17.07.2007 · Eine Woche vor der Parlamentswahl versammelt Erdogan, der Vorsitzende der konservativen AKP, fast eine Million Anhänger in Istanbul - und feiert sich als Stifter des Aufschwungs. Nur einmal fällt das Wort „Islam“, vor dem sich so viele „weiße Türken“ fürchten. Von Rainer Hermann.
Von Rainer HermannDie Kundgebung auf dem größten Platz der Türkei war Erdogans Antwort. Im Mai hatte in Istanbul die Furcht vor einer angeblichen Islamisierung Hunderttausende auf den Caglayan-Platz getrieben. Damals hatte es der AKP-Vorsitzende Erdogan abgelehnt, die Stimmung weiter anzuheizen. Vorschläge aus den eigenen Reihen zu Gegendemonstrationen wies er mit dem Argument zurück, an einer Polarisierung sei er nicht interessiert. Im Wahlkampf aber muss er Stärke demonstrieren.
Mut hat jeder, der eine Kundgebung auf jener Brachfläche abhält, wo bis zum Abriss Istanbuls Gerbereiviertel stand. Bis zur historischen Stadtmauer mit dem „Goldenen Tor“, durch das einst die byzantinischen Kaiser und osmanischen Sultane nach gewonnenen Schlachten triumphierend in ihre Hauptstadt einzogen, herrscht karge Leere. Doch Erdogans Mut zahlte sich aus. Auf dem weiten Platz in Kazlicesme, der viermal so groß ist wie jener in Caglayan, kamen nach offiziellen Schätzungen fast eine Million Menschen zusammen.
Demokratie und Wohlstand für das Land
Die zwei Großkundgebungen weisen auf den Graben, der die türkische Gesellschaft durchzieht. Jene in Caglayan hieß „Treffen für die Republik“. Deren säkularen Charakter sahen die Demonstranten gefährdet. Mitglieder der gehobenen Mittelschicht und Reiche waren vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben auf die Straße gegangen. Der AKP, die in einem islamistischen Umfeld entstanden war, unterstellen sie noch immer eine „geheime Agenda“, die Türkei in eine islamische Republik umzuwandeln.
Immer deutlicher wird aber, dass Erdogans gar nicht mehr geheime Agenda vorsieht, aus der Türkei ein wohlhabendes Land zu machen – und sogar eine funktionierende Demokratie. In Caglayan hatten die „weißen Türken“ demonstriert. Sie hatten als urbane Elite die Republik bis zum Wahlerfolg der AKP im Jahr 2002 – und mit Hilfe der Justiz auch noch danach – weitgehend allein regiert. In Kazlicesme zeigten die „schwarzen Türken“ Flagge. Jene, die aus Anatolien in die Stadt zugewandert sind und nun ihre Teilhabe am Staat einfordern.
Zu ihnen gehört Ayhan, 35 Jahre alt und bis vor kurzem arbeitslos. Immer gab er der konservativen „Partei des wahren Wegs“ (DYP) seine Stimme, die sich in „Demokratische Partei“ (DP) umbenannt hat. Jetzt hat er Arbeit und wird daher für die AKP stimmen. Hüseyin ist auch dabei, er ist 26 Jahre alt und lebt seit zehn Jahren in Istanbul. Aus dem zentralanatolischen Nigde ist er nach Istanbul gekommen, denn der Hof seiner Eltern ernährte nicht alle. Nun arbeitet er als Buchhalter, an einer Fernuniversität erwarb er nebenher das Diplom in Betriebswirtschaftslehre. Er will aufsteigen, und er sagt, die AKP schaffe dafür die Voraussetzungen. Heute werde doch niemand mehr gewählt, wenn er nur leere Versprechen mache, sagt der junge Mann und schwenkt eine AKP-Flagge. Er erinnert daran, dass in der Zeit vor der AKP jene, die jetzt in Caglayan demonstrierten, von den hohen Zinsen der Staatsanleihen profitiert hätten. Ihm aber fraß die Inflation die Lira in der Tasche weg.
