01.05.2010 · Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zeigte der Wahlkreis Luton-Süd jeweils verlässlich an, ob Großbritannien politisch mehr zu Labour oder zu den Konservativen tendierte. Diesmal aber haben dort erstmals vier Bewerber um ein Unterhausmandat reelle Chancen auf den Sieg am 6. Mai.
Von Johannes LeithäuserEsther Rantzen ist herabgestiegen aus der großen Fernsehwelt in die Kreisstadt Luton, Bedfordshire. Man kann sie täglich treffen: vor der Grundschule, in der Einkaufspassage, im Altenheim. Zumindest bei den älteren Wählern ist Esther eine nationale Berühmtheit. Zwei Jahrzehnte lang, bis tief in die neunziger Jahre, trat sie als eine Art Inge Meysel des BBC-Verbraucherfernsehens auf, jedes Wochenende auf Sendung, bis zu 18 Millionen Zuschauer. Jetzt wirbt sie im Wahlkreis Luton-Süd um Stimmen: 15.000 könnten schon genügen. Das empörte Pochen ihres Verbraucher- und Bürgerherzens hat die elegante, auf die siebzig zugehende Dame an diesen Ort getrieben, der bislang von einer Labour-Abgeordneten namens Margaret Moran im Parlament von Westminster repräsentiert wurde.
Mrs Moran hatte ihr Mandat 1997 errungen, in jener Wahl, die Labour nach eineinhalb Jahrzehnten wieder an die Macht und den charismatischen Tony Blair ins Amt des Premierministers brachte. Die Abgeordnete aus Luton-Süd führte fortan ein eher unauffälliges Leben in niedrigen Regierungsfunktionen - bis sie der Spesenskandal, der das Unterhaus ein ganzes Jahr lang erschütterte, auf die Titelseiten der Zeitungen zog. Es war ihr beispielhaftes Talent im Ausnutzen zweifelhafter Vergütungsregeln für Abgeordnete, das sie schlagartig im ganzen Land bekannt machte. Sie hatte als offiziellen Zweitwohnsitz weder ihr Heim im Wahlkreis noch eine Wohnung in London angemeldet, sondern ihr Ferienhaus an der südenglischen Küste - und dem Steuerzahler 25 000 Euro in Rechnung gestellt, um in jenem Domizil den Befall mit Hausschwamm zu stoppen.
Jetzt zieht ein 28 Jahre zählender Angestellter unter Labours Wappen (die Rose in der Faust) durch Süd-Luton, um Margaret Moran vergessen zu machen und das versprengte Labour-Milieu wieder zu sammeln. Gavin Shuker hat ein nimmermüdes, faltenfreies Lächeln im Gesicht, wenn er mit seinen Wahlbroschüren in der Hand Passanten anhält. Aber wenn er sich und anderen eingesteht: "Es gibt noch eine Menge Ärger unter den Leuten", gehen seine Mundwinkel doch nach unten.
Bei allen Unterhauswahlen seit dem Zweiten Weltkrieg zeigte Luton-Süd die politischen Richtungsänderungen wie ein verlässlicher Kompass an: So wie die Lutoner Mehrheit votierte stets ganz Großbritannien. Dieses Mal aber wirken mehr Magnetfelder als sonst auf die politische Richtungsnadel: erstens die politische Vertrauenskrise, zweitens die Wirtschaftskrise - Luton beherbergt eine Autofabrik des Herstellers Vauxhall, Schwesterfabrikat der Marke Opel -, drittens das im Wahlkampf beschwiegene Einwanderungsthema (fast dreißig Prozent der Einwohner des Wahlkreises sind "nichtweißer Herkunft", mehr als 17 Prozent bekennen sich zum Islam). Als viertes Kraftfeld wirken die neuen Fernsehdebatten der Spitzenkandidaten Brown, Cameron und Clegg auf die Kompassnadel ein.
Aber vielleicht zählen die Eigenheiten einzelner Wahlkreise nicht mehr in einer Wahlkampfwelt, in der die Zufallsmehrheiten der Teilnehmer an Blitzumfragen den Ton angeben. Gavin Shuker und seine Kampagnenhelfer wollen das lieber nicht glauben - schon weil dann ihr ganzes Funktionärswissen, die Erfahrung vieler Jahrzehnte, mit einem Schlag entwertet wäre. Am Schwarzen Brett des abgewohnten Labour-Parteibüros hat die Sekretärin den Ratschlag befestigt: "Blasenpflaster bei mir erhältlich. Praktischer Hinweis: Tragt zwei (oder drei) Paar Socken übereinander, das reduziert die Reibung im Schuh."
