10.10.2004 · Während im Kabinett fröhlich Ränke geschmiedet werden, versucht sie sich auf Sachfragen zu konzentrieren: Kenias ehrenwerte Nobelpreisträgerin Maathai gehört einer zweifelhaften Regierung an.
Von Thomas ScheenWer versucht, ans Ende des Regenbogens zu gelangen, wird zwangsläufig enttäuscht. Dabei wirkte das kenianische Oppositionsbündnis der "Nationalen Regenbogenallianz" (Narc), das Ende 2002 die Regierung Daniel Arap Mois nach mehr als zwei Jahrzehnten Mißwirtschaft ablöste, zunächst tatsächlich wie das Versprechen auf eine bessere Welt. Die Allianz hatte interne ethnische Rivalitäten souverän überwinden können, sie sprach von einer Verfassungsänderung, um einen Ministerpräsidenten zu installieren, versprach die schonungslose Bekämpfung der Korruption und ein kleines Wirtschaftswunder. Kurz: ein neues Kenia.
Das Bündnis wirkte um so glaubwürdiger, als es von Persönlichkeiten getragen wurde, die über jede Zweifel erhaben waren: Charity Ngilu beispielsweise, die Vorsitzende der kleinen Sozialdemokratischen Partei und konsequente Kämpferin gegen die Korruption, wurde Gesundheitsministerin. Die neue Friedensnobelpreisträgerin, die mutige Frauenrechtlerin und Umweltschützerin Wangari Maathai, wurde stellvertretende Umweltministerin. Und schließlich wurde John Githongo, der Transparancy International zur bekanntesten Nichtregierungsorganisation in Kenia gemacht hatte, in der Regierung Kibaki ständiger Sekretär für gute Regierungsführung - seither wird er "Mister Proper" genannt.
Doch inzwischen, knapp zwei Jahre nach dem Machtwechsel, ist die Regierung unter Kwa Kibaki zur spiegelbildlichen Karikatur ihrer Vorgängerin geworden. Zwar hat die Zahl der kleinen Korruptionsfälle abgenommen, dafür aber sind die Preise gestiegen. Korruptionsbekämpfung in Kenia sieht heute so aus: ein Schalter, dahinter ein Beamter, davor ein Plakat, auf dem höflich darum gebeten wird, den Herrn nicht zu füttern. Doch weiter oben in den Rängen der Hierarchie wird geklaut wie nie zuvor.
Teeren und Federn
Der britische Botschafter in Kenia, Edward Clay, machte dies im Sommer deutlich, als ihm wohlkalkuliert der maßgeschneiderte Kragen platzte und er die Regierung öffentlich eine "Bande von Vielfraßen" nannte, die "so viel fressen, daß sie uns anschließend auf die Schuhe kotzen". Clay rechnete vor: 150 Millionen Euro verschwanden seit der Machtübernahme vor knapp zwei Jahren spurlos. Moi, der Kenia immerhin länger als 20 Jahre regierte, kam auf "nur" 800 Millionen Euro. Die Namen der Kabinettsmitglieder, die nicht korrupt seien, zürnte der Mandarin aus dem Foreign Office, "passen auf die Rückseite einer Briefmarke".
Es war Wangari Maathai, die als einziges Kabinettsmitglied dem Rundumschlag Clays Verständnis entgegenbrachte: Der Botschafter habe erklären wollen, daß man ganz einfach Steuergelder in Europa einsammeln könne, damit diese "anschließend in Afrika gestohlen werden". Ihren Kollegen stand daraufhin der Sinn eher nach Teeren und Federn.
Schmiergelder als „Kommission“
Wie zur Bestätigung von Clays Vielfraß-Theorie wurde fast zur gleichen Zeit "Mister Proper" nach unten durchgereicht, nachdem sich das Parlament nahezu anderthalb Jahre auf den Mann eingeschossen und keine Gelegenheit ausgelassen hatte, seine Befugnisse zu beschneiden. Anlaß war eine kleine Kabinettsumbildung, bei der Githongos bislang beim Präsidenten angesiedeltes Büro ins Justizministerium verlagert werden sollte. Es bedurfte massiver Proteste von Botschaften und Geldgebern, um die faktische Entmachtung des Antikorruptionsbeauftragten wieder rückgängig zu machen.
Wie es im Kenia der Regenbogenallianz wirklich zugeht, verdeutlicht der jüngste Coup, die Anglo-Leasing-Affäre. Eigentlich wollte die Regierung neue Ausweise kaufen und nicht mehr als zehn Millionen Dollar dafür ausgeben. Drei Firmen bewarben sich vergeblich. Schließlich erhielt ein französisches Unternehmen den Zuschlag, obwohl es an der Ausschreibung gar nicht teilgenommen hatte. Ruchbar wurde die Geschichte, als ein britisches Finanzinstitut namens Anglo Leasing im Auftrag der Franzosen 1,3 Millionen Dollar an die kenianische Regierung überwies und den Transfer in aller Unschuld als "Kommission" deklarierte. Zu diesem Zeitpunkt war das ursprüngliche Volumen für den Ausweis-Auftrag schon von zehn auf 34 Millionen Dollar angewachsen.
"Warten auf Entscheidungen des Ministers"
Ironie des Schicksals: Es war ein Mann der Moi-Partei, ausgesprochen erfahren in Parallelgeschäften und doppelter Buchführung, der das Manöver publik machte. Die Regierung reagierte indes wie die berühmten drei Affen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Stellvertretend für ein zutiefst enttäuschtes Volk zürnte ein Fernsehjournalist, diese Regierung brauche nur ein Jahr, um das zu bewerkstelligen, wofür Moi zehn Jahre benötigt hatte.
Und die Umweltschützerin, Frauenrechtlerin und Friedensnobelpreisträgerin Maathai? Es heißt, sie halte sich aus den fröhlichen Ränkeschmieden innerhalb des Kabinetts heraus und konzentriere sich auf Sachfragen. Sie sagt, sie wünsche sich mehr Kompetenzen und leide unter dem "Warten auf Entscheidungen des Ministers". Das klingt fast wie innere Emigration. Ihr Chef heißt übrigens Newton Kulundu - und sein Name hätte mit Sicherheit keinen Platz auf Clays berühmter Briefmarke.
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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