27.01.2005 · Der Auftritt des brasilianischen Präsidenten Lula da Silva sorgte gleich zu Beginn des Weltsozialforums in Porto Alegre für Spannung. Mitglieder des ganz linken Flügels seiner Arbeiterpartei hatten ihn bezichtigt, seine sozialpolitischen Ideen „verraten“ zu haben.
Von Josef Oehrlein, Porto AlegreDer Auftritt des brasilianischen Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva sorgte gleich zu Beginn des Weltsozialforums in Porto Alegre für etwas Spannung. Vor allem Mitglieder des ganz linken Flügels seiner Arbeiterpartei (PT) hatten ihn noch am Eröffnungsabend bezichtigt, mit seinem liberalen Wirtschaftskurs seine sozialpolitischen Ideen „verraten“ zu haben.
Lula hatte seinerseits die Entwicklung des Forums kritisiert, das von der PT und ihm einst mitbegründet worden war. Doch eine geschickte Regie verhinderte den Eklat vor 15.000 Zuhörern und sorgte dafür, daß Pfiffe und Buhrufe bald im allgemeinen Jubel aufgingen: Lulas Ansprache war eingebettet in einen „globalen Aufruf“ für Aktionen gegen die Armut.
Lula preist unsichtbare Errungenschaften
Gewandet in eine schneeweiße Sportjacke pries Lula sogleich die Errungenschaften seiner bisherigen Amtszeit, gerade auch die sozialen, obwohl sie bislang für die Öffentlichkeit noch nicht allzu sichtbar geworden sind. Und er ging auf seine in Porto Alegre immer wieder kritisierte Absicht ein, wie schon vor zwei Jahren direkt zum Weltwirtschaftsforum nach Davos zu fliegen. Man müsse mit allen reden, meinte Lula.
Seinen Gesprächspartnern in Davos will Lula vor allem deutlich machen, daß es keinen Frieden gibt, so lange die Armut nicht behoben ist. Er versprach, Druck auf die Regierungen und die Wirtschaftssysteme auszuüben, und das hörte das Publikum gern. Dereinst, das hatte Lula auch schon vor zwei Jahren prophezeit, werde es ein Treffen zwischen den Teilnehmern beider Foren geben.
Lateinamerikanischer Anstrich
Zum fünften Weltsozialforum, der Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsforum in Davos, werden von diesem Donnerstag an 130.000 Besucher aus mehr als 100 Ländern in der südbrasilianischen Stadt Porto Alegre erwartet. 40 deutsche Organisationen sind vertreten. Bei 2.560 Seminaren, Vorträgen, Diskussionen und Arbeitstreffen sollen sich die Globalisierungskritiker austauschen.
Nachdem das Weltsozialforum im vorigen Jahr in der indischen Stadt Bombay stattfand, erhält es in diesem Jahr wieder einen lateinamerikanischen Anstrich. Indiogemeinschaften der Anden und bolivianische Kokabauern sind ebenso vertreten wie die argentinischen Straßenblockierer („Piqueteros“) und brasilianische Landlose und Favela-Bewohner.
Zukunft des Forums umstritten
Der venezolanische Präsident Hugo Chávez, der bei vielen Globalisierungskritikern große Sympathien genießt, ist einer der wenigen ausländischen Regierungsvertreter, die ausdrücklich zu dem Forum eingeladen wurden. Er will bei einer der Großveranstaltungen des Forums sprechen und ein Lager von Landlosen besuchen. Vor zwei Jahren hatte sich Chávez selbst eingeladen und außerhalb der Veranstaltungsstätten des Forums seinen Auftritt inszeniert.
Innerhalb des „Internationalen Rats“, der die Geschicke des Forums bestimmt, gehen die Meinungen über die Zukunft auseinander. Dennoch wurden bei Sitzungen des Rates in Porto Alegre einige Vorentscheidungen getroffen. So wird im nächsten Jahr das Forum an mehreren Orten gleichzeitig organisiert. Im Jahr 2007 soll es in Afrika stattfinden. Weitgehend Einigkeit besteht darüber, daß es auch künftig gleichzeitig mit dem Weltwirtschaftsforum in Davos ausgerichtet werden soll.
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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