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Wahlkampf in Frankreich Sarkozy - Kandidat ohne Schwächen

09.04.2007 ·  Nicolas Sarkozy führt seinen Wahlkampf am liebsten auf perfekt durchgeplanten Großveranstaltungen. Als Stargast des Abends lässt sich dabei gar nicht gern stören. Michaela Wiegel hat den Auftritt des Kandidaten in Lyon besucht.

Von Michaela Wiegel
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An der Vitrine hätten sich Kinder satt sehen mögen: Ostereier mit delikaten Kreppbändern in Orange, Rot oder Gelb, Kirchglocken aus Milch- oder Zartbitterschokolade und sogar die in Frankreich raren Osterhasen schmiegen sich im Schaufenster von Konditormeister und Chocolatier Henri Bouillet appetitlich aneinander. Nicht Kinder, sondern Polizisten mit Schlagstöcken und rüstungsartig gepolsterten Anzügen bauen sich aber an diesem sonnigen Nachmittag vor Bouillets Geschäft auf. Sie schieben Passanten weg, brüllen Kommandos über Sicherheitskorridore und andere Order, die nur sie verstehen. Es ist 16 Uhr, und gleich soll die Wagenkolonne des Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy vor der für ihre Salzbutter-Macarons in ganz Lyon bekannten Konditorei haltmachen.

Schaulustige und Anhänger des UMP-Kandidaten warten geduldig, in das kleinbürgerliche Wohnviertel von Lyon kommen nur selten Berühmtheiten. Eine rüstige Seniorin erzählt kichernd, dass sie für Sarkozy auf ihren Mittagsschlaf verzichtet habe. Sie wundert sich ein wenig über das Drängeln der Polizisten. „Ich hoffe, dass Sarkozy Frankreich wieder aufrichtet, dass die Jugend Arbeit findet und nicht auf der Straße rumlungert“, sagt sie und fragt einen Sicherheitsbeamten, ob sie auch nicht umgeschubst zu werden droht.

Naschsucht die größte Schwäche

Abseits der dicht gedrängten Menge, die inzwischen auf Sarkozy wartet, erklingen Pfiffe, Plakate mit handgekritzelten Sprüchen wie „Sarkozy, du bist hier nicht willkommen“ werden in die Höhe gestreckt. Nervös schieben die Sicherheitskräfte die Leute noch weiter vom Eingang der Konditorei weg. Der Patron, dessen Kittel mit seinem Namenszug bestickt ist, hat sich in das Geschäft zurückgezogen, er erzählt von seiner Hoffnung, dass ein Präsident Sarkozy „mehr“ für die handwerklichen Betriebe tun werde. Darunter versteht er weniger Abgaben und Auflagen, mehr Freiheiten und vor allem mehr Anerkennung. Natürlich werde er für Sarkozy stimmen, schließlich solle es sein Sohn Sébastien, der den Konditoreibetrieb einmal übernehmen wird, besser haben.

Was die größte Schwäche des Kandidaten Sarkozy ist? Auf die Frage war Michel Barnier, der frühere Außenminister und jetzige Berater Sarkozys, irgendwie nicht vorbereitet. „Seine Schokoladen-Naschsucht“, sagt er schließlich strahlend, eine so unverfängliche Antwort gefunden zu haben. François Fillon, den viele für den ersten Premierminister eines Präsidenten Sarkozy halten, bestätigt das bei anderer Gelegenheit. Im Wahlkampfhauptquartier in der Rue d'Enghien im Pariser Osten stapelten sich die Schokoladenkisten. „Soll ja gut für die Nerven sein“, sagt Fillon und untersteht sich, auf die Frage nach den Schwächen Sarkozys eine andere Antwort zu geben.

„Wir wollen Sarkozy nicht“

Unter den Platanen auf dem Platz vor Bouillets Laden haben sich inzwischen noch mehr junge Leute versammelt, sie schreien Parolen wie „Wir wollen Sarkozy nicht“, „Charter für Sarkozy“, „Weg mit ihm“. Ihnen ist der Spaß anzumerken, im Sonnenschein aus voller Kehle zu brüllen. Die Journalisten richten ihre Kameras und Fotoobjektive auf die Revoluzzer. Die Sicherheitskräfte nesteln nervös an ihren Funkverbindungen. Da ruft die freundliche junge Frau von der Wahlkampforganisation alle zurück in den Pressebus. „Sarkozy hat sich verspätet, er kommt nicht.“

Sarkozy ist der Kandidat für Ordnung und Sicherheit, er mag es, wenn seine Wahlkampfauftritte ordentlich und sicher ablaufen. Deshalb fährt er nach fast fünf Jahren als Innenminister nicht mehr in die Banlieue, in die Vororte der großen Städte, wo jemand auf die Idee kommen könnte, ihn anzupöbeln. Sarkozy will gefällige Fernsehbilder, keine Unruhe. In der Teppichfabrik in Villeurbanne fällt es der Polizei leichter, das Gelände vor möglichen Störenfrieden zu schützen. Das Fabrikgelände hat ein Rolltor, das zugestoßen wird, sobald die lokale UMP-Anhängerschaft, Fabrikleitung und Journalisten Stellung bezogen haben. In der Lagerhalle vor großen farbigen Teppichrollen ist ein Podium mit Sprechpult aus Plexiglas aufgebaut, dahin steuert Nicolas Sarkozy zielstrebig. Der „Austausch mit den Handwerkern“ beschränkt sich auf eine Rede, die schon in 40 Exemplaren fotokopiert wurde, Improvisation ausgeschlossen. Sarkozys „Sicherheitsdienst“, Männer in dunklen Anzügen, überwachen alles. Als ein Kameramann für das österreichische Fernsehen zu nah ans Rednerpult vorrückt, sogar die gut fünf Zentimeter hohen Schuhabsätze des Kandidaten filmen könnte, zerrt ihn ein Sicherheitsmann brutal zurück. Sarkozy reagiert gereizt, unterbricht für wenige Sekunden seine Rede. Dann verspricht er den Handwerkern neue Erleichterungen und sagt, wie sehr er sie schätzt. Kaum ist die Visite beendet, stürzt er zu seiner Limousine, eilt an den Leuten vorbei, die Spalier stehen.

Der Kandidat als „Stargast“

Sarkozy liebt große Wahlkampfversammlungen mit immer neuen Teilnehmerrekorden, an diesem Abend in der Messehalle der Lyoner Eurexpo sollen 20.000 Leute da sein. Die örtliche UMP hat Hunderte Trikoloreflaggen verteilt, ein Seitenhieb auf die Sozialistin Ségolène Royal, die zur gleichen Zeit in Bordeaux Flaggen schwenken lässt. So wird Sarkozy mit einem Fahnenmeer aus Blau-Weiß-Rot begrüßt, als er zu amerikanischer Filmmusik die Halle betritt. Als „Stargast“ hält Sarkozy die Première Dame Frankreichs, Bernadette Chirac, an der Hand. Er zieht die Präsidentengattin wie ein Unterpfand des Wählerglücks neben sich. Er, der sich so viele Jahre übel mit Jacques Chirac befehdet hat, buhlt jetzt um den Segen seiner Frau, er bezeichnet sie als „Bindeglied“. Bernadette Chirac hört sich die Danksagungen Sarkozys hold lächelnd an, hinterher wird sie den Journalisten erzählen, wie sehr sie Sarkozy schätzt, dass allein er den Sieg für die bürgerliche Rechte schaffen kann. Auch Michèle Alliot-Marie, die Verteidigungsministerin, die Sarkozy noch vor einigen Monaten seine Neigung vorhielt, die Franzosen zu spalten, hält jetzt eine Lobrede auf den Kandidaten.

Dann legt Sarkozy los, mit einer von den vielen Wahlkampfreden rostigen, aber dennoch kräftigen Stimme. Er will Frankreich seinen Stolz zurückgeben, das sagt er in allen Variationen. „Wir haben zugelassen, dass Frankreichs Geschichte und Identität verleugnet wurde“, schimpft er, „ich hasse die Schuldbekenntnisse, die uns verbieten, auf uns als Franzosen stolz zu sein.“ Er gehöre zu jenen, die glauben, dass Frankreich sich seiner Geschichte nicht zu schämen brauche, sagt er. „Frankreich hat keinen Genozid begangen. Frankreich hat nicht die Endlösung erfunden. Frankreich hat die Menschenrechte erfunden und ist das Land in der Welt, das am meisten für die Freiheit gekämpft hat“, brüllt Sarkozy. Der Saal jubelt, die Fahnenträger reißen ihre Flaggen auf und ab.

Europa: Statt Antworten schlimme Identitätskrise

Später spricht Sarkozy über Europa, wahrscheinlich hat wieder Henri Guaino, der ihm vom Maastricht-Gegner Philippe Séguin als Redenschreiber empfohlen wurde, den Text geschrieben. „Hinter dem Versagen der Schule, der unkontrollierten Einwanderung, der Auflösung des Wertes Arbeit, den Jobverlagerungen, der Banlieue-Krise, der Ausgrenzung, stellt sich immer die nationale Frage“, sagt Sarkozy. „Europa hätte eine Antwort sein können. Stattdessen hat Europa die Identitätskrise verschlimmert.“ Die EU habe den politischen Handlungsspielraum der Mitgliedstaaten immer weiter verringert, ohne das Vakuum mit Gemeinschaftspolitik zu füllen. Die EU habe die nationalen Schutzfunktionen - Zölle, Importkontrollen - zerschlagen und durch nichts ersetzt. „Sie hat der Europäischen Zentralbank eine Politik des starken Euro erlaubt, die unsere Industrie auf die Knie zwingt“, sagt Sarkozy. Die EU habe alle wirtschaftlichen, sozialen und währungspolitischen Dumpings erlaubt, im Namen einer „naiven Vision des Freihandels“, sagt der UMP-Kandidat. „Wir müssen den Mut haben zu sagen, dass Europa unsere nationale Krise verschärft hat“, brüllt Sarkozy. Dann singen alle die Marseillaise.

Quelle: F.A.Z., 10.04.2007, Nr. 83 / Seite 3
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Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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