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Weltausstellung 2010 Nie mehr im Schlafanzug auf die Straße

14.12.2009 ·  In einem halben Jahr beginnt die Expo in Schanghai. Ausgerechnet die Weltausstellung für ein besseres urbanes Leben beraubt die Stadt vieler Denkmäler. Auch Siedlungen, in denen einst europäische Juden Zuflucht gefunden hatten, werden zerstört.

Von Till Fähnders, Schanghai
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Die Fensterputzer baumeln über einem Abgrund von 263 Metern. Jeder sitzt auf einem schmalen Brett, nur mit ein paar Seilen gesichert. Sie wischen das Glas an Schanghais Fernsehturm – 468 Meter hoch und das Wahrzeichen der Stadt – wieder einmal blank. Auf der anderen Uferseite des Huangpu-Flusses renovieren Arbeiter den Bund, Schanghais Prachtstraße mit den Kolonialgebäuden. Seit Monaten versperren hässliche Bauzäune den Blick über den Fluss, der Schanghai in zwei Teile trennt. Hier verlegt ein Bauunternehmen die Uferstraße in den Untergrund. Das Projekt soll Ende des Monats fertig sein. Danach reißen die Wanderarbeiter aus der Provinz wieder anderswo in der Stadt den Asphalt auf, ziehen Neubauten hoch und schlagen alte Mauern ein.

Der Grund ist die Weltausstellung in Schanghai im kommenden Jahr. Ihr Thema ist das „nachhaltige und harmonische urbane Leben“. Doch die Vorbereitungen auf die Expo 2010 haben das Leben der 20 Millionen Einwohner Schanghais erst einmal kräftig durcheinandergebracht. Viele stöhnen über die verstopften Straßen, den ewigen Staub der Baustellen und die explodierenden Wohnungspreise. Junge Leute haben es derzeit schwer, sich den chinesischen Traum von der eigenen Wohnung zu erfüllen. Kürzlich wurde eine Fernsehserie zum Erfolg, in der eine junge Frau sich in die Arme eines hohen Funktionärs wirft, um die Wohnschulden ihrer Schwester zu bezahlen. Die fiktive Stadt Jiangzhou in der Serie ist kaum verhohlen Schanghai nachempfunden.

Schanghai ist der ideale Ort für die Ausstellung

Das Expo-Motto „Bessere Stadt, besseres Leben“ ist ein Versprechen, das erst noch eingelöst werden muss. Viele sehnen den 1. Mai 2010 herbei, wenn das Expo-Spektakel beginnt – oder auch den 31. Oktober, wenn es wieder endet. Schanghai ist dennoch der ideale Ort für die Ausstellung, denn viele urbane Probleme treten hier besonders stark auf, ob mit oder ohne Expo. Schanghai mit seiner Boomwirtschaft und der Börse hat den Ruf, das „New York der Zukunft“ zu sein oder die „Welthauptstadt des 21. Jahrhunderts“. Schanghai stößt viel mehr Kohlendioxid aus als andere asiatisch-pazifische Städte wie Sydney, Bangkok oder Tokio, wie eine Studie der Tongji-Universität zusammen mit dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen und dem deutschen Unternehmen Bayer gerade ergeben hat. Schanghai steht auch stellvertretend für die rapide Urbanisierung in China. Im nächsten Jahr werden 47 Prozent der Chinesen in Städten leben. Seit den Siebzigern sind schon fast 300 Millionen Chinesen in die Städte gezogen. Binnen 20 Jahren werden noch einmal so viele hinzukommen. In Chinas Metropolen ist es aber jetzt schon eng. In Schanghai, Peking oder Chongqing wohnen bis zu 60.000 Menschen auf einem Quadratkilometer, im Weltdurchschnitt sind es nur 10.000. Wo ließe sich also besser über die Frage nachdenken, wie die Stadt der Zukunft aussehen soll?

Das fünf Quadratkilometer große Expo-Gelände liegt in bester Stadtlage, ausgebreitet an beiden Ufern des Huangpu. Über der Baustelle ragt der chinesische Pavillon in den Himmel, dessen Bau von allen am weitesten gediehen ist. Er sieht aus wie eine umgedrehte, gestufte Pyramide, die mit der Spitze auf einem breiten Sockel steht. Die Maler haben ihn in demselben roten Farbton gestrichen, der auch die Mauern der Verbotenen Stadt in Peking ziert. Daneben steht ein gewaltiges Geflecht aus Planen und Stahlstreben. Es bildet einen überdachten Weg durch das Expo-Gelände, auf dem später die Besucher flanieren sollen. Auch der Bau des deutschen Pavillons ist weit fortgeschritten. Schon im Juli hatten die Organisatoren ihr Richtfest gefeiert. Andere Länder hinken hinterher.

