18.01.2004 · Das Weltsozialforum der Globalisierungskritiker findet in Bombay statt. Die Stadt verschluckt das Ereignis wie der Elephant die Mango.
Von Jochen Buchsteiner, Bombay"Was sagen wir eigentlich dem Taxifahrer, wenn wir morgens zum Veranstaltungsort wollen?" fragt eine Delegierte. "Sag einfach: Zum Nesco Ground, bitte." "Aber den kennt doch kein Taxifahrer!" "Da hast du leider recht." "Und wenn ich ihm sage: Zum Weltsozialforum, bitte?" Alexander, der ortskundige Praktikant, schüttelt den Kopf. Damit kann der Taxifahrer in Bombay erst recht nichts anfangen.
Es ist Donnerstag, der Tag vor der Eröffnung, und das kleine Häufchen deutscher Teilnehmer bereitet sich vor. Durch das Fenster des Sea Princess Hotel fällt die Abendsonne grell in den Raum. Jemand zieht die Vorhänge zu. Das Licht ist ausgesperrt, aber nun dringt laute Musik von unten hoch. Lothar Wentzel von der IGMetall, der auf dem Podium sitzt, herrscht einen Kellner an: "Can you please make the music not so loud?!" Der Kellner reagiert, macht aber wenig Hoffnung.
Die Zukunft um die Ecke
Bombay hat auf die Globalisierungskritiker nicht gewartet. Das brasilianische Porto Alegre nahmen die Delegierten in Besitz; Politiker erwiesen dem Forum die Ehre, sogar Staatspräsident Lula richtete ein paar Worte an die Teilnehmer. Bombay hingegen, die größte Metropole Indiens, verschluckt das Ereignis wie ein Elefant eine Mango.
Irgendwo, im Stadtteil Goregaon, haben die Veranstalter ein Ausstellungsgelände angemietet, und obwohl dort seit Freitag mehr als 70.000 Menschen trommeln, tanzen und demonstrieren, ist schon jenseits der Messemauern alles wie immer. Die Straßenkinder, die Bettler, die Geschäftsleute, die ihren zerschlissenen Bürostuhl an die Straße stellen und rauchend in den Tag stieren, sie alle wissen nicht, daß um die Ecke ihre Zukunft entworfen wird.
Laßt uns kämpfen
Auf dem vierten Weltsozialgipfel geht es um viel mehr als um die Armen, die nach wie vor als Opfer der "neoliberalistischen Globalisierung" gelten. Der palästinensische Menschenrechtler Mustafa Barghouti geißelt die Unterdrückungspolitik Israels, der irakische Aktivist Amir al Rekaby kritisiert das Vorgehen der Amerikaner in seinem Heimatland, der britische Parlamentarier Jeremy Corbyn beklagt das soziale Unrecht in der Welt, und der Star der Veranstaltung, die iranische Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi, sagt dem "Patriarchat im Osten" den Kampf an.
Irgendwann kapert noch eine Argentinierin das Podium und erinnert an das Schicksal der Verfolgten der früheren Militärdiktatur in ihrem Land. Zum Schluß hebt sie die Faust und schlägt mit ihr den Bogen zum gemeinsamen Glaubensbekenntnis: "Laßt uns kämpfen gegen Imperialismus, Diskriminierung und Neoliberalismus und alles, was uns vom Frieden fernhält!"
"Von Linken umgeben"
Auf der deutschen Vorbereitungskonferenz geht es konzentriert zu. In der Mitte des Podiums sitzt Sven Giegold vom deutschen Koordinierungskreis von Attac. Er ist eingerahmt von zwei Gewerkschaftsfunktionären. Die "produktive Zusammenarbeit" wird gewürdigt, und die beiden Arbeitnehmervertreter nicken, als Giegold die Philosophie des Sozialforums erläutert und es der "Bewegung" zurechnet, daß "zwar der Irak-Krieg nicht verhindert werden konnte", aber weltweit demonstriert wurde und die Bundesregierung dagegen war. Dann werden die Teilnehmer gebeten, sich einzeln vorzustellen.
Drei Jusos. Eine Dame der Dienstleistungsgesellschaft Verdi. Repräsentanten der Rosa-Luxemburg- und der Friedrich-Ebert-Stiftung. Johann aus Bremen, der "ein Projekt suchen will". Vier Bayern vom "Verein Rechte für Menschen aus München", der "alle Probleme integrieren" will. "Detlev von Larcher von Attac", sagt einer, der früher für die SPD im Bundestag saß. Eine Studentin der Sozialpädagogik, die "ganz, ganz doll gespannt ist". Der "Geschäftsführer von Mehr Demokratie aus Berlin". Zwei Männer vom "Projekt Weltparlament". Eine Ordensfrau der Dominikaner, "verantwortlich für Frieden und Gerechtigkeit in Europa". Ein Hamburger vom "Regenbogen für eine neue Linke". Und Peter Hesse, ein Unternehmer im Ruhestand, der mit seiner Privatstiftung Erziehungsprojekte in aller Welt fördert und sich "von Linken umgeben", aber trotzdem gut behandelt fühlt.
