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Wen Jiabaos Europa-Reise Der reiche Onkel aus China

03.07.2011 ·  Der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao war auf Einkaufstour. Für Briten und Deutsche gibt es fette Handelsverträge, den klammen Ungarn kauft er Staatsanleihen ab. Trotzdem muss sich Europa nicht vor China fürchten.

Von Nikolas Busse
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Das dürfte so mancher in den Hauptstädten Europas mit gemischten Gefühlen verfolgt haben: Da reist in dieser Woche ein chinesischer Ministerpräsident durch das schulden- und finanzkrisengeplagte Europa und spielt den reichen Onkel aus Übersee. Für Briten und Deutsche gibt es fette Handelsverträge, den klammen Ungarn kauft er Staatsanleihen ab. Die Morgengabe für Budapest fiel gar so üppig aus, dass der dortige Regierungschef froh verkündete, „mittelfristig“ müsse man sich nun erst einmal keine Sorgen mehr über den ungarischen Staatshaushalt machen.

Da niemand glaubt, dass Wen Jiabao im Geist der Völkerverständigung unterwegs war, stellt sich natürlich die Frage, welcher Preis eines Tages für diese Geschäfte zu zahlen ist. Nutzt die aufstrebende asiatische Großmacht eine europäische Schwächestunde aus, um sich Einfluss auf unserem Kontinent zu sichern? Wird Europa ein zweites Afrika, wo die Chinesen über Investitionen zur vielleicht schon stärksten auswärtigen Macht geworden sind? Was genau heißt es eigentlich, wenn China „Respekt“ verlangt, wie es Wen in Berlin jetzt wieder getan hat? Bezieht sich das nur auf die Interpretation der Menschenrechte in seinem Land? Oder sollen die Europäer dem wiedererwachten Schwergewicht aus Asien auch bei anderen Themen mit Zurückhaltung begegnen, gar mit Unterwürfigkeit?

Kein problematisches Verhältnis

Wahrscheinlich wirkt das alles viel bedrohlicher, als es tatsächlich ist. Wie in jedem halbwegs ordentlich geführten Land überlegt sich die Führung in China, wie ihren (wirtschaftlichen) Interessen am besten gedient ist. Für die größte Exportnation, die das Land nun seit einiger Zeit ist, wäre es geradezu sträflich leichtsinnig, keine engen Handelsbeziehungen zu Europa zu pflegen, schließlich ist die EU der größte Wirtschaftsraum der Welt. Auch die Investition in Euro-Anleihen ist klug, da die Chinesen ihren Staatsschatz bisher über die Maßen in Dollar angelegt haben.

Wir selbst machen es nicht anders: Europäische Firmen, deutsche vorneweg, sind ganz wild auf das China-Geschäft, und die hiesigen Banken legen über die diversen Asien- und Schwellenländerfonds erkleckliche Teile der europäischen Ersparnisse in China an. In der Globalisierung ist das sozusagen die Werkseinstellung.

Die entscheidende Frage lautet, ob die Abhängigkeit, die sich aus solchen (Geschäfts-)Beziehungen ergibt, gegenseitig ist oder zu Lasten einer Partei geht. Im Fall Europas und Chinas dürfte das Verhältnis unter dem Strich aber nicht problematisch sein. Die EU-Staaten importieren zwar mehr aus China, als sie dorthin ausführen, aber die europäischen Exporte sind zuletzt kontinuierlich gestiegen.

China steht auf Rang zwei der EU-Handelspartner, hat mit 13,9 Prozent aber keine dominierende Stellung. Dass die Volksrepublik europäische Staatsanleihen kauft, mag für kleine Länder wie Ungarn oder Griechenland schwer wiegen, insgesamt leihen sich Europas Regierungen aber aus vielen Quellen Geld, nicht zuletzt von ihren eigenen Bürgern. China ist seit vielen Jahren der Hauptgläubiger der Vereinigten Staaten, ohne dass Washington deshalb am Gängelband Pekings hinge. So ist das auch mit Europa. Unser Kontinent ist noch stark genug, um mit China zurechtzukommen.

Der Komfort der gefüllten Kriegskasse

Die wahre Lehre aus Wens Reise ist eine ganz andere. Der chinesische Ministerpräsident hat einem Kontinent, der seit langem über seine Verhältnisse lebt, vorgeführt, wie komfortabel eine gut gefüllte Kriegskasse ist. Erzwungen von der KP, hat China seinen neuen Wohlstand nicht konsumiert, sondern einen gewaltigen Staatsschatz angelegt, der jetzt dafür genutzt wird, all das zu kaufen, was eine große Macht auf der Weltbühne braucht: gute Beziehungen zu wichtigen (Handels-)Partnern, Rohstoffe in aller Welt und vor allem ein starkes Militär. Jahr für Jahr steigen die chinesischen Rüstungsausgaben um zweistellige Prozentsätze, es entsteht eine der großen Armeen der Zukunft.

In diesem weltgeschichtlich einschneidenden Moment versinkt Europa in Haushaltslöchern. Nicht nur in Griechenland haben mehrere Generationen auf Pump gelebt, die Liste der am meisten verschuldeten Staaten der Welt ist mit EU-Ländern gut gefüllt. Europa hat seine Zukunft schon verfrühstückt, Sozialausgaben und Schuldendienst sind auch in Deutschland die größten Etatposten.

Gestrichen wird dagegen bei der Verteidigung, was die Europäer jetzt gerade in Libyen auf die harte Art zu spüren bekommen: Ohne amerikanische Unterstützung haben sie nicht einmal die Mittel, um über einem dünnbesiedelten afrikanischen Wüstenland eine Luftoperation von ein paar Wochen durchzuhalten. Die Sorge, die man sich machen muss, lautet nicht, dass China Einfluss auf Europa gewinnt, sondern dass Europa sich selbst so schwächt, dass es China nichts mehr entgegenzusetzen hat.

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Jahrgang 1969, politischer Korrespondent für die Nato und die EU mit Sitz in Brüssel.

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