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Wandel einer Stadt : Das Gedächtnis von Damaskus

Damaskus - eine Stadt zwischen Tradition und Moderne Bild: AFP

Lange Zeit verfielen die Häuser der Altstadt von Damaskus. Doch inzwischen hat der syrische Jetset das alte Herz der Stadt für sich entdeckt. Nicht alle sind froh darüber, denn Bewohner werden verdrängt, und alte Pracht weicht orientalischem Kitsch.

          Es sind keine guten Zeiten für Kaffeehauserzähler. Und so ist Rashid al Halak Abu Shadi wieder einmal gar nicht zufrieden. Er ist Hakawati von Beruf, ein Geschichtenerzähler alter Schule. Es heißt, Abu Shadi sei der letzte Hakawati, der in Damaskus regelmäßig auftritt. Sein Arbeitsplatz ist das Café Nofara, das in einer Gasse der Altstadt von Damaskus direkt hinter der Umayyadenmoschee liegt. Wenn es Abend wird, steigt Abu Shadi auf seinen hohen Sitz, der ein bisschen wie ein Thron aussieht. Er setzt einen roten Fes mit schwarzer Quaste auf, nimmt sein Geschichtenbuch in die eine und einen langen Stock in die andere Hand und beginnt zu erzählen.

          Christoph  Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Er erzählt von den Abenteuern des berüchtigten Mamlukensultan Baybars, der seinerzeit sowohl die Kreuzritter als auch die Mongolen schlug. Wenn der skrupellose Heerführer, der in der Erzählung ein Held ist, seine Krieger zur Schlacht ruft, dann legt Abu Shadi ein tiefes Grollen in seine Stimme, und am Höhepunkt der Ansprache lässt er seinen Stock auf einen Metallrahmen niederfahren, dass es knallt.

          Aber die Leute sind an diesem Abend nicht besonders aufmerksam. Selbst seine Freunde, die alten Herren am Tisch direkt neben seinem Hochsitz, stecken die Köpfe zusammen und tuscheln. Nur aus Höflichkeit ruft ab und an einer dazwischen, um das Geschehen zu kommentieren. Obendrein knausern die Touristen, die das als Sehenswürdigkeit angepriesene Kaffeehaus aufsuchen, mit Trinkgeldern. Abu Shadi hegt den Verdacht, die Kellner, die mit ihren Tabletts zwischen den kleinen Tischen umhereilen und den Gästen starken Tee und Kaffee servieren, steckten einen Teil davon in die eigene Tasche.

          Seit Ende der neunziger Jahre kommen vermehrt Touristen und schicke neue Geschäfte nach Damaskus
          Seit Ende der neunziger Jahre kommen vermehrt Touristen und schicke neue Geschäfte nach Damaskus : Bild: AP

          Nicht nur das Café Nofara verändert sich

          Abu Shadi nimmt sich nach seinem Auftritt noch Zeit für eine Gruppe Amerikaner, denn er ist ein freundlicher und auch ein geschäftstüchtiger Mann. Dann lässt er sich schwer auf seinen Stuhl fallen und zündet sich eine Zigarette an. „Seit 19 Jahren arbeite ich in diesem Café“, sagt er durch den Dunst. Viele Jahre sei er vorher schon mit seinem Vater gekommen, um den Geschichten des Hakawatis zu lauschen. „Es hat sich einiges verändert“, sagt Abu Shadi.

          Nicht nur, dass die beliebten Seifenopern im Fernsehen den Hakawatis das Leben schwer machen. Selbst der Ort, an dem ihnen früher die Abende gehörten, verändert sich. Das Kaffeehaus wirkt wie ein Relikt aus einer Zeit, die man nur noch aus Büchern oder Träumen kennt. Wenn Abu Shadi seine Geschichten erzählt, dann nimmt er seine Zuhörer mit auf eine Reise dorthin. Die Gegenwart behagt ihm nicht. „Die Altstadt droht ihren Charakter zu verlieren“, sagt Abu Shadi, der darüber sehr besorgt ist. Denn die seltsame Macht, die von den verwinkelten Gassen und den alten Häusern Besitz ergreift, ist stark.

          Die Häuser der Altstadt verfallen schon seit vielen Jahren. In den fünfziger Jahren hatte es die meisten Leute in die klobigen Bauten der Neustadt gezogen. Die sind nicht schöner, aber komfortabler. Die alten Häuser wurden verkauft, und die neuen Eigentümer erfreuten sich weniger an der alten Pracht als an den vielen Zimmern, die sie günstig an arme Familien vermieten konnten. Da die Mieten aber auch nicht viel abwarfen, schritt der Verfall voran.

          Interessierte Touristen und investierfreudige Geschäftsleute

          Es muss Ende der neunziger Jahre gewesen sein, als die Leute in Damaskus die Altstadt wiederentdeckten. Es kamen mehr Touristen, die sich dafür interessierten, dann Geschäftsleute, die investierten. Sie machten schicke Restaurants, Bars, Hotels, Galerien oder Nachtklubs aus den alten Häusern.

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