Straße für Straße, Haus für Haus
Im Besprechungsraum des Parteiquartiers hängen, neben der Heliumflasche für die Luftballons, exakte Straßenkarten sämtlicher Wahlbezirke. Straße für Straße, Haus für Haus klappern Shuker und seine Genossen ab. Der Kandidat selber bleibt zuerst ein wenig im Hintergrund. Ein erfahrener Helfer hält das Klemmbrett mit den Adressen, unter denen hinter den Hausnummern die Namen der Anwohner und, soweit bekannt, deren politische Einstellung vermerkt sind. Er schickt die Jüngeren an die Klingelknöpfe: "Guten Abend. Werden Sie am 6. Mai zur Wahl gehen?" Im Falle eines Nickens - und sofern die Tür überhaupt offen bleibt - folgt die Frage: "Wissen Sie schon, für wen Sie stimmen?" Bei Zögern, Unentschlossenheit oder bei der Antwort "Wie immer Labour" kommt Shuker zum Einsatz. Gewiss, dieses Mal gebe es viele Kandidaten, aber am Ende werde es doch Spitz auf Knopf stehen zwischen Labour und den Konservativen. Und wer den Aufschwung jetzt nicht gefährden wolle, der müsse doch einfach dafür sorgen, dass Gordon Brown Premierminister bleibe.
Schon die erste Behauptung, dass am Ende doch das Duell zwischen Konservativen und Labour stehen werde, ist mehr auf Hoffnung als auf Tatsachen gegründet. Mindestens vier Kandidaten kommen in Luton-Süd als Sieger in Frage: neben denen der zwei aufs Gewinnen abonnierten Parteien nun auch der Liberaldemokrat Qurban Hussein und die unabhängige Fernsehberühmtheit Esther Rantzen. Unter den übrigen acht zugelassenen Bewerbern, die das notwendige Startgeld von 400 Pfund bei der Stadtverwaltung hinterlegt haben, sind die rechten Nostalgiker von Ukip (Unabhängigkeitspartei des Vereinigten Königreichs), die Rechtsradikalen von der BNP (Britische Nationalisten) und die "Revolutionäre Arbeiterpartei" (mit dem Slogan "Verstaatlicht Vauxhall"), des Weiteren noch ein paar Unabhängige.
Nigel Huddleston, der Kandidat der Konservativen, teilt übrigens die Ansicht, der Kampf um den Sitz werde wieder zwischen den üblichen Kontrahenten entschieden. Huddleston ist zwar rund zehn Jahre älter als der schlaksige Shuker, wirkt aber auf seine zupackende Art genauso jung. Man merkt ihm an, dass er sein öffentliches Auftreten am Vorbild des dynamischen Parteichefs Cameron geschult hat. Er werde Luton-Süd mit rund 35 Prozent der Stimmen gewinnen, schätzt Nigel mit professioneller Zuversicht. Falls die Wahlbeteiligung wie üblich unter sechzig Prozent bleibt, müsste Huddleston also die schon erwähnten 15.000 Lutoner für sich einnehmen. Beim letzten Mal waren für die Konservativen knapp 11.000 Stimmen in den Urnen.
Dieses Mal hat ihr Kandidat einen offenkundigen Startvorteil: einen höheren Wahlkampfetat. Die Konservativen werben als Einzige auf großen, teuren Plakatwänden. Neben der Werbung für Waschmittel und Faltencremes kleben überall in Luton Porträts eines schräg grinsenden Gordon Brown, dem diverse, ironisch gemeinte Sätze in den Mund geschoben werden wie: "Ich habe die öffentliche Schuldenlast verdoppelt - lasst es mich wieder tun." Bei der großen Auswahl an Kandidaten ist aber nicht ausgemacht, dass solche Negativwerbung sich gerade für die Konservativen auszahlt.
Die Fernsehfrau Rantzen glaubt, ein sicheres Gespür dafür zu haben, woran es den Einwohnern am meisten mangelt: nicht an Arbeitsplatzsicherheit oder finanzieller Zuversicht, sondern an Selbstbewusstsein und Lokalstolz. Das Luton, in das Esther Rantzen vor einem Jahr erstmals für ein paar Tage reiste, als sie ihre Kandidatur erklärte, ist ein abstoßender und erstaunlicher Ort zugleich. Sein Zentrum bildet kein Platz und keine Straße, sondern die von Parkhäusern umbaute Einkaufspassage, die wie eine Made in der Mitte des Stadtplans liegt. Vierspurige Verkehrsschneisen und Hochstraßen-Stummel leiten die Kunden und die Pendler hinein in die Innenstadt und zurück in die Wohngebiete oder nach Süden auf die Londoner Autobahn oder nach Westen zum Flughafen (mittlerweile der wichtigste Arbeitgeber der Region). Frau Rantzen sagt, die Stadt sei "verhässlicht" worden.
