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Russlands junge Opposition : Sie haben genug von Putin

Der russische Oppositionsführer Alexej Nawalnyj nimmt in Moskau an einer Demonstration teil. Bild: dpa

Im sibirischen Tomsk engagieren sich junge Helfer im Wahlkampf für den Oppositionellen Nawalnyj. Ihr Einsatz ist mühsam, riskant und ohne sichere Aussicht auf Erfolg.

          Wenn Aljona Chlestunowa eine Pause braucht, klettert sie aus dem Fenster ihres Büros aufs Dach. Rechts ragen die Kühltürme eines Kraftwerks auf, links liegen Markthallen, weiter hinten sieht man Hochhäuser, dann, im Dunst, Bäume, die Taiga. Chlestunowa mag den Ausblick so sehr, dass sie oft im Internet Fotos davon postet: Industriecharme in Schnee und Abendrot, Bebilderung für einen Kampf, der mühsam, riskant und ohne sichere Aussicht auf Erfolg ist. Die 22 Jahre alte Chlestunowa leitet das kleine Büro im Osten von Tomsk, einer Stadt mit knapp 600.000 Einwohnern dreieinhalbtausend Kilometer östlich von Moskau.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Es ist der örtliche Vorposten des Oppositionellen Alexej Nawalnyj. Chlestunowa, die vorher als Journalistin arbeitete, und ihre Mitstreiter haben eine Wand in der Kampagnenfarbe Türkis gestrichen und Rahmen mit Nawalnyj-Slogans aufgehängt: „Wirtschaftliche Entwicklung, nicht Isolation“, steht da, „Den Leuten vertrauen, nicht alles in Moskau entscheiden“ oder „Genug für alle, nicht Reichtum für 0,1 Prozent“. Gegenüber hängt ein Foto, auf dem Nawalnyj so präsidial blickt, als wäre er schon offiziell Kandidat für die Präsidentenwahl im kommenden Frühjahr.

          Doch dafür sind noch Hunderttausende Unterschriften zu sammeln und die Verurteilung in einem der Prozesse aus dem Weg zu räumen, mit denen sich der Kreml gegen den Antikorruptionskämpfer wehrt. Dafür, so das Kalkül, muss der Druck auf die Moskauer Mächtigen so groß werden, dass sie Nawalnyj zur Wahl zulassen, um deren Legitimität zu erhöhen.

          Deshalb hat Nawalnyj schon im Dezember eine Kampagne begonnen, während Präsident Wladimir Putin noch immer nicht verkündet hat, dass er wieder antreten will. Sofern Nawalnyj nicht wieder einmal in Haft sitzt, tourt er durch das Land und eröffnet Wahlkampfbüros wie das in der Universitätsstadt Tomsk. Vor allem junge Leute unterstützen Nawalnyj, und rund ein Sechstel der Bevölkerung sind Studenten. Das Büro stellt ein Anhänger sogar kostenlos zur Verfügung. Aber schon, wenn Chlestunowa von der Eröffnung Mitte März berichtet, wird klar, mit welchen Hürden sie hier zu kämpfen haben. So kamen sie und ihre Stellvertreterin am Morgen nicht aus ihren Wohnungen: Die Türen waren mit Montageschaum verklebt. Freunde kratzten sie frei. Die Autos der beiden waren mit Farbe beschmiert, der Auspuff mit Schaum versiegelt, Reifen zerstochen. Ermittlungen wurden zögerlich aufgenommen, wieder eingestellt. Nawalnyj reiste mit dem Flugzeug an, wo ihn putintreue Demonstranten empfingen, sprach dann in einem angemieteten Saal in Tomsk, der mit gut 200 Gästen voll war. Dann räumte die Polizei wegen einer angeblichen Bombe den Saal. Die wurde ebenso wenig gefunden wie der angebliche Drohanrufer.

          Dabei ist Nawalnyjs Tomsker Mitstreitern bewusst, dass es viel schlimmer kommen kann: So wurde in Moskau ein junger Freiwilliger von Sicherheitskräften brutal verprügelt, in Irkutsk schlugen Männer mit Baseballschlägern den Sohn des Vermieters des Wahlkampfbüros zusammen. In Krasnodar griff eine Rentnergruppe, die sich „Truppen Putins“ nennt, mehrfach das Wahlkampfbüro an. Ständig gibt es Festnahmen und Verfahren gegen Nawalnyj-Unterstützer. Durch die beiden großen Demonstrationen, mit denen Nawalnyj Ende März und Mitte Juni im ganzen Land Zehntausende Russen gegen Korruption auf die Straßen Dutzender Städte holte, ist die Nervosität der Mächtigen gestiegen. Besonders, weil der Schwerpunkt der Proteste in den Regionen lag, wo es sonst ruhig ist. Wie in Tomsk. Dort hatte zuletzt die Verbannung des unabhängigen Fernsehsenders TV-2 aus dem Kabelnetz 2015 Proteste hervorgerufen.

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