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Veröffentlicht: 17.07.2017, 14:59 Uhr

Verteidigung des Westens Warum Deutschland die freie Welt nicht anführen kann

Angesichts von Donald Trump im Weißen Haus sei die deutsche Kanzlerin die neue Hüterin des Westens, sagen manche. Dabei ist Deutschland völlig ungeeignet, das durch Trump entstandene Vakuum zu füllen. Ein Gastbeitrag.

von James Kirchick
© AP Angela Merkel führt ein Land, das nicht in der Lage ist, die Werte des Westens auf der Weltbühne zu verteidigen

Kann die deutsche Kanzlerin Angela Merkel die Fahne des Westens hochhalten, jetzt, da Donald Trump sie fallengelassen hat, um die Fahne von „America first“ zu schwingen?

Das ist sicher die Hoffnung einer wachsenden Zahl von Menschen überall auf der Welt. Nach einer Studie des Pew Research Centers unter Bürgern der G-20-Staaten haben nur die Menschen in Russland und Indien mehr Vertrauen in den amerikanischen Präsidenten als in die deutsche Kanzlerin. Bei den wichtigsten amerikanischen Verbündeten Frankreich, Südkorea, Großbritannien, Kanada, Japan und Australien gaben zwei Drittel oder noch mehr der Befragten an, dass sie Merkel vertrauen, während nur 30 Prozent oder weniger Vertrauen in Trump äußerten.

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Die Auffassung, Merkel sei jetzt naturgemäß die „Anführerin der freien Welt“, ist in den letzten Wochen von zahlreichen Experten geäußert worden. Doch abgesehen davon, dass viele derjenigen, die Merkel als faktische Führerin des Westens feiern, Trump nun gerade dafür angreifen, dass er diesen Westen in der vergangenen Woche in Warschau verteidigte, weil sie sein Konzept des „Westens“ als Chiffre für „weiße Vorherrschaft“ lesen: Auch Merkel selbst weist diese Rolle bescheiden zurück, und das aus gutem Grund. Deutschland ist in keiner Weise qualifiziert – oder auch nur interessiert daran –, die Rolle der globalen Führerschaft auszufüllen.

Deutschland, das am meisten bewunderte Land der Welt

Es ist nicht schwer zu verstehen, warum so viele Menschen, vor allem entmutigte amerikanische Liberale, in diesen herausfordernden Zeiten so auf Deutschland blicken. Nach einer Umfrage der BBC aus dem Jahr 2013 ist Deutschland das am meisten bewunderte Land der Welt. Mit ihrer Politik der offenen Arme für Flüchtlinge, egal wie schlecht durchdacht sie im Nachhinein war, hat Merkel viele für sich eingenommen. Und sie steht in scharfem Kontrast zu einem amerikanischen Präsidenten, der grausam versucht, Amerika vor den Armen, den Schwachen und den Erschöpften abzuschotten. 

47500817 © dpa Vergrößern Merkel in der vergangenen Woche in Meseberg (Brandenburg)

Nimmt man noch das Bekenntnis Deutschlands zu grüner Energie, diplomatischem Multilateralismus und einem Heer anderer altruistischer Initiativen hinzu, beginnt man zu verstehen, wie das Land, das früher die Abgründe des menschlichen Bösen verkörperte, sich selbst – zumindest in der Sicht vieler – in die größte moralische Nation der Welt verwandelt hat.

Deutschland kann seine Werte nicht verteidigen

Doch egal, wie stark sie die Werte des Westens – Pluralismus, Offenheit, Demokratie – auch verkörpern mag: Angela Merkel führt ein Land, das in keiner Weise in der Lage ist, diese Werte auf der Weltbühne zu verteidigen, und schon gar nicht im gleichen Maße wie die Vereinigten Staaten. Die liberale Weltordnung, die Washington gemeinsam mit seinen Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg erschaffen hat, wird schließlich von der enormen und unerreichten militärischen Stärke und Reichweite der Vereinigten Staaten untermauert. Deutschland bleibt sieben Jahrzehnte nach diesem zerstörerischen Konflikt hingegen eine Nation, die mit dem Pazifismus verheiratet ist.

Bei allem berechtigtem Kummer über Trumps Verunglimpfung der Nato und seine Zweideutigkeit in Bezug auf das amerikanische Bekenntnis zum Beistandspakt in Artikel 5 des Nato-Vertrags: Es war ein deutscher sozialdemokratischer Außenminister, der im vergangenen Jahr die Nato-Militärübungen in Osteuropa als „Kriegstreiberei“ und „Säbelrasseln“ bezeichnete. Heute hat ein anderer sozialdemokratischer Außenminister entschieden, die Nato zum Wahlkampfthema zu machen, indem er Trumps Forderung, Deutschland müsse zwei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung ausgeben, als „völlig unrealistisch“ bezeichnet. Dabei sind die Sozialdemokraten an der Bundesregierung beteiligt, die auf dem Nato-Gipfel 2014 einer Erhöhung der Verteidigungsausgaben zugestimmt hat.

47557433 © AFP Vergrößern Schon lange ist Deutschland Europas schwächstes Glied im Widerstand gegen russische Einflussnahme

Trump ist für seinen Vorschlag im Präsidentschaftswahlkampf angegriffen worden, das amerikanische Bekenntnis zu Artikel 5 solle davon abhängen, ob die Mitgliedsstaaten ihre (nicht existenten) Nato-„Beiträge“ zahlen. Dabei ist eine Mehrheit der Deutschen der Meinung, dass ihr Land einen Nato-Verbündeten im Fall eines Angriffs nicht mit Gewalt verteidigen sollte. In einer Umfrage in acht Nato-Staaten waren die Deutschen am wenigsten dazu bereit, das zu tun.

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