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Dienstag, 18. Juni 2013
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Wahlkampf in Frankreich Auf der Suche nach den einfachen Leuten

 ·  Nicolas Sarkozy gibt sich jetzt als „Kandidat des Volkes“. Er fährt aufs Land, um die Wähler von Marine Le Pen für sich zu gewinnen - und um sich selbst Mut zu machen.

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© AFP Das tiefe Frankreich: Nicolas Sarkozy mitten in Wahlnahkampf in Longjumeau

„Der Präsident?“ Die alte Dame mit der Plastikregenhaube schaut ungläubig auf die Menschentraube, die sich auf der Rue du Président Mitterrand, der Hauptgeschäftsmeile von Longjumeau, gebildet hat. Es ist die Straße der Kleinhändler, die Obst, Gemüse, Backwaren oder Blumen feilbieten. Es gibt einen altmodischen Friseursalon und Cafés. Eine Schlachterei wirbt mit „Halal-Fleisch“. Nicolas Sarkozy, der von den Umfrageinstituten ausgemachte Wahlverlierer, sieht kein bisschen entmutigt aus, als er seiner dunkelblauen Staatslimousine entsteigt. Er wird jetzt gleich dem Obsthändler die Hand schütteln, mit der Friseurin scherzen und Fred, den Besitzer des Bistros „L’Excuse“ („Die Entschuldigung“), an den überbreiten Hosenträgern ziehen. Er wird jedem Passanten mit freundlichen Worten begegnen, in der nach seinem sozialistischen Amtsvorgänger benannten Straße, in der Lenin 1911 einen vorübergehenden Wohnsitz gefunden hatte.

„Alles fängt neu an“, hat Sarkozy noch am Wahlabend des ersten Wahlganges angekündigt, und in Longjumeau, der Stadt seiner Wahlkampfsprecherin, führt er einen neuen, offensiven Wahlkampfstil vor. Er sucht jetzt den politischen Nahkampf, den direkten Kontakt mit den Leuten, die ihm bislang nur hinter robusten Metallbarrieren zuwinken durften.

Der Kandidat des Volkes

Seit er Anfang März in der Altstadt von Bayonne vor pöbelnden Gegnern in ein Café flüchten musste, hatte Sarkozy spontane Bürgerbegegnungen gemieden. Doch jetzt hat er nichts mehr zu verlieren, er setzt alles darauf, als „Kandidat des Volkes“ auf seine Landsleute zuzugehen. In Longjumeau wird er wieder zum Rocky Balboa der französischen Politik, der allein in den Ring steigt, um es allen zu zeigen. Er hat eine neue Tour de France begonnen, auf der Suche nach den einfachen Leuten. Am Mittwoch ist er im Elsass, am Donnerstag in der Banlieue von Paris, in Raincy, weitere Stationen sind Dijon, Clermont-Ferrand und Toulouse.

In Longjumeau gleitet manchmal ein leicht musternder Ausdruck über Sarkozys Gesicht, als fragte er sich gerade, ob sein Gegenüber für Marine Le Pen gestimmt hat. Der schnurrbärtige Fred, in dessen Bistro Kameraleute und Fotografen um die besten Plätze kämpfen, klagt über die Krise, und Sarkozy stimmt ihm zu, dass sich Arbeit endlich wieder lohnen müsse. „Ich bin nicht gekommen, um irgendwelche Moralvorträge zu halten“, sagt Sarkozy. Der Front National sei eine Partei, die mit der Republik vereinbar sei. „Wenn sie undemokratisch wäre, dann wäre die Partei nicht zugelassen worden.“ Die Wähler der extremen Rechten verdienten deshalb Respekt und Verständnis und nicht die Herablassung der „konformistischen Linken“. „Ich will mit den Wählern von Marine Le Pen reden, ich sehe nicht, warum ich mir das verbieten lassen sollte“, sagt Sarkozy.

Der Dorn im Auge

Das Theater von Longjumeau, ein Zweckbau aus den siebziger Jahren, ist zum Bersten voll. Selbst im unteren Saal, in dem Sarkozy nur auf einer Großleinwand erscheint, sitzen die Leute auf den Treppenstufen. Dabei hat Longjumeau Sarkozy abgestraft - er kam dort nur auf 25,6 Prozent der Stimmen, Hollande lag sieben Prozentpunkte vor ihm. Das ist auch eine Warnung für Nathalie Kosciusko-Morizet, Bürgermeisterin von Longjumeau und Sarkozys Wahlkampfsprecherin. Die 38 Jahre alte frühere Umweltministerin war Sarkozys Büchsenspanner Patrick Buisson schon immer ein Dorn im Auge. Die elegante junge Frau mit langen rotblonden Locken sei zu schön, zu elitär und zu schlau, schimpfte Buisson, der früher für das rechtsextreme Blatt „Minute“ arbeitete. Als Sprecherin des „Kandidaten des Volkes“ sei sie eine Fehlbesetzung.

Viele Zuhörer für Sarkozy © dapd Viele Zuhörer für Sarkozy

NKM, wie Frau Kosciusko-Morizet kurz genannt wird, sagt, dass „Longjumeau zum Besten und zum Schlimmsten fähig ist“. Sie erzählt von Sozialbautürmen und der nächtlichen Schießerei der Rauschgiftbanden in der vergangenen Woche, aber auch von den schmucken Einfamilienhaussiedlungen auf der anderen Flussseite, vom nahegelegenen Plateau de Saclay, das ein Hochtechnologie- und Elitehochschulstandort werden soll. Vor fünf Jahren unterstützte eine Mehrheit der Bewohner von Longjumeau noch Sarkozys Reformprogramm. Sie glaubten seinem Versprechen: „mehr arbeiten, um mehr zu verdienen.“ Doch stattdessen brach die Krise über Frankreich herein, und in Longjumeau konnte der Front National seine Wählerstimmen fast verdoppeln - von acht Prozent auf mehr als fünfzehn Prozent. Gerade in den Kommunen, die sich vom Wohlstand der großen urbanen Ballungszentren abgeschnitten fühlen, ist die extreme Rechte erstarkt.

„Nicolas! Nicolas!“

„Eine Stimme für Marine Le Pen ist keine Stimme gegen die Republik!“, ruft Sarkozy seinen begeisterten Anhängern in Longjumeau zu. Immer wieder unterbrechen „Nicolas! Nicolas!“-Rufe die Rede. Sarkozy wirbt unverhohlen mit den Themen des Front National. Wahlabsprachen lehnt er ab, auch am Kabinettstisch kann er sich Marine Le Pen und ihre Gefährten nicht vorstellen. Aber er will die Wähler des Front National zurückerobern, die ihm 2007 ihr Vertrauen geschenkt hatten. Europas Grenzen dürften nicht länger „ein Sieb“ sein, durchlässig für alle Einwanderungsströme, sagt er, und er wiederholt nachdrücklich seine Forderung nach einer Überprüfung der Schengen-Verträge. Europa müsse sich auf seine „christlichen Wurzeln“ besinnen, ruft Sarkozy, das sage er als überzeugter Anhänger der Laizität, der Trennung von Kirche und Staat. Dann warnt er davor, außereuropäischen Ausländern ein Wahlrecht bei den Kommunalwahlen zu geben, wie es der Sozialist Hollande versprochen hat. Er spricht von Familienwerten und dass er es nicht zulassen werde, dass Hollande die Steuervorteile für kinderreiche Familien verringere. Er verspricht, dass er „das Volk Frankreichs“ in Referenden befragen werde, wann immer die Linke oder Gewerkschaften das Land zu blockieren drohten.

Den Tag der Arbeit will er nicht länger den Gewerkschaften überlassen, auch nicht Marine Le Pen mit ihrem Marsch zu Ehren der Nationalheiligen Jeanne d’Arc. Am 1. Mai, kündigt Sarkozy an, werde er seine Anhänger am Trocadéro in Paris zum Tag der „wahren Arbeit“ versammeln. „Ich wusste nicht, dass François Hollande den 1. Mai privatisiert hatte“, höhnt er. Der Saal lacht. Nach einem Machtwechsel drohe Frankreich ein Niedergang wie Griechenland oder Spanien. „Frankreich darf jetzt keinen Fehler begehen“, warnt Sarkozy. Es klingt ein wenig selbstbeschwörerisch. Aber es ist genau das, was der Saal hören will. „On va gagner“, „wir werden gewinnen“, singen seine Anhänger. Dann erklingt die Marseillaise.

Hollande will die „gnadenlose Sparsamkeit“ in der EU beenden

Der französische Präsidentenanwärter François Hollande hat am Mittwoch in Paris seine Vorstellungen zu einem „europäischen Wachstumspakt“ präzisiert und die Einführung von sogenannten Projektbonds sowie die Erhöhung der Kreditvergabe durch die Europäische Investitionsbank gefordert. Der Sozialist kündigte an, er werde allen europäischen Staats- und Regierungschefs ein Vier-Punkte-Europamemorandum zustellen, sollte er die Wahl gewinnen. Neuverhandlungen am unterzeichneten europäischen Fiskalpaket seien unablässig und sollten vier Themengebiete umfassen.

Hollande will Eurobonds zur Finanzierung von Infrastruktur- oder Industrieprojekten durchsetzen, die Europäische Investitionsbank stärker einsetzen, eine europäische Finanztransaktionssteuer einführen und ungenutzte Mittel aus den EU-Strukturfonds für weitere „Wachstumsprojekte“ verwenden. Hollande sagte, er kenne viele europäische Regierungschefs, die auf seinen Wahlsieg hofften, damit Europa eine andere Richtung einschlage. Am Dienstagabend hatte Hollande bereits im Fernsehen angekündigt, er werde dem „unbegrenzten Freihandel“ und der „gnadenlosen Sparsamkeit“ in der EU ein Ende setzen. Die Bundesregierung müsse sich auf einen Richtungswechsel in Europa einstellen. „Seriosität bei Budgetfragen: Ja. Lebenslange Sparpolitik: Nein.“

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Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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