakunin mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin im Dezember 2009. Bild: dpa

Der Chef der russischen Staatsbahn, Wladimir Jakunin, ist seinen Job los. Sein Sturz sagt etwas über Putins Russland.

          Wladimir Jakunin, der bis Mitte August die staatliche Russische Eisenbahn führte, galt stets als loyaler Gefolgsmann von Präsident Wladimir Putin. Sie kennen einander seit Jahrzehnten. Wie gut, versinnbildlichen die Unterschriften beider auf der Gründungsurkunde der legendären Datschengenossenschaft „Osero“ (See) vom 10. November 1996.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die Wochenendhaussiedlung am Komsomolzensee nördlich von Sankt Petersburg gilt als Heimstatt der gegenwärtigen Macht- und Geldelite Russlands. „Osero“ steht für einen Männerbund, in dem Loyalität mehr zählt als wirtschaftliche oder sonstige Konjunkturen.

          Gerade Jakunin war dafür bisher ein gutes Beispiel. Die Staatsbahn, an deren Spitze er seit 2005 stand, ist für Verschwendung und Korruption bekannt. Ein besonders drastisches Beispiel ist eine 48 Kilometer lange Bahnstrecke nahe Sotschi, die für die Olympischen Winterspiele des vorigen Jahres für 8,7 Milliarden Dollar errichtet wurde.

          Die Bahn meldete für 2014 einen Verlust von eineinhalb Milliarden Dollar. Jakunin selbst weigerte sich stets beharrlich, der Pflicht nachzukommen, sein Gehalt offenzulegen. Aus wirtschaftlicher Sicht war es deshalb keine Überraschung, dass er seinen Posten räumen musste. Aus politischer schon.

          In „Politbüro 2.0“ genannten Übersichten - politikwissenschaftlich inspirierten Versuchen, die undurchsichtige Machtstruktur um Putin zu ordnen - galt Jakunin als Vertrauter des Präsidenten, als „Türöffner“. Aufgrund seiner Nähe zu Putin wurde Jakunin vergangenes Jahr von den Vereinigten Staaten und Australien auf ihre Sanktionslisten gesetzt. Er unterhält zwei Stiftungen, die - ganz im Geiste des gegenwärtigen Moskauer Mainstreams - für orthodoxe Staatsideologie und imperialen Nationalismus eintreten.

          Jakunin wurde regelrecht abgesägt

          Auch veranstaltet Jakunin auf der griechischen Insel Rhodos einen „Dialog der Zivilisationen“. Die bedeutende informelle Rolle des damaligen Eisenbahnchefs wurde etwa deutlich, als im Sommer 2014 der Mitschnitt einer Sitzung der Exekutive des Russischen Fußballverbandes auftauchte. Man stritt über die Aufnahme der Clubs von der Krim ins russische Fußballsystem. Die Herren fürchteten Sanktionen, Jakunin redete ihnen ins Gewissen: Putin stehe im Ringen mit dem Westen „allein an der Brustwehr“; man müsse zuallererst fragen, „in welchem Land wir leben“.

          Trotz alldem wurde er im August regelrecht abgesägt. Sein Name erschien am 17. August auf einer Kandidatenliste für die Abgesandten der Region Kaliningrad (Königsberg) in den Föderationsrat, das russische Oberhaus. Jakunin konnte tags darauf nur noch aus dem Urlaub bestätigen, dass ihm der Senatorposten aufgrund seiner „Lebens- und Berufserfahrung“ angetragen worden sei.

          Jakunin dementiert Rausschmiss

          Drei Tage später war er seinen bisherigen Job los - und Putin erklärte vor der Presse, der Rücktritt als Bahnchef sei die „persönliche Wahl“ Jakunins. Die Staatsbahn dementierte einen Bericht der Zeitung „Wedomosti“, es sei zwischen Jakunin und Putin über die - chronisch erforderlichen - Subventionen für das Staatsunternehmen zum Streit gekommen, in dem Ersterer mit Rücktritt gedroht habe, woraufhin der Präsident gesagt habe: „Na, dann geh doch.“ Auch die Zeitung „Kommersant“ berichtete, Jakunin habe mitnichten gehen wollen.

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