09.04.2008 · Kurz vor der Parlamentswahl in Italien gibt sich Silvio Berlusconi siegesgewiss. „Wir haben Umfragen, die unseren Sieg absolut garantieren“, sagt der vom Wahlkampf gezeichnete mächtige Unternehmer. Er kämpft mit allen Mitteln - auch mit Mut zur Komik.
Von Heinz-Joachim Fischer, RomSilvio Berlusconi ist ein unterhaltsamer Politiker. Die Chance zu einer komödiantischen Einlage lässt er sich nur selten entgehen. Wie jetzt in Rom auf einer Veranstaltung der „Coldiretti“-Landwirte vor den italienischen Parlamentswahlen am 13. und 14. April. Vor ihm auf dem Tisch lag eine riesige Mortadella und etwas Mozzarella. Er biss in eines der weißen Büffelkäse-Bällchen, griff sich ans Herz, sank ein wenig zur Seite, täuschte Unwohlsein vor - und tauchte grinsend wieder auf. Die dicke Fleischwurst wies er scheinbar angeekelt zurück. Das amüsierte seine Anhänger und ärgerte die Andersorientierten. Zeigte sich doch darin, dass der Mailänder Medien-Milliardär keine Scheu vor Clownerie hat und darüber hinaus Symbole und Gesten für seine politischen Ziele einzusetzen versteht.
Jeder im Saal und im Lande wusste, was gemeint war. Die Mortadella stand für den Ende Januar zurückgetretenen Ministerpräsidenten Prodi aus Bologna. Die scheinbar vergiftete Mozzarella für die Misswirtschaft der Linken mit ihrem Müllskandal in Kampanien, wo die mit Dioxin verunreinigten Böden den armen Büffelkühen gar nicht bekommen, doch einem Berlusconi und den Liebhabern italienischer Produkte in aller Welt nichts ausmachen sollen. Für Witze ist der 71 Jahre alte Spitzenkandidat der Mitte-rechts-Parteien für das Amt des Regierungschefs noch immer gut. Auch Scherze über Berlusconi gibt es zuhauf. Zum Beispiel diesen, der seine Egomanie und Überheblichkeit noch freundlich verulkt: Berlusconi will seinem Enkel zum Geburtstag gratulieren und fragt ihn, wie alt er denn geworden sei. „Sechs“, antwortet der Knirps. Berlusconi: „In deinem Alter war ich schon zehn.“
Sorge in Europa
Schon sorgt man sich in den europäischen Regierungszentralen angesichts der günstigen Meinungsumfragen für Berlusconis Wahlbündnis „Volk der Freiheit“ und fürchtet etwas boshaft, dass zwischen Rom und Paris eine Achse der kleinwüchsigen Männer mit den hohen Schuhabsätzen entstehen könnte. Jeder kann sich ausmalen, dass Berlusconi und der französische Präsident Sarkozy nicht nur über den Verkauf der maroden italienischen Fluggesellschaft „Alitalia“ an „Air France“ sprechen würden, sondern eben auch darüber, wie man fehlende Zentimeter gegenüber ungleich größeren Frauen ausgleicht.
Dabei erzählt Berlusconi schon seit Jahren gern, dass sein angeblicher Kleinwuchs „nur eine Erfindung der Linken“ sei. Diese Bösen stellten ihn „als Zwerg“ dar. Dabei messe er mit 1,71 Meter nur drei Zentimeter weniger als Prodi, aber der sei ja nun schon erledigt. Aber immerhin sechs Zentimeter mehr als sein „Freund Nicolas“ in Paris und vier mehr als der Wladimir in Moskau. Apropos Putin. Wäre er, so ließ Berlusconi in dieser Woche bei einem Mittagessen in der deutschen Botschaft in Rom verlauten, bei der Nato-Konferenz in Bukarest schon dabei gewesen, so hätte er „dem Freund George“ aus Amerika „geraten, weniger harte Töne gegenüber Moskau über den Beitritt der Ukraine und Georgiens anzuschlagen“. Aber das werde er schon noch in Ordnung bringen, wenn er „zusammen mit der Merkel und Sarkozy die Zukunft Europas“ in die Hand nehme. Aber nur wenn „ich für die Einheit Europas arbeite und mich nicht von dem täglichen Geschäft des Regierens abnutzen lasse, wie es leider in der Vergangenheit geschehen ist“. Sein Schlusswort an diesem Nachmittag: „Übrigens, meine Damen und Herren, zum nächsten Mittagessen lade ich in den Palazzo Chigi ein“, den Amtssitz des italienischen Ministerpräsidenten in Rom.