Nicht weit von Bush entfernt
Die Deutschen gleichen einer Familie im Cluburlaub. Einer spielt lieber Golf, ein anderer bevorzugt Yoga, der dritte liebt Bogenschießen, und ab und zu trifft man sich abends am Buffet. "Ich habe mit den anderen Deutschen nicht viel zu tun", sagt Susanne Luithlen. Die Geschäftsführerin des Vereins "Jubilee Germany - erlassjahr.de" ist nach Bombay gereist, um sich mit anderen Schuldenfachleuten "zu vernetzen". Das Weltsozialforum betrachtet sie nicht als politische Kundgebung, sondern als internationale "Messe", auf der sich die professionellen Weltverbesserer weiterbilden. Um gegen die Konkurrenz auf dem Jahrmarkt der Gutmenschen bestehen zu können, hat sie ihren Workshop aktuell gemacht: "Weg mit den illegitimen Schulden des Irak. Ein alternativer Ansatz" steht auf dem Flugblatt, das sie verteilt; es gilt, über Dutzende Parallelveranstaltungen zu obsiegen.
Frau Luithlen steht ein bißchen im Widerspruch zum Massencredo, dem zufolge die Vereinigten Staaten an allen Fehlentwicklungen in der Welt schuld sind. Ausgerechnet Washington setzt sich nun aber für die Entschuldung des Iraks ein. "In dieser Frage, ich muß es zugeben, sind wir nicht weit von Bush entfernt", sagt sie leicht selbstironisch.
"Böser Norden, guter Süden"
Viele Seminare beschäftigen sich mit der Diskriminierung von Frauen, Schwulen oder Lesben, würdigen aber nicht den Westen als Vorreiter der Emanzipation. Indien ist der Themenschwerpunkt "Ethnische und religiöse Konflikte" geschuldet. Wo aber werden so viele Minderheitenrechte gewährt wie in Amerika und Europa, und wer setzt sich stärker für sie ein? Wo ist ökologisches Gewissen beheimatet? Das Schema "böser Norden, guter Süden", dessen sich Galionsfiguren der Bewegung wie Arundhati Roy oder Naomi Klein bedienen, liegt wie eine vergammelte Schablone auf der Wirklichkeit.
In Bombay könnten die Aktivisten darauf aufmerksam werden, wie schwer es geworden ist, für die "Interessen der Dritten Welt" zu streiten. Stolz heftet Attac-Aktivist Giegold das Scheitern der Welthandelskonferenz in Cancun an die Brust der "sozialen Bewegung". Erstmals hätten die Entwicklungsländer dem reichen Westen die Stirn geboten, sagt er. Aber wie kommt es dann, daß ein Anführer der Cancun-Rebellen, nämlich Indien, so wenig Solidarität mit dem Sozialforum zeigt?
Religionsstreitigkeiten und Nationalismen
Premierminister Vajpayee ist zwar am Tag der Eröffnung nach Bombay gereist. Aber nur um ein Denkmal zu enthüllen und Dharavi, das größte Elendsviertel Asiens, zu besuchen. Sein Stellvertreter Advani eröffnete derweil eine Messe in der Hauptstadt Delhi, die die Inder weit mehr beschäftigt als das Sozialforum: die "Auto Expo 2004."
Seit sich Indien der Weltwirtschaft geöffnet hat, geht es bergauf. Durch Liberalisierung und Privatisierung hat sich nicht nur die Wirtschaftslage und mit ihr die Stimmung im Land verbessert. Die Globalisierung der Lebensentwürfe hat auch das politische Klima in Indien verändert. Mit Religionsstreitigkeiten und aggressiven Nationalismen, die sich stets am Verhältnis zu Pakistan entzündeten, ist immer weniger Staat zu machen. Das hat nicht nur der nachdenkliche Premierminister verstanden, sondern sogar ein Heißsporn wie Chefminister Modi im Bundesstaat Gujarat. Modi, der vor zwei Jahren antimuslimische Ausschreitungen geschürt hatte, ist zurückhaltend geworden, seit ihm ausländische Investoren davonlaufen.
Bloß kein Wasser aus dem Glas trinken
Indien ist immer noch ein Land krasser Gegensätze. In den guten Wohnvierteln im Süden Bombays stehen Apartmenthäuser, in denen die Mieten doppelt so hoch sind wie im Berliner Grunewald oder im Frankfurter Westend. Vor den Türen kauern obdachlose Krüppel und warten auf ein paar Rupien. In den elenden Siedlungen, die sich nicht selten im Schatten eines Luxushotels ausdehnen, fehlt es an Trinkwasser, an Strom, an Ärzten. Mehr als 200 Millionen Inder leben unterhalb der absoluten Armutsgrenze, nicht einmal zwei von drei Kindern besuchen eine Schule. Die Verzweifelten und Mutlosen könnten sich da an ihre Regierung wenden, die jährlich sieben Prozent Wachstum verteilen darf, sich über Devisenreserven in Milliardenhöhe freut und sich aus Prestigegründen auf den Weg macht, als Entwicklungshelfer aufzutreten.
Im Sea Princess Hotel wird nach Ernährungstips gefragt. Alexander, der Praktikant beim Weltsozialforum, ist schon seit drei Monaten in der Stadt und weiß wieder Bescheid. Bloß kein Wasser aus dem Glas trinken, rät er, nicht mal im Sheraton oder im Hyatt. Statt dessen versiegelte Plastikflaschen kaufen, wie Pepsi sie vertreibt. Und gegen die Mücken? Hilft immer noch das gute alte Autan, das an jeder Ecke zu kaufen ist. Als er dann noch für das Geldabheben die Automaten der internationalen Großbanken vorschlägt, verstummt die globalisierungskritische Diskussion für den Rest des Abends.
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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