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Weißrußland Hochrufe auf ein anderes Land

20.03.2006 ·  Am Tag danach herrscht ein wenig Ratlosigkeit in Minsk. Die Opposition protestiert gegen die Manipulation bei der Wahl in Weißrußland. Präsident Lukaschenka läßt sich als Sieger feiern und nutzt die Staatsmacht, um einzuschüchtern. Doch Tausende Weißrussen trotzen der Angst.

Von Michael Ludwig, Minsk
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Am Tag danach herrscht ein wenig Ratlosigkeit, obwohl die Opposition in Weißrußland nicht damit gerechnet hatte, die Machtverhältnisse mit einem Schlag verändern zu können. Jeder wußte, daß in Weißrußland Wahlen gefälscht werden und daß die Staatsmacht in einer überwachten Gesellschaft Mittel und Wege kennt, die Bürger dazu zu bringen, ihr Kreuz an der richtigen Stelle zu setzen.

Aber der Aleksandr Milinkewitsch, der Kandidat der vereinigten demokratischen Kräfte (zu denen Nationalisten, Liberale und Kommunisten gehören), und Aleksandr Kasulin, der für eine sozialdemokratische Partei kandidierte, hatten gegen alle Behinderungen und Willkür durch die Behörden im ganzen Land Wahlkampf gemacht. Während sich Präsident Lukaschenka im Palast der Republik vor sowjetisch anmutender Szenerie als „Vater aller Weißrussen“ feiern ließ, wurden ihre Unterstützer zu hunderten verhaftet.

Warnung vor Provokateuren und Blutvergießen

Auf die Ankündigung der Opposition, sie werde gegen die Manipulation der Wahl protestieren, antwortete die Staatsmacht mit Einschüchterung: Wie Entenküken werde Ruhestörern der Hals umgedreht, hatte Lukaschenka, siegestrunken schon vor der Wahl, erklärt. Kurzmitteilungen an die Handybesitzer, in denen vor Provokateuren und Blutvergießen gewarnt wurde, sollten die Menschen dazu bringen, zu Hause zu bleiben.

Aber dann waren am Sonntag abend doch viele auf den Oktoberplatz im Zentrum von Minsk gekommen, und sie zeigten Farbe - Jeansblau, die Farbe, die für Wandel stehen soll, und Weiß-Rot-Weiß, die Farben der verbotenen Fahne der weißrussischen Nationalbewegung. Zeitweilig bis zu zehntausend vor allem junge Menschen zeigten ruhige Würde auf dem Geviert zwischen dem Palast der Republik, der Präsidentenresidenz und dem früheren Gewerkschaftspalast.

„Es lebe Weißrußland!“

Sie wußten, daß in den Nebenstraßen die Sondereinheiten der Miliz zum Angriff bereitstanden, aber als auf einem stationären Großbildschirm an der Stirnseite des Platzes die „böse Alte“, die Vorsitzende der zentralen Wahlkampfleitung, Lidija Jermoschina, die Zwischenergebnisse mit den sozialistisch anmutenden Siegquoten für Lukaschenka verkündete, machten die Menschen im Schneegestöber ihre Musik dazu. Sie quittierten die Auftritte Jermoschinas und Lukaschenkas mit gellenden Pfeifkonzerten. Wenn sie zur Antwort riefen: „Es lebe Weißrußland!“, meinten sie ein anderes Land, nicht den Polizeistaat, den diese beiden verkörpern.

Ein Transparent in der Menge beschwor den Glauben an den möglichen Sieg. Daß dieser nicht an einem Abend errungen wird, wußte hier jeder. Hauptsache sei, daß die Angst überwunden worden sei, war im Wahlkampf immer wieder wiederholt worden, in dem der Widerstand gegen die Angst verbreitende Diktatur ein Gesicht erhalten hatte - das von Aleksandr Milinkewitsch, der ruhig und beharrlich immer wieder seine politische Freiheitsbotschaft verkündete und seine Anhänger auf dem Oktoberplatz aufrief, am Montag abend wieder zu kommen.

Weißrussische Ritter weniger angriffslustig

Der Oktoberplatz hat seinen Namen von der Revolution im „roten Oktober“ 1917, dem Gründungsmythos der Sowjetunion. Lukaschenka bedient sich gerne der Symbole des untergegangenen Reiches. Auf vielen Fahnen der Demonstranten auf dem Oktoberplatz war dagegen ein zum Angriff bereiter Ritter auf einem galoppierenden Pferd abgebildet, die „Pahonija“, die in den ersten Jahren der Unabhängigkeit das Wappen Weißrußlands war, bevor Lukaschenka es durch das nur leicht veränderte alte sowjetische Wappen ersetzte.

Auch die Litauer nehmen den Ritter für sich in Anspruch. Bei ihnen ist er dynamischer, das Pferd erhebt die Vorderbeine etwas höher zum Sprung, der Pferdeschwanz ist angriffslustig in die Luft gestreckt. Der weißrussische Ritter wirkt weniger angriffslustig und wird länger bis zum Ziel, der Freiheit, brauchen. Daß der weißrussische Ritter irgendwann das Lukaschenka-Regime niederreitet, stand für die jungen Weißrussen auf dem Oktoberplatz fest. Daß sie am Sonntag der Angst die Stirn boten, war ein wichtiger Schritt auf dem Weg dahin.

Quelle: F.A.Z., 21.03.2006, Nr. 68 / Seite 2
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Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

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