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Weißrußland Diktator in wogendem Kornfeld

28.08.2005 ·  Der Alltag in Weißrußland ist bedrückend und komisch zugleich. Das Fernsehen zeigt eine schale Scheinwelt und warnt vor dem Ausland als ein Reich des Schreckens. Doch die Bilder scheinen weniger gründlich abzuschrecken als erwünscht.

Von Andrea Gotzes, Minsk
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Die junge Frau wirft sich im Bett hin und her. Schreckliche Vorahnungen rauben ihr den Schlaf - bis eine Einblendung an die Möglichkeit erinnert, bei Fragen zu einem Auslandsaufenthalt die Behörden um Rat zu bitten. Der Spot des weißrussischen Fernsehens gilt als Beitrag zu einer Kampagne gegen internationalen Frauenhandel. Jenseits der Landesgrenzen, so flüstert er, lauern Unwägbarkeit und Gefahr.

„Bei uns sollte man nicht zu oft fernsehen!“ warnt ein Bekannter in Minsk. „Sonst droht Gehirnerweichung.“ Doch kann Fernsehkonsum dazu dienen, etwas zu erfahren über diese Gegend Europas, in der allenthalben Mobiltelefone klingeln, Kleinbusse mit Aufschriften wie „Bäckerei Klein, Stuttgart-Vaihingen“ für Überlandverbindung sorgen und selbst am Rand der Hauptstadt die Bewohner einstöckiger Holzhäuser ihr Wasser noch am Brunnen holen.

Du sollst kein Falschgeld drucken!

Das staatliche Fernsehprogramm wirft das Spiegelbild eines Landes zurück, das zwischen den Welten, zwischen den Zeiten und unter der Knute eines Diktators steht. Die Nachrichten zeigen Präsident Lukaschenka - mit Putin, mit Bauhelm oder beim Eishockeyspielen. Daneben gibt es Quizsendungen, amerikanische Actionfilme und sowjetische Nostalgieware. In den Werbeblöcken wechseln Spots, die Putzmittel und Limonaden aus dem Westen anpreisen, mit „sozialer Reklame“.

Eindringlich wird in diesen Beiträgen den Menschen ans Herz gelegt, einen Feuermelder zu installieren und den Aufzug korrekt zu benutzen. Noch wichtiger die Liste unerwünschter Verhaltensweisen: Du sollst kein Falschgeld drucken! Du sollst keine Spurrillen verursachen! Du sollst nicht fluchen: Kraftausdrücke verschmutzen die Ohren unserer Kinder! Und du sollst dich nicht tätowieren lassen, und tust du es, dann beklage dich nicht, wenn du Aids bekommst.

„Dich hätten die Amis schon erwischt“

Kein Entkommen gibt es auch bei militärischen Sujets. Sie beschränken sich nicht auf die Filme, in denen der Große Vaterländische Krieg als siegreiches Schlachtengemälde über die Kanäle flimmert. Die Geschichtspräsentation bildet den Hintergrund für die Panzer von heute. In episch gefilmten Manövern rollen sie durch den Matsch; am Wegesrand steht schon einmal ein Pope mit Weihwasserkessel bereit. Dann erläutert ein Fachmann im Studio sein Minensuchgerät - bis Alexander Lukaschenka dem Volk von der Wehrhaftigkeit der Truppen kündet.

„Schließlich könnten täglich die Amerikaner einmarschieren, und das seit Jahren“, feixt Andrej Iwanowitsch (alle Namen geändert). Der Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften deutet auf den Garderobenständer in seinem Büro. Dort hängt ein braungrünes Stoffbeutelchen, in dem sich eine Gasmaske aus Uraltbeständen der Sowjetarmee befindet. Minuten nestelt Andrej an dem zwischen Haken und Jacken verwurstelten Bändel. „Dich hätten die Amis schon erwischt“, meint trocken sein Kollege.

