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Wahlkampf in Iran Volksnah mit Windjacke

04.06.2009 ·  Im iranischen Wahlkampf muss Präsident Ahmadineschad seinem Volk erklären, warum es um die Wirtschaft so schlecht steht. Er verkündet deshalb eine neue „Islamische Gerechtigkeit“. Seine Gegner nennen es schlicht Stimmenkauf.

Von Ahmad Taheri, Maschad
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Auf dem Platz zum 15. Chordad lungern einige hundert Männer und Frauen herum. Sie warten seit mehreren Stunden auf die Ankunft des Staatspräsidenten Mahmud Ahmadineschad. Er war in den vergangenen vier Jahren öfter in Maschad, wo der achte schiitische Imam Reza begraben ist. Doch dieses Mal kommt Ahmadineschad nicht als Staatschef, sondern als Wahlkämpfer. Das nordostiranische Maschad hat etwa vier Millionen Einwohner und ist damit die zweitgrößte Stadt der Islamischen Republik. Wer hier gut ankommt, dessen Chancen steigen bei der Präsidentenwahl am 12. Juni beträchtlich.

Aber von Begeisterung ist am Dienstag auf dem Platz nichts zu spüren. „Tod Amerika, Tod Israel“, ruft die Menge lustlos. Die Kleidung und die von Wind und Sonne gegerbte Haut verraten die bäuerliche Herkunft der Versammelten. Er komme aus Chorarabad, sagt ein vierzig Jahre alter Mann. Morgens früh seien Busse gekommen, und viele Männer, Frauen und Kinder seien mitgefahren. Zwei Stunden habe die Fahrt gedauert, sagt der Bauer. Viele Busse seien zum Flughafen gefahren, sagt der Fotograf einer Zeitung. Andere seien direkt zum Haram gefahren. Im Haram, im heiligen Geviert des Imam Reza, will Ahmadineschad seine Rede halten. „Die Bauern machen sich einen schönen Tag“, sagt der Fotograf im Flüsterton. „Sie hören sich die Rede des Präsidenten an, machen eine Runde ums heilige Grab, und anschließend gehen sie in den Basar, um Zucker, Tee, Reis oder Ersatzteile für ihre Traktoren zu kaufen.“

„Islamische Gerechtigkeit“

In der Islamischen Republik ist es eine gängige Meinung, dass die Armen auf dem Land wahrscheinlich Ahmadineschad wählen werden. Er habe in den vergangenen Jahren mit vollen Händen Geld ausgegeben, habe in entlegenen Dörfern Schulen und Moscheen errichtet, Brücken und Dämme bauen lassen und einiges mehr. Das Geld aus dem Ölgeschäft floss bis vergangenes Jahr reichlich. Die Misswirtschaft richtete das Land zugrunde. Die Begründung des Regimes lautet, die Wirtschaftsmisere in Iran habe mit der Weltwirtschaft zu tun. Aber die Wirtschaft lag längst darnieder, bevor die ersten Banken in den Vereinigten Staaten zusammenbrachen. So könnten die bitteren vergangenen vier Jahre den Populisten Ahmadineschad Vertrauen kosten.

Aber Ahmadineschad ist ein einfallsreicher Mann. Zuletzt hat er einen neuen Plan verkündet mit dem Namen „Anteile an der Gerechtigkeit“. Jeder Bedürftige iranische Bürger, so lautet der Plan, soll das Recht haben, an den Ölgewinnen beteiligt zu sein. Er bekommt Geld, etwa 70 Dollar monatlich. Die Gegner der Regierung nennen das Stimmenkauf. „Islamische Gerechtigkeit“ heißt es bei den Anhängern des Staatschefs.

Der Westen wolle Iran wirtschaftlich erwürgen

Als die Sonne im Zenit steht, kommt es auf dem runden Platz zu Bewegung. Polizisten laufen hin und her und versuchen die Leute, die zum Empfang des Präsidenten gekommen sind, von der Fahrbahn fernzuhalten. Aus der Ferne heulen Autosirenen. Sie kommen aus Richtung des Flughafens. Bald ist der Präsident da. Die Autokolonne ist riesig. Wer wo sitzt, weiß keiner - schließlich gilt es, vor den westlichen Geheimdiensten auf der Hut zu sein. Auf dem Sahm-e Imam Chomeini, einem der Höfe des Heiligtums, sind mehr ausländische Pilger versammelt als Anhänger Ahmadineschads, die an einem kleinen iranischen Fähnlein zu erkennen sind. Unter dem schattenspendenden Iwan, einer Art Vordach, sitzen die Honoratioren der Stadt. Doch der „König von Chorasan“, wie die Bevölkerung Ajatollah Waez Tabasi nennt, glänzt durch Abwesenheit. Der allmächtige Verwalter des Heiligtums ist bekanntlich kein Freund des politischen Hasardeurs Ahmadineschad. Außerdem könnte seine Anwesenheit so ausgelegt werden, als unterstütze er die Kandidatur des Präsidenten.

Der trägt seine beige Windjacke als Zeichen seiner Volksnähe. Doch volkstümlich ist Ahmadineschad heute nicht. Er spricht nicht für das unkundige Volk, mit vielen Versprechen und einer rosigen Zukunft. Er redet für politische Freunde und Feinde. Er rechnet mit der Ära seines Vorgängers Sayed Mohammad Chatami ab. Stets hätten die Reformer dem Willen der Großmächte nachgegeben. Und seit er, Ahmadineschad selbst an die Macht gekommen sei, hätten sie versucht, seine Politik zu torpedieren. Sie seien sogar so weit gegangen, dem Feind die Botschaft zukommen zu lassen, man solle Resolutionen verschärfen und so lange Druck ausüben, bis die innere Front zusammenbricht. Der Westen wolle Iran wirtschaftlich erwürgen und habe ein immer stärkeres Embargo gegen das Land verhängt. Sogar iranische Banken habe man geschlossen. Am Ende seiner Rede ruft Ahmadineschad: „Oh du Volk, wenn du noch einmal die Verantwortung meinen Schultern aufbürdest, dann werde ich in Zukunft jedem Mächtigen in der Versammlung von New York, der uns droht, die Hand brechen!“

Eine Kunststudentin bekommt feuchte Augen

Am Mittwoch legt Ahmadineschad noch einmal nach. Das wahre „Wesen der freiheitlichen Demokratie“ sei durch den Schutz „für das zionistische Regime“ entlarvt worden, sagt er. Dabei sei „der große Betrug, den der Holocaust darstellt“, eingesetzt worden. Der Präsident schimpft anlässlich des 20. Todestages Ajatollah Chomeinis auf die liberalen Regimes, die „nicht einmal die einfachsten politischen Probleme in der Welt lösen“ könnten. Nur durch eine Rückkehr zu den „Lehren der göttlichen Propheten“ könne das liberale Denken überwunden werden. In Maschad dauert es nicht lange, bis sich die Anhänger des Präsidenten am Nachmittag im reichen Basar der heiligen Stadt verstreuen.

Befremdet sehen sie, wie junge Leute beider Geschlechter bei lauter Musik den willigen Passanten ein Stückchen grünen Stoff anbieten. Das ist die Farbe Mir Hussein Mussawis, des wichtigsten Gegners Ahmadineschads. „Vergessen Sie nicht, sich das Rededuell im Fernsehen anzusehen“, rufen die jungen Leute den Bauern zu. Zum ersten Mal gibt es in der Islamischen Republik ein anderthalbstündiges Streitgespräch zwischen den Kandidaten, das in der Nacht zum Donnerstag läuft. „Ach, ich hoffe, dass wir Erfolg haben werden“, sagt eine junge Studentin mit einem grünen Band am Arm. „Bleibt Ahmadineschad noch vier Jahre im Amt, dann fürchte ich, dass ich mein Volk und mein Land nicht mehr lieben kann wie heute.“ Ein weiteres junges Mädchen, ebenfalls eine Kunststudentin, bekommt feuchte Augen. Nach einer Weile Schweigen sagt sie: „Sie hat recht. Ohne Freiheit gibt es nichts Lebenswertes. Das wissen wir Frauen am besten.“

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