In den drei Jahrzehnten, in denen sich die Konservativen und Labour in ihren Regierungsepochen abwechselten, hat die Stadt, wie das ganze Land, an Vielfalt gewonnen, aber an Substanz verloren. "Ich bin ja unter den Tories groß geworden", sagt Labours Hoffnung Gavin Shuker, und es klingt, als spräche er von einer Kriegszeit. Seine Mutter arbeitete bei Elektrolux, der Vater bei Vauxhall - damals, als beide großen Firmen noch Zehntausende in Luton beschäftigten. Dann aber zerbrach die Macht der Gewerkschaften am Strukturwandel und an den regierenden Konservativen, und Luton sei "die Hauptstadt der Zwangsversteigerungen im Vereinigten Königreich" geworden, sagt Shuker bitter. Zehn Prozent Arbeitslose - das stecke den Leuten in Luton noch in den Knochen. "Das vergessen die nicht", hofft er.
Und die eigene Bilanz, die Labour-Ära? In der jüngsten Krise habe es nur halb so viele Arbeitslose gegeben, trumpft der Kandidat auf, und fast niemand habe bisher sein Haus wegen unbezahlter Hypotheken an die Bank verloren. Die Labour-Sozialhilfen für Alleinerziehende, für verschuldete Hausbesitzer, die Heizungszulage für die Rentner, das mache eben doch viel aus. Shuker kennt auch die neuen Sozialprogramme von Labour auswendig, die für die nächste Wahlperiode vorgesehen sind: Ausbildungssicherheit für Schulabgänger, Jobgarantie für Langzeitarbeitslose (nach zwei Jahren). Als er auf seiner Straßenrunde eine junge Frau trifft, die gerade ihr Auto eingeparkt hat und ihm schlecht gelaunt zuruft, sie habe genug von Labour und von der ganzen Politik, breitet Shuker lächelnd seine Angebote aus. Ihr Vater sei seit einem Jahr arbeitslos, gibt sie zurück, mit sechzig Jahren! Solle er noch ein Jahr auf das Garantieversprechen warten? "Und dann gebt ihr ihm doch keinen Job, sondern bloß so'n Trainingsprogramm", hält sie dem Labour-Kandidaten vor.
Die private Arbeitsvermittlung in der Fußgängerzone hat ein knappes Dutzend Angebote ins Schaufenster gehängt. Gesucht werden Minibusfahrer, Auslieferungshelfer, Packer/Auspacker mit Arbeitspraxis in der Autoindustrie - lauter Tätigkeiten für Ungelernte. Der Stundenlohn ist immer gleich: sechs Pfund (sieben Euro); nur in einer Offerte für einen Gabelstaplerfahrer werden 6,50 Pfund geboten. Die Lutoner Mutlosigkeit zeigt sich in der Innenstadt in vielerlei Gestalten: in den angetrunkenen Männern, die am frühen Nachmittag in der Sonne vor dem Pub in ihr Bierglas monologisieren; in den übergewichtigen jungen Müttern, die ächzend ihre Einkaufswagen aus dem Supermarkt schieben.
Sprechstunden dreimal pro Woche
Esther Rantzen hat ihr Wahlkampfbüro in einem Seitentrakt der überdachten Einkaufspassage eingerichtet, den die Stadtplaner einst für einen belebten "Indoor Market" vorgesehen hatten. Doch statt Gemüse und exotischer Früchte werden dort heute billige Koffer, China-Importe und Angelausrüstungen verkauft, und neben dem lärmenden CD-Stand surrt die elektrische Nadel eines Tätowierstudios. Die Marktverwaltung hat Esther kostenlos einen Platz samt Bürocontainer überlassen. Dreimal in der Woche hält sie Sprechstunden. Eigentlich fängt sie wieder dort an, wo sie vor 15 Jahren im Fernsehen aufgehört hat: Sie gibt Tipps, spendet Lebensmut - ist sich aber keineswegs sicher, dass ihre Kummerklienten sie dafür in einer Woche mit ihrer Stimme belohnen oder dass sie überhaupt zur Wahl gehen werden.
Das Parteibüro der Konservativen liegt nördlich der Innenstadt in Bury Park, in jenem Wohngebiet, das in Luton schon immer die neuen Einwanderer aufnahm; zuerst katholische Iren, dann muslimische Pakistaner, in neuerer Zeit auch viele Osteuropäer. Wenn Nigel Huddleston aus seinem Büro auf die Straße schaut, blickt er auf das Minarett der größten Moschee in der Stadt. Der Kandidat der Konservativen muss sich um diese Nachbarn kümmern und mindestens einige überzeugen, für ihn zu stimmen, wenn er Luton-Süd gewinnen will. Er beteuert, das klappe ganz gut: Die "großen Themen" David Camerons, also "mehr Bürgersinn, mehr Familiensinn, mehr Eigeninitiative", die deckten sich doch stark mit traditionellen muslimischen Familienwerten.
Huddleston holte im Wahlkampf Lord Sheikh nach Luton, den Gründer und Vorsitzenden des muslimischen Freundeskreises der Tories. Sheikh, ein soignierter Londoner Versicherungsmakler, Muslim indischer Herkunft, in Afrika aufgewachsen, dozierte abends im "Konservativen Club" über die Gründe, für die Konservativen zu stimmen. Es waren vor allem umständlich vorgetragene Passagen aus dem Wahlprogramm. Nicht mehr als zehn Neugierige erschienen, um ihm zuzuhören.
Hussein: Erst Labour-Partei, dann Liberaldemokraten
Am leichtesten fällt es dem Kandidaten der Liberaldemokraten, im Milieu der muslimischen Minderheit den richtigen Ton zu treffen, denn er gehört selber dazu. Qurban Hussein zog vor fünf Jahren schon für die "LibDems" in den Unterhauswahlkampf, kurz nach seinem Austritt aus der Labour-Partei. Das war seiner Weigerung geschuldet gewesen, den britischen Feldzug im Irak zu unterstützen, und brachte ihm damals 22,5 Prozent (knapp 9000) der Stimmen ein. Wenn Hussein dieses Plateau halten und den Zustimmungseffekt nutzen kann, den die Fernsehauftritte seines Parteichefs Clegg den Liberaldemokraten bringen, dann könnte die Addition womöglich ihn in Luton-Süd an die Spitze tragen.
Die Konkurrenz hat gleich Einwände parat: Der LibDem-Mann stamme doch aus Kaschmir, könne sich also keinesfalls auf die Anhängerschaft der vielen Muslime pakistanischer Herkunft verlassen, erzählen sie sich in der Labour-Mannschaft. Doch Labour hat eigene Sorgen im islamischen Viertel. Denn die Partei ist zwar stark verwurzelt im muslimischen Milieu - die Hälfte ihrer zwölf Gemeinderäte stammt von dort -, aber bei der Nominierung des Wahlkreiskandidaten für Luton-Süd scheiterte einer der muslimischen Lokalpolitiker dann doch knapp an dem jungen Gavin Shuker.
Der müht sich bei einem ausgiebigen Rundgang durch die Einkaufsstraße des Viertels, das Manko auszugleichen. Die ortskundigen Labour-Muslime haben ihm das Terrain vorbereitet. Rasch laufen sie voraus zum Gemüsemann, in den Laden des Halal-Fleischers, zum Hähnchengrill, um den Besitzern Besuch anzukündigen und die Kundschaft aufmerksam zu machen. Aus dem Geschäft für Stoffe und Saris zieht einer der Helfer den Labour-Kandidaten zurück, nachdem er einen Blick hineingeworfen hat: Im Laden sitze nur eine verschleierte Verkäuferin ohne männliche Begleitung - dort sollte Shuker also lieber nicht hineingehen.
Es gibt in diesem Wahlkampf außer dem Fernsehen nur eine Institution, die in Luton alle Kandidaten und politischen Farben zusammenbringt: die Kirche. Auf Einladung einer christlichen Initiative treffen sich alle Kandidaten für Luton-Süd an einem Montagabend in der Pfarrkirche St Mary's, die im Schatten der Parkhäuser des Einkaufszentrums steht. Zwölf Teilnehmer und rund drei Dutzend Interessierte finden sich in dem weiten neugotischen Kirchenschiff ein. Der Moderator beginnt den Abend mit einem Gebet: "Herr, unser Gott, führe uns bei der Wahl derjenigen, die künftig in unserem Parlament dienen sollen."
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