Es werden 70 Millionen Besucher erwartet

Die Veranstalter sprechen von einer „Weltausstellung der Superlative“, auch wenn die Wirtschaftskrise die Erwartungen gedämpft hat. China will unbedingt die größte Weltausstellung der Geschichte präsentieren. Wie schon bei den Olympischen Spielen will das Land als neue Weltmacht glänzen. In Schanghai werden 70 Millionen Besucher erwartet, 240 Staaten und Organisationen haben zugesagt. Die Veranstalter haben schon fast zwölf Millionen Tickets verkauft. 300 neue Hotels sollen gebaut, Hunderte Kilometer neue U-Bahn-Strecken verlegt werden.

Auf der einen Seite wird fleißig gebaut, auf der anderen Seite fleißig abgerissen. Auf einem Trümmerfeld im Stadtteil Hongkou stehen Reste alter Backsteinhäuser, mit Verzierungen an der Wand und morschen Holzbrettern im Gebälk. Auf der anderen Straßenseite ragen die Baukräne in den Himmel. Hier am „nördlichen Bund“ entsteht eine weitere Einkaufs- und Geschäftsmeile mit Schiffsanlegern. In einem zur Hälfte abgerissenen Gebäude haust noch ein arbeitsloser Koch, der seinen Namen nicht nennen will. Er denkt mit gemischten Gefühlen an seinen baldigen Umzug. Das alte Gebäude hatte schwere Mängel. Durch das Dach regnet es rein. „Aber die neue Wohnung ist viel zu weit weg.“ Mehr als 30 Kilometer sind es von dort in die Stadt. Auch über die Entschädigung, die ihm die Regierung zahlt, ist er enttäuscht.

„Auch hier haben früher Juden gewohnt“

Vom heutigen Expo-Gelände wurden offiziell 18.000 Haushalte umgesiedelt. Nicht jede Umsiedlung und nicht jeder Abriss in Schanghai ist auf die Expo zurückzuführen. Doch die Weltausstellung hat viele zusätzliche Projekte angeschoben. Andere werden wegen der Expo schneller als geplant verfolgt. Dabei geht auch wertvolle Bausubstanz verloren. Neben dem Haus des arbeitslosen Kochs wurden in Hongkou einige Häuser zerstört, in denen einst deutsche und österreichische Juden auf ihrer Flucht vor den Nazis wohnten. Ende der dreißiger und Anfang der vierziger Jahre lebten bis zu 20.000 europäische Juden in Schanghai. Sie benötigten kein Visum für die Stadt. Als viele Städte keine Flüchtlinge mehr aufnahmen, war Schanghai deshalb der letzte rettende Hafen. „Auch hier haben früher Juden gewohnt“, sagt der frühere Koch und zeigt auf die Bruchhäuser an der Haimen-Straße.

Schanghai habe sich bemüht, einige alte Siedlungen unter Denkmalschutz zu stellen, sagt der Denkmalschützer Ruan Yisan. Doch die Abrissunternehmen unterstellten, dass alles, was nicht unter besonderem Schutz stehe, ohne Prüfung zerstört werden dürfe. „Das Bauen geht so schnell voran, dass wir mit unserer Arbeit nicht hinterherkommen“, sagt der Professor. Selbst in der offiziellen Presse wird über die grobschlächtige Stadtplanung geschimpft. Die Stadt, so klagen Kritiker, werde ihrer Seele beraubt.

In Schanghai vermischte sich vor 100 Jahren die chinesische mit der europäischen Kultur, es entstand eine einzigartige Architektur. Ein Teil davon wird nun einer fragwürdigen Modernität geopfert. In diesem Sinn haben die Behörden auch zum Feldzug gegen falsches Englisch („Chinglish“), gegen das Wäschetrocknen auf Balkonen oder gegen das Rauchen aufgerufen. Sogar die skurrile, aber durchaus charmante Angewohnheit mancher Schanghaier, mit dem Schlafanzug auf die Straße zu gehen, wurde zum Verstoß gegen die Etikette erklärt. Die Stadtoberen haben Angst, die Gäste könnten Schanghai für rückständig halten.

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Jahrgang 1976, politischer Korrespondent für Südostasien.

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