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Wahlkampf in Frankreich Schlacht unter freiem Himmel

 ·  Place de la Concorde gegen Vincennes: Eine Woche vor dem ersten Durchgang der Präsidentenwahl in Frankreich liefern sich Nicolas Sarkozy und François Hollande und ihre Anhänger ein Fernduell in der Hauptstadt.

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© Felix Schmitt Wer ist Frankreich?Die Anhänger Sarkozys und die Hollandes (einer davon im Bild) beanspruchen für sich, für mehr als bloß für sich selbst zu sprechen

Jetzt steht es Menschenmenge gegen Menschenmenge, blau-weiß-rote Flaggen gegen weiße Wimpel und rote Fähnchen. Nicolas Sarkozy und François Hollande haben am Sonntagnachmittag, eine Woche vor dem ersten Durchgang der Präsidentenwahl, in der Hauptstadt Paris ihre Kräfte gemessen. Sarkozy wandte sich in seiner Rede, die von der Forderung nach einer von der Europäischen Zentralbank unterstützten europäischen Wachstumsinitiative geprägt war, „an die schweigende Mehrheit“ und rief sie dazu auf, in diesem „historischen Augenblick“ nicht die falsche Wahl zu treffen.

François Hollande, der schon seit Monaten Nachverhandlungen am europäischen Fiskalpakt verlangt, sprach seinem Publikum Mut zu: Der Wahlsieg liege nahe. Am kommenden Sonntag „werden wir Frankreich sein“, sagte Hollande. Es werde keine schweigende Mehrheit mehr geben, sondern ein einiges Frankreich. Nach einem „gescheiterten Mandat“ könne der Präsident sich nicht ein neues Mandat erhoffen, so der Sozialist vor seinen Anhängern, die sich vor dem Schloss von Vincennes am grünen Rand des östlich gelegenen 12. Arrondissements versammelt hatten. Auf ihren weißen Fähnlein prangte der Wahlkampfslogan „Jetzt für den Wandel“ („Le changement, c’est maintenant“). Andere hielten rote Fähnchen mit der Inschrift „Es lebe Mai“ („Vivement mai“) - eine Anspielung auf die entscheidende Stichwahl am 6. Mai, aber auch auf den im Mai 1968 begonnenen Marsch der Linken durch die Institutionen. Einige trugen die an die Französische Revolution erinnernden phrygischen Mützen als Zeichen dafür, dass sie sich als Vorboten eines großen Wandels sehen.

Retrokundgebungen mit Musik im Freien

Zur gleichen Zeit drängten sich rund um den Obelisken von Luxor auf der Place de la Concorde (Platz der Eintracht) die Sympathisanten Präsident Sarkozys, der sich um eine zweite Amtszeit bewirbt. Blaue Stellwände mit dem Wahlkampfslogan „Das starke Frankreich“ („La France forte“) und im Hintergrund die Kolonnen der Nationalversammlung bildeten neben den Trikolore-Fahnen und den Luftballons in den französischen Nationalfarben die staatstragende Kulisse. In Vincennes herrschte Volksfeststimmung, die Wartenden tanzten zu Live-Musik der Gruppe Jacob Desvarieux (Kassav). An der Place de la Concorde hielten sich die Franzosen mit dem Schwenken der Trikolore-Flaggen zu den Reden von Parteigrößen wie UMP-Chef Jean-François Copé, Premierminister François Fillon oder Außenminister Alain Juppé im Vorprogramm warm.

Wer hat mehr Leute an diesem kühlen Pariser Frühlingstag ins Freie gelockt? Dieser Frage kam bei der Kundgebungsschlacht der beiden „großen Kandidaten“ der Präsidentenwahl genauso viel Bedeutung zu wie ihren Reden. Auf der Place de la Concorde kündigte Alain Juppé 160.000 Teilnehmer an, die sozialistische Abgeordnete Aurélie Filippi sprach für die Gegenveranstaltung von 100.000. Sollte Concorde das Spiel gegen Vincennes gewinnen? Damit würde zumindest das Kalkül Sarkozys aufgehen, der sich gegen die jüngsten Umfrageergebnisse stemmt, die ihm eine doppelte Niederlage vorhersagen. Im ersten Wahlgang soll er demnach hinter seinem sozialistischen Herausforderer liegen, um im zweiten dann eine klare Niederlage zu erleiden. Hollande wiederum verfolgte das Ziel, seine potentiellen Wähler bei der Stange zu halten. Beide Kandidaten fürchten eine geringe Wahlbeteiligung am Wahltag des 22. April, der mitten in den Schulferien liegt.

Am Sonntag war allerdings längst nicht nur die Pariser Bevölkerung auf den Beinen. Aus allen Landesteilen hatten Reisebusse und Sonderzüge die Teilnehmer in die Hauptstadt gebracht, ob nach Vincennes oder Concorde. Manch einer mag beim kalten Aprilwind die neue alte Mode der Freiluftkundgebungen verflucht haben. Sie geht auf den Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon zurück, der die Massenmedien verteufelt und in Open-Air-Happenings die Zukunft der Demokratie und den Beginn des von ihm geforderten „bürgerlichen Aufstands“ sieht.

Er ließ am Samstagabend auf dem Stadtstrand von Marseille ein weiteres Mal seine Versprechen eines unbegrenzten Sozialstaates vor einem roten Fahnenmeer feiern. Mélenchons Publikumserfolg wurde dabei auch vom milden Mittelmeerklima befördert. Selbst in Paris war Mélenchon das Wetter hold gewesen. Seit seinem Aufruf zu einem Marsch auf die Bastille Zigtausende Franzosen folgten, halten auch Hollande und Sarkozy die Retrokundgebungen mit Musik im Freien für eine nachahmenswerte Neuerung im Wahlkampf. Mélenchon spielt dabei geschickt mit der Sehnsucht vieler Franzosen nach einer wirtschaftlich sorgenlosen Vergangenheit. So sind die Freiluftkundgebungen das Merkmal einer insgesamt rückwärtsgewandten Wahlkampagne.

„Frankreich wird Frankreich bleiben“

Nicolas Sarkozy hatte mit der Ortswahl an die Tradition der großen Versammlungen auf der Place de la Concorde anknüpfen wollen. Der spätere Begründer der V. Republik, Charles de Gaulle, feierte hier am 26. August 1944 die Befreiung von Paris. Nach den Mai-Unruhen im Jahr 1968 versammelten sich Menschenmassen am 30. Mai 1968 auf dem Platz zu einem Marsch auf die Champs-Elysées, um den Präsidenten de Gaulle gegen die Mai-Bewegten zu verteidigen. 1995 feierte Jacques Chirac am Obelisken seinen Wahlsieg, 2007 folgte Sarkozy dem Beispiel und versammelte hier am späten Wahlabend seine Anhänger zur Siegesfeier.

Sarkozy sprach die historische Bedeutung des Platzes an, auf dem König Ludwig XVI. und Marie Antoinette einst guillotiniert wurden (damals trug er noch den Namen Ludwigs XV.) „Wir haben nicht das Recht zum Irrtum bei dieser Wahl“, sagte Sarkozy, andernfalls drohe die wirtschaftliche Krise und der Niedergang. „Es geht nicht darum, sich für ein Lager zu entscheiden“, sagte er. Die Wahlentscheidung sei keine Frage der Parteizugehörigkeit, sondern eine Frage, wohin Frankreich steuern wolle. Die Versprechen der Links- und Rechtspopulisten seien „Lügen“, sagte Sarkozy. Er versprach einen neuen Aufbruch, eine Fortsetzung der Haushaltssanierung und der Wiederherstellung der französischen Wettbewerbsfähigkeit.

Sarkozy forderte ein neue europäische Wachstumsstrategie und verlangte, die Europäische Zentralbank entgegen allen Vorbehalten in diese Strategie einzubinden. „Europa kann nicht die Deflation wählen, sonst wird Europa verschwinden“, sagte Sarkozy und führte als abschreckendes Beispiel die Politik Brünings an. „Wir werden die Debatte über die Rolle der Europäischen Zentralbank zur Wachstumsförderung anstoßen, wir Franzosen“, kündigte Sarkozy an. Er erwähnte Charles de Gaulle, der mit der Politik des leeren Stuhles „auf Jahrzehnte“ die europäische Agrarpolitik geprägt habe. Es sei seine Rolle, Europa auch gegen Bedenken anderer Partner voranzutreiben. Frankreich werde Frankreich bleiben, sagte Sarkozy zum Schluss, bevor er sich unter den Klängen der Marseillaise verabschiedete.

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Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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