Nur ein Teil der Kritiker zeigt Kampfgeist

Glühende Kritiker von Lukaschenka sind sie beide. Andrej Iwanowitsch war in einer Oppositionspartei aktiv. Die politische Arbeit hat ihn frustriert. Daß es der Opposition an Einigkeit mangele, sei ein Werk des Geheimdienstes, sagt er. Mit Intrigen läßt sich das Vertrauen untergraben, das für eine Zusammenarbeit nötig ist. Wie allgegenwärtig der Gedanke ist, man könnte abgehört werden, zeigt sich, sobald politisiert wird. Wie in der späten Sowjetunion geht man unterschiedlich damit um. Manche scheren sich wutschnaubend um gar nichts, andere senken die Stimme sogar auf der Straße. Die meisten reden frei von der Leber weg - aber nicht am Telefon.

Angesichts empfindlicher Sanktionen, die jedem aufmüpfigen Bürger drohen, zeigt nur ein Teil der Lukaschenka-Kritiker Kampfgeist. Die übrigen beschränken sich auf ironische Kommentare. Manche erzählen zur Erläuterung ihres seelischen Zustandes einen alten Witz: Der Zar erhöht die Steuern. Das Volk weint. Der Zar erhöht die Steuern abermals. Das Volk weint und klagt. Der Zar erhöht die Steuern noch einmal. Das Volk lacht und lacht. „Aha, verstehe“, sagt der Zar. „Da ist nichts mehr zu holen.“

Frechheit der Propagandalügen

Allerdings hat sich nicht das ganze Volk dem Gelächter ergeben. „Ich verstehe gar nicht, was die alle gegen unseren Präsidenten haben. Ich bekomme pünktlich meine Rente, und die Busse und Bahnen fahren“, meint Ludmila Petrowna, die mit ihrem Mann in Minsk in einer Einzimmerwohnung lebt. Ein Schränkchen in der Küche hat sie mit einer Lukaschenka-Postkarte verziert. Das Konterfei ist im Schreibwarenhandel zu erstehen - groß oder klein, Hoch- oder Querformat. Ludmila hat die romantische Version gewählt: Staatsoberhaupt in wogendem Kornfeld. Daß der Präsident ein prima Kerl sei, ist auf dem Dorf oft zu hören. Seine Anhänger erklären, warum er sich von Stalin positiv abhebt: Der sowjetische Diktator hat sein eigenes Volk nicht geachtet. Dagegen Lukaschenka! Der kümmert sich. Die Renten werden gezahlt, und die Busse und Bahnen...

Einem Wechselbad der Gefühle setzt Weißrußland den Reisenden aus. Die Frechheit der Propagandalügen läßt Zorn und Widerwillen hochsteigen. Zugleich geht bei einer Fahrt durch das Land das Herz weit auf. Die Gastfreundschaft zwischen Brest und Vitebsk ist oft überwältigend. Ihre äußeren Zeichen sind Wodka und Buttercremetorte; ihr Kern ist die Zeit, die man sich nimmt, um miteinander zu reden.

Ausland: Ein Reich des Schreckens?

Aufgeschlossen reagiert auch Portiersfrau Irina auf den Gast aus Berlin. Ihre Freundin wolle unbedingt nach Deutschland, erzählt sie. Einen reichen Mann wolle sie heiraten, und über eine Agentur sei sie schon einmal bei einem Interessenten zu Besuch gewesen. Der Besichtigungstermin verlief im Sande, aber Irinas Freundin sucht weiter. Warum sie das tut, ist für Irina ein klarer Fall; warum sich aber deutsche Männer in osteuropäischen Ländern umschauen, kann sie sich nicht recht erklären. „Daß wir vor den Männern mehr kuschen, würde ich nicht sagen“, meint sie mit einem unkämpferischen Lächeln. Auch die gepflegte Dame Ende 50 im klapprigen Vorortbus will weg aus Weißrußland. Der Ehemann im westlichen Ausland, nach dem sie Ausschau hält, soll um die 60 Jahre alt und gut bei Kasse sein.

Die Fernsehbilder, die suggerieren, daß das Ausland ein Reich des Schreckens sei, scheinen weniger gründlich abzuschrecken als erwünscht. Nicht nur aus Hunger nach Demokratie haben so manche etwas gegen die Zustände in ihrem Vaterland einzuwenden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.08.2005, Nr. 34 / Seite 8
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