Umstritten wie eh und je
So ist Berlusconi. So wird es der deutsche Botschafter Steiner nach Berlin berichten. Aber noch ist es nicht so weit für Berlusconi. Noch muss er ein fünftes Mal (nach 1994, 1996, 2001 und 2006) zu demokratischen Wahlen antreten und es dem Votum der italienischen Bürger überlassen, ob sie ihm wieder die Macht übertragen oder nicht. Ob er dessen würdig ist? Daran scheiden sich die Geister, nicht nur in Italien. Die einen sagen, der Erfolg gebe ihm recht. Die anderen wenden entrüstet und empört ein, der Mailänder sei nur mit unrechten Mitteln so weit gekommen: unredlich, illegal, kriminell, nicht mit List und Tücke, sondern mit Betrug, Fälschung und Korruption; er sei nur deshalb in die Politik gegangen, um für seine wirtschaftlichen Machenschaften einen Deckmantel zu gewinnen. Nur so habe er es zum reichsten Mann Italiens bringen können - sein geschätztes Privatvermögen: mehr als sechs Milliarden Euro - und zum mächtigen Herrn über drei nationale Privatfernsehkanäle.
Mit Wühlen in Berlusconis Vergangenheit kann man sich lange aufhalten. Studieren, wie er geschickt jede günstige Gelegenheit für sich nutzt und auch seine Getreuen am Gewinn teilhaben lässt. Nachvollziehen, wie er die gesamte Gesetzgebung über öffentlich-rechtliches Fernsehen in Italien ausspielte, indem er all seine privaten lokalen Sender über das ganze Land vernetzte und das Publikum mit unterhaltsamen Programmen an sich band. Verstehen, wie er dann im Januar 1994 nicht nur mal so eine Karriere in der Politik probierte, sondern sein Erfolgsmodell zur Gründung einer Polit-Bewegung „Forza Italia“ einsetzte. Diese wurde auf Anhieb bei den Parlamentswahlen 1994 zur stärksten politischen Kraft; an ihrer Spitze steht er auch nach 14 Jahren noch unangefochten, ohne den Schatten eines Konkurrenten. Berlusconi kaufte sich auch einen Fußballverein, den ruhmreichen AC Mailand, nicht nur als Spielzeug und Hobby, sondern um auch damit seine zentrale Triebkraft vorzuexerzieren: Erfolg.
Optische Korrekturen
Es ist müßig, sich über die moralischen Qualitäten oder justitiablen Vergehen Berlusconis - mit laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, schwebenden Prozessen und Verurteilungen in vorläufigen Instanzen - zu ereifern. Das ist genauso wenig ergiebig wie der Wahlkampf seines Hauptkonkurrenten, des Chefs der linken „Demokraten“, Veltroni.
Vorteil Berlusconi, dass die Politiker und Bürger in Italien ziemlich gelassen mit dem Phänomen eines genialen Unternehmers in der Politik umgehen, der sich das weichende Haupthaar mühsam transplantieren lässt; auch durch manch andere ästhetische Korrektur seines Erscheinungsbildes verlieh er seiner tatsächlichen Vitalität ein Gesicht.
Das erste, nur sieben Monate bestehende Kabinett Berlusconi von 1994 brachte der Führer der norditalienischen Protestler der „Lega Nord“ zu Fall. Umberto Bossi erschien als Plebejer im Unterhemd in der Villa des Milliardärs auf Sardinien und lehrte den Autokraten, dass man nicht allein regieren könne; später folgte die Lega den Anklagen der Justiz. Dann folgten für Berlusconi sechs harte Jahre in der Opposition bis 2001. Staatspräsident Scalfaro und der Einiger der Linksparteien, Romano Prodi, hielten ihn von der Macht fern. Bäume riss Berlusconi auch in seiner zweiten Amtszeit als Ministerpräsident nicht aus. Immerhin dauerte sie eine ganze Legislaturperiode, volle fünf Jahre von 2001 bis 2006 - Rekord für die Republik Italien. Die Christdemokraten der UDC unter dem störrischen Follini verdarben ihm die Laune und den Ertrag des Regierens; deshalb ließ Berlusconi jetzt den UDC-Führer Casini allein ziehen und zählt nur noch auf Rechtsnationale unter Fini und die Lega Nord als Bündnispartner. In einer Woche entscheiden die Demokraten in Italien, wie demokratisch Berlusconi ist.