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Wahl in den Niederlanden : Kiffen, Abtreibung und Homeoffice

Coffeeshop in Amsterdam Bild: Picture-Alliance

Warum die Niederländer viele politische Experimente eingehen – und warum das nicht nur mit dem liberalen Geist des Landes zu tun hat.

          Das erste Land, in dem Frauen abtreiben durften, das Marihuana teilweise legalisierte und Hausbesetzungen erlaubte: In vielen Politikfeldern haben die Niederlande eine Vorreiterrolle eingenommen. Seit Jahrzehnten gilt das kleine Land als politisches Versuchslabor Westeuropas. Woran das liegt? Die Niederländer stehen in dem Ruf, weltoffener und toleranter zu sein als ihre europäischen Nachbarn. Ab den sechziger Jahren wandelte sich die niederländische Gesellschaft tatsächlich zu einer „permissive society“, einer Gesellschaft mit sehr liberalen sozialen Normen.

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Durch eine wachsende Individualisierung, Entkirchlichung und Säkularisierung orientierten sich die Niederländer immer weniger an den sogenannten Säulen der Gesellschaft, den protestantischen, katholischen, sozialdemokratischen und liberalen Eliten des Landes, sagt Friso Wielenga, Leiter des Zentrums für Niederlande-Studien in Münster.

          Der neue Trend zur Selbstbestimmung traf auf eine alte Tugend der Niederländer: ihre Bereitschaft, Probleme pragmatisch zu lösen. Diese findet ihre Vollendung im „Dulden“, dem bewussten Nicht-Ahnden von eigentlich verbotenem Verhalten. „So versuchen die Niederlande, bestimmte Problematiken beherrschbar zu halten“, sagt Wielenga – auch wenn dies teilweise zu merkwürdigen Situationen führe. So sei es derzeit legal, in Coffeeshops kleine Mengen Marihuana zu kaufen, während die Lieferung von Drogen an die Coffeeshops illegal sei, aber nicht verfolgt werde.

          Wagemutig will Wielenga diese niederländische Art des Problemlösens nicht nennen. „Eher geht es um die pragmatische Suche nach tragfähigen Lösungen für gesellschaftliche Fragen in einer stark individualisierten und säkularisierten Gesellschaft.“ Durch diese unkonventionellen Lösungen hat sich das Bild vom liberalen Vorreiter Niederlande nach und nach entwickelt – und gehalten, trotz des Rechtsrucks, den das Land vor rund zehn Jahren nach den Morden an dem Politiker Pim Fortuyn und dem Regisseur Theo van Gogh vollzogen hat. Plötzlich erschien das Fremde den Niederländern weniger als Bereicherung denn als Bedrohung.

          Aber selbst in diesem veränderten Klima wird weiter experimentiert. Zuletzt verabschiedete die Zweite Kammer des niederländischen Parlaments ein Gesetz, wonach Arbeitgeber ihren Mitarbeitern Heimarbeit ermöglichen müssen.

          Das Recht auf Homeoffice

          Vom Sofa aus Kostenvoranschläge verschicken oder auf dem Balkon Kundenanfragen bearbeiten – für Niederländer muss das kein Wunschtraum bleiben. Seit Juli 2015 gibt es dort in Unternehmen mit mindestens zehn Beschäftigten einen Rechtsanspruch auf Homeoffice. Damit ist das kleine Land internationaler Vorreiter bei der Heimarbeit.

          Die Niederlande erproben schon lange flexible Arbeitszeitmodelle: In den siebziger Jahren, als zum ersten Mal viele Frauen auf den Arbeitsmarkt drängten, entstanden zahlreiche Teilzeitjobs und Stellen mit befristeten Verträgen. Seit den neunziger Jahren können niederländische Arbeitnehmer ihre Arbeitszeit leichter reduzieren. Tatsächlich arbeiten in keinem anderen europäischen Land so viele Menschen in Teilzeit wie in den Niederlanden. Vor allem Frauen nutzen diese Möglichkeit, um ein eigenes Einkommen zu haben, aber gleichzeitig dem noch immer verbreiteten Ideal der „guten Mutter“ nachzukommen.

          Das Recht auf Homeoffice war allerdings nicht nur ein Geschenk an die Arbeitnehmer, sondern Teil einer Reform des Pflegesystems: Damit sich der Staat aus diesem Bereich zurückziehen konnte, sollten Arbeitnehmer bessere Möglichkeiten erhalten, sich um pflegebedürftige Angehörige zu kümmern.

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