„Uns reicht's!“
Die AKP ist die Partei der „anatolischen“ Türken. Erdogan sagt von sich selbst, er sei einer der „schwarzen Türken“. Eine Mehrheit der Frauen trägt Kopftuch. Semra, 24 Jahre und Angestellte, gehört zur starken Minderheit, die ihr Haupthaar offen zeigt. In ihr Haar steckte sie das orangefarbene Band „AK Parti“, auf dem grünen T-Shirt bekennt sie sich zu den „Rolling Stones“. Mit ihren Beinen wippt sie wie auf der Tanzfläche. „Angst vor der AKP?“ Die junge Frau versteht die Frage nicht. „Die Frauen, die sich vor der AKP fürchten, kennen diese Partei doch gar nicht“, wettert sie. Die Zeit werde es ihnen zeigen, dass ihre Befürchtungen grundlos seien und dass nun jeder seinen Lebensstil leben könne.
Auch sie ist wegen Erdogan gekommen. Einen Platz dieser Größe würde kein anderer Politiker füllen. Kein anderer würde eine Million Menschen fast zwei Stunden gut unterhalten, auch nicht Abdullah Gül. Beide fliegen mit dem Hubschrauber ein. Sie kreisen über der Menge. Unten stellt Ertugrul Günay, der ehemalige Vordenker der türkischen Sozialdemokratie, als es eine solche noch gab, die AKP-Kandidaten einzeln vor, vor ihm ein Meer aus Parteiwimpeln in Blau und Orange sowie roten Nationalflaggen. Mit einer Stimme, die sich heiser geredet hat, spricht die Istanbuler „Nummer zwei“ hinter Erdogan immer wieder von der sozialen Gerechtigkeit, von Demokratie und davon, dass man nun nicht anhalten dürfe, sondern den Weg weiter gehen müsse.
Genau, die Demokratie, ruft einem der Buchhalter Hüseyin zu. Das unwürdige Spiel, mit dem die Wahl Güls zum Staatspräsidenten verhindert werden sollte, sei doch der größte Schlag gegen die Demokratie gewesen, findet er. Und dann ruft er mit der Menge: „Cankaya wird deiner sein!“ Noch immer residiert in der Cankaya aber der amtierende Staatspräsident Sezer. Güls einziges Thema ist seine verhinderte Wahl. Habe die AKP denn irgendwo, irgendwann gegen die Verfassung, gegen das Recht, gegen ein Gesetz verstoßen, fragt Gül, und ruft dann aus: „Uns reicht’s!“
Erdogan geht auf die Nöte der Menschen ein
Mit dunkler Sonnenbrille und einem hellblauen Freizeithemd tritt dann Erdogan vor die Menge. Nur einmal fällt das Wort „Islam“, vor dem sich so viele „weiße Türken“ fürchten. Einmal, als er Istanbul als das „Herz der islamischen Kultur der Türken“ nennt. Sonst aber geht Erdogan auf die Nöte und Wünsche der Menschen vor ihm ein: Das Ungeheuer der Inflation sei beseitigt, die Arbeitslosigkeit gehe zurück, in Istanbul käme man dank der Investitionen in die öffentlichen Verkehrsmittel besser voran und gerade eben habe er der Gründung von fünf weiteren Privatuniversitäten in der Stadt zugestimmt.
Besser als bei seinem Regierungsantritt sei für die einfachen Menschen die Gesundheitsvorsorge. Das bestätigt der Buchhalter Hüseyin. Heute seien mehr Menschen sozialversichert, und endlich gebe es auch für Normalverdiener Alternativen zu den schlechten Hospitälern der staatlichen Sozialversicherung SSK, sagt er. Das habe die oppositionelle „Republikanische Volkspartei“ (CHP), die gern eine sozialdemokratische wäre, aber verhindern wollen. Am liebsten natürlich liest Erdogan seinen Herausforderern die Leviten. Sie würden ihm vorwerfen, so viel wie kein Regierungschef zu reisen. „Wie soll ich sonst ausländische Direktinvestoren ins Land holen?“, fragt Erdogan. „Heute fließen in einem Jahr mehr Direktinvestitionen ins Land als in allen Jahren vor meiner Regierung.“ Das sei eben sein Weg für mehr Entwicklung und Arbeitsplätze.
40 Prozent für die AKP?
Unter dem Gejohle der Anhänger fordert Erdogan Baykal, den Führer der