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Freitag, 10. Februar 2012
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Wandel einer Stadt Das Gedächtnis von Damaskus

10.07.2010 ·  Lange Zeit verfielen die Häuser der Altstadt von Damaskus. Doch inzwischen hat der syrische Jetset das alte Herz der Stadt für sich entdeckt. Nicht alle sind froh darüber, denn Bewohner werden verdrängt, und alte Pracht weicht orientalischem Kitsch.

Von Christoph Ehrhardt, Damaskus
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Es sind keine guten Zeiten für Kaffeehauserzähler. Und so ist Rashid al Halak Abu Shadi wieder einmal gar nicht zufrieden. Er ist Hakawati von Beruf, ein Geschichtenerzähler alter Schule. Es heißt, Abu Shadi sei der letzte Hakawati, der in Damaskus regelmäßig auftritt. Sein Arbeitsplatz ist das Café Nofara, das in einer Gasse der Altstadt von Damaskus direkt hinter der Umayyadenmoschee liegt. Wenn es Abend wird, steigt Abu Shadi auf seinen hohen Sitz, der ein bisschen wie ein Thron aussieht. Er setzt einen roten Fes mit schwarzer Quaste auf, nimmt sein Geschichtenbuch in die eine und einen langen Stock in die andere Hand und beginnt zu erzählen.

Er erzählt von den Abenteuern des berüchtigten Mamlukensultan Baybars, der seinerzeit sowohl die Kreuzritter als auch die Mongolen schlug. Wenn der skrupellose Heerführer, der in der Erzählung ein Held ist, seine Krieger zur Schlacht ruft, dann legt Abu Shadi ein tiefes Grollen in seine Stimme, und am Höhepunkt der Ansprache lässt er seinen Stock auf einen Metallrahmen niederfahren, dass es knallt.

Aber die Leute sind an diesem Abend nicht besonders aufmerksam. Selbst seine Freunde, die alten Herren am Tisch direkt neben seinem Hochsitz, stecken die Köpfe zusammen und tuscheln. Nur aus Höflichkeit ruft ab und an einer dazwischen, um das Geschehen zu kommentieren. Obendrein knausern die Touristen, die das als Sehenswürdigkeit angepriesene Kaffeehaus aufsuchen, mit Trinkgeldern. Abu Shadi hegt den Verdacht, die Kellner, die mit ihren Tabletts zwischen den kleinen Tischen umhereilen und den Gästen starken Tee und Kaffee servieren, steckten einen Teil davon in die eigene Tasche.

Nicht nur das Café Nofara verändert sich

Abu Shadi nimmt sich nach seinem Auftritt noch Zeit für eine Gruppe Amerikaner, denn er ist ein freundlicher und auch ein geschäftstüchtiger Mann. Dann lässt er sich schwer auf seinen Stuhl fallen und zündet sich eine Zigarette an. „Seit 19 Jahren arbeite ich in diesem Café“, sagt er durch den Dunst. Viele Jahre sei er vorher schon mit seinem Vater gekommen, um den Geschichten des Hakawatis zu lauschen. „Es hat sich einiges verändert“, sagt Abu Shadi.

Nicht nur, dass die beliebten Seifenopern im Fernsehen den Hakawatis das Leben schwer machen. Selbst der Ort, an dem ihnen früher die Abende gehörten, verändert sich. Das Kaffeehaus wirkt wie ein Relikt aus einer Zeit, die man nur noch aus Büchern oder Träumen kennt. Wenn Abu Shadi seine Geschichten erzählt, dann nimmt er seine Zuhörer mit auf eine Reise dorthin. Die Gegenwart behagt ihm nicht. „Die Altstadt droht ihren Charakter zu verlieren“, sagt Abu Shadi, der darüber sehr besorgt ist. Denn die seltsame Macht, die von den verwinkelten Gassen und den alten Häusern Besitz ergreift, ist stark.

Die Häuser der Altstadt verfallen schon seit vielen Jahren. In den fünfziger Jahren hatte es die meisten Leute in die klobigen Bauten der Neustadt gezogen. Die sind nicht schöner, aber komfortabler. Die alten Häuser wurden verkauft, und die neuen Eigentümer erfreuten sich weniger an der alten Pracht als an den vielen Zimmern, die sie günstig an arme Familien vermieten konnten. Da die Mieten aber auch nicht viel abwarfen, schritt der Verfall voran.

Interessierte Touristen und investierfreudige Geschäftsleute

Es muss Ende der neunziger Jahre gewesen sein, als die Leute in Damaskus die Altstadt wiederentdeckten. Es kamen mehr Touristen, die sich dafür interessierten, dann Geschäftsleute, die investierten. Sie machten schicke Restaurants, Bars, Hotels, Galerien oder Nachtklubs aus den alten Häusern.

So stiegen die Quadratmeterpreise nach und nach auf Tausende von Dollars. In den besten Lagen werden mitunter Millionenbeträge für ein Anwesen verlangt. Starrköpfige Mieter, die über alte, günstige Mietverträge verfügen, können da zum Problem werden. Vor ein paar Jahren reformierte die Regierung das Mietrecht, um Regeln für Streitfälle zwischen Eigentümern und Mietern zu schaffen. Seitdem müssen die Besitzer das Haus entweder den Mietern zum Kauf anbieten oder sie am Erlös beteiligen.

So zieht eine neue Zeit in die alten Wohnviertel ein. Junge Leute, die es sich leisten können, machen die Nächte zum Tag. Im Hotel „Talisman“ im jüdischen Viertel, wo eine Nacht das Vielfache dessen kostet, was ein syrischer Lehrer im Monat verdient, stiegen schon Filmstars wie Angelina Jolie, Brad Pitt und der Regisseur Francis Ford Coppola ab. Ihnen hat die folkloristische Pracht des Innenhofs mit dem kleinen Pool in der Mitte vermutlich gefallen.

Ein orientalisches Disneyland

Doch Geschichtsbewusste unter den Einheimischen schimpfen, die Geschäftemacher ließen die Altstadt zu einem orientalischen Disneyland verkommen. Originalgetreue Restaurierung ist in Damaskus eher die Ausnahme. Andere halten dagegen, wenn nichts passiere, dann drohe der totale Verfall, und das könne ja auch keiner wollen, und wiederum andere freuen sich, über die neuen Nachtlokale, die auch neue Freiräume sind.

Die Regierung muss nun eine Balance finden zwischen Erneuern und Bewahren. Im Allgemeinen neigt sie eher zum Bewahren, in dieser speziellen Frage aber scheint sie sich dem Wandel hinzugeben. Präsident Assad legt großen Wert auf die wirtschaftliche Entwicklung seines Landes und schätzt den Tourismus als Einnahmequelle. Die Altstadtdirektion, die eigentlich lieber Verordnungen sprechen lässt, muss zwischen politischem Willen und den Bedürfnissen der Altstadtbewohner vermitteln. Das Problem ist nur, dass die Staatsbeamten damit so ihre Schwierigkeiten haben.

Vor etwa zwei Jahren wollte die Altstadtdirektion die Gerade Straße restaurieren, die das alte Damaskus vom Ost-Tor bis zum westlichen Tor durchzieht. Die Läden bekamen schicke neue Holztüren verordnet, auch das alte Pflaster sollte erneuert werden. Jede Woche wurde ein anderer Teil der Straße aufgerissen, die Anwohner und Ladenbesitzer wurden nicht gefragt. In Damaskus erzählen sich die Leute von einem Mann, der sich Plastiktüten über seine Schuhe zog und tiefe Spuren im frischen Zement hinterließ.

Fuchsteufelswild sei der Altstadtdirektor da geworden, heißt es. Und hätte er in dem Moment gekonnt wie er wollte, dann wäre es dem Übeltäter schlimm ergangen. Immerhin verkündete derselbe Altstadtdirektor Monate später auf einer Konferenz treuherzig, es sei sehr wichtig, bei solchen Unterfangen die Bevölkerung einzubeziehen. Seine Beamten müssen erst noch lernen, wie man das macht; etwa dass sie ans Telefon gehen sollten, wenn gerade ein frisches Glas Tee auf dem Schreibtisch steht. Auch den Umstand, dass der eine oder andere Verwaltungsbeamte schon das eine oder andere Mal eine Zuwendung erwartet habe, bringt mancher Altstadtbewohner in höflichen Worten zur Sprache. Schließlich braucht es zum Bauen und Umbauen Genehmigungen, und die Denkmalschutzparagraphen und ihre Vorschriften sind dehnbar.

Nur die Geschichte von Steinen

Dr. Aref Tarabichi ist auf die Altstadtdirektion gar nicht gut zu sprechen. „Wo ist die denn“, fragt er gleich zurück. Während er sich durch seinen Zigarettenvorrat arbeitet, ereifert er sich über die faulen, untätigen Bürokraten. Sein Vater besaß früher ein Textilgeschäft in einem der überdachten Basare. Auch als die Familie 1956 aus der Altstadt wegzog, behielt er den Laden. So erzählt Tarabichi wie er als Kind seine Hausaufgaben schon auf dem Heimweg aus der Schule machte, sie seiner ungläubigen Mutter zur Kontrolle vorlegte, um dann durch die Gassen der Altstadt zum Laden seines Vaters zu streunen. Heute hat er eine gute Stellung bei den Vereinten Nationen. In dem Laden, der schon lange verkauft ist, werden Folkloreartikel für Touristen feilgeboten. „Wir müssen über die Familien reden, die aus der Altstadt verdrängt werden“, sagt er. „Die Geschichte des alten Damaskus ist doch nicht nur die Geschichte von Steinen.“

Tarabichi schwärmt vom alten Damaskus, von der besonderen Gabe der Leute einander immer, wenn es sein muss, beizustehen. In seinem Viertel habe früher jeder jeden gekannt. Heute zögen immer mehr Leute weg, kauften schiitische Strohmänner unbehelligt Häuser für Iraner auf.

Eine Schande nennt er es, dass unzählige Häuser im jüdischen Viertel leer stehen und verfallen. Im politischen Frühling des Jahres 2000 hatten viele ihrer Besitzer die neue Freiheit genutzt, um nach Amerika auszuwandern. Bis heute schreckt die Regierung offenbar davor zurück, Hand an die verlassenen Gebäude zu legen.

Infrastruktur, Kanalisation und Einsatzkräfte für den Notfall

Tarabichi hat mit Gleichgesinnten den Verein „Freunde von Damaskus“ gegründet, um etwas gegen all das zu unternehmen. „Aber die Regierung lädt uns nie zu wichtigen Treffen ein, weil sie uns als Oppositionsgruppe wahrnimmt“, sagt er. Tarabichi verlangt vor allem Investitionen in die Infrastruktur der heruntergekommenen Altstadt. Er will, dass endlich die Kanalisation erneuert wird, die noch aus römischer Zeit ist, er fordert mehr Feuerwehrleute und Krankenwagen in der Nähe. Sein Ton ist sehr eindringlich als er noch einmal sagt: „Es ist nicht nur die Geschichte von Steinen.“

Ähnlich rücksichtslos wie bei der Sanierung der Geraden Straße ging die Altstadtdirektion vor einigen Jahren gegen die Bewohner einer alten Karawanserei vor. Die Eigentümer wurden einfach enteignet und vor die Tür gesetzt. Seither leben die Händler in anderen Karawansereien in der Angst, sie könnten die nächsten sein.

Da gibt es zum Beispiel die Ladenbesitzer im Khan al Safardschalani, der schon bessere Tage erlebt hat. Ein seltsamer Grauschleier liegt über dem Innenhof, von den Wänden bröckelt der Putz. Eines der kleinen Geschäfte steht leer, die Sonne fällt durch die trüben Scheiben und zeichnet blasse Staubwölkchen in den Raum. Hier sei schon seit Ewigkeiten nichts passiert, sagt ein Händler. Seinen Namen will er lieber nicht in der Zeitung lesen, „wir sind hier ja schließlich nicht in Europa“, sagt er. Erst nachdem er die Tür seines kleinen Ladens hinter sich geschlossen hat, wird er gesprächiger. Er lässt kein gutes Haar an den Bürokraten. Am liebsten hätte er natürlich Geld von ihnen, um seinen Laden auf Vordermann zu bringen. Aber sie geben es ihm einfach nicht.

Brüllen und zetern hat alle Beteiligten hoch erfreut

Die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit versucht, in dem Streit zu vermitteln. Gemeinsam mit dem Deutschen Entwicklungsdienst berät sie im Auftrag des deutschen Entwicklungshilfeministeriums die Damaszener Altstadtdirektion in der Stadtplanung und ist überzeugt, dass diese dabei auch ein wenig dazugelernt hat. So wurden der Altstadtdirektor und die Händler aus der Karawanserei zu einem Gespräch eingeladen. Sie haben sich ordentlich gestritten. Drei Stunden lang wurde wild durcheinander gebrüllt und gezetert. Den Deutschen war schon ganz komisch zumute.

Am nächsten Tag waren alle Teilnehmer hoch erfreut – der Altstadtdirektor, weil er endlich einmal erfahren habe, was die Händler so bedrückt; die Händler, weil sie endlich einmal die Gelegenheit gehabt hätten, dem Altstadtdirektor ihren Standpunkt darzulegen; natürlich auch die deutschen Partner, denn sie hatten sich schon auf das Schlimmste gefasst gemacht.

Inzwischen gibt es immerhin eine Eigentümergemeinschaft, deren Vorsitzender mit der Altstadtdirektion verhandelt. Der hat ein schweres Amt übernommen, denn es sind Dutzende von Eigentümern, denen zum Teil nur Anteile an den Läden gehören. Es kann kompliziert werden, wenn zum Beispiel zwei Brüder einen Laden geerbt haben, die sich nicht für ihren Besitz interessieren oder sich womöglich auf den Tod nicht leiden können.

Ein schönes Kaffeehaus und vielleicht ein Hotel

Ginge es nach dem Ladenbesitzer im Khan al Safardschalani, dann würde die alte Karawanserei bald ein Juwel der Altstadt, mit einem schönen Kaffeehaus und vielleicht einem Hotel. Gegen die Touristen in der Altstadt habe er nichts, sagt er. Nur auf die Saudis, die ungehobelt seien und immer um alles bis auf Blut feilschten, ist er nicht gut zu sprechen, aber damit ist er nicht allein.

Es wird erzählt, es gebe Saudis und andere reiche Golfaraber, die Anwesen in der Altstadt kauften, um ihre Neuwerbungen sodann mit Fahrstühlen zu verschandeln. Und auch die vielen neuen Bars sind dem Händler unheimlich, der schnell auf die Geschichte mit dem Drogentoten kommt, die in der Altstadt vor ein paar Jahren die Runde machte. Um ihn ranken sich die abenteuerlichsten Gerüchte; das absurdeste ist vielleicht die Vermutung, dass ein geheimer Plan sinistrer Gestalten im Regime dahinterstecke, welche die Jugend mit Rauschgift schwächen und gefügig machen wollten.

Über neurotische Anwandlungen dieser Art kann Abu George nur milde lächeln. Er zieht eine Augenbraue hoch, schenkt eine neue Runde Arak ein, hebt dabei den Kopf nur ein wenig und sagt: „Wer sich darüber beschwert, dass es hier zu viele Bars gibt, der kann kein Freund der Altstadt sein“. Abu George ist eigentlich nicht der Mann, den man auf den ersten Blick für einen Barbesitzer halten würde; eher für einen Antiquitätenhändler, er ist ja auch schon ein älterer Herr. Aber Abu George besitzt auch eine außergewöhnliche Bar, die wohl die kleinste der ganzen Stadt ist. Nur drei kleine Tische stehen im winzigen Schankraum, der Platz hinter der Theke ist vollgestellt mit Flaschen.

Zwangloses Beieinandersein in der ältesten Bar der Stadt

Ein kurdischer Künstler, der am Ecktisch mit seinen Freunden im Qualm und Arrakdunst zusammensitzt, nimmt eine kleine Tafel von der Wand und schreibt dort auf eine poetische Weise die Losung des Abends fest, nach welcher, derjenige, der nach dem Alkoholgenuss singe, seine Runde nicht zu zahlen habe. Auch Zwanglosigkeiten anderer Art kann er hier unbehelligt äußern. Vielleicht ziehen sie später noch ein paar Schritte die Straße hoch in die neue Bar, die seit kurzem der Treffpunkt des coolen Damaskus ist. Abu George stört sich nicht an der wachsenden Konkurrenz. Er steht ja auch schon viele Jahre hinter dem Tresen. Manche sagen, seine Bar sei nicht nur die kleinste, sondern auch die älteste der Stadt.

Und damit ist die Geschichte wieder bei Abu Shadi, dem Kaffeehauserzähler im Café Nofara, angekommen, denn der sagt, dass auch früher schon ordentlich getrunken worden sei. Abu Shadi ist vor Jahren weggezogen aus der Altstadt. Er sagt, er könne sich das nicht mehr leisten. Aber er hütet noch immer einen großen Schatz von Geschichten. Von denen gebe es Tausende in der Altstadt. Und er wünscht sich, dass die Erinnerung an diese Geschichten nicht verblasst. An ihm, dem Geschichtenerzähler, soll es nicht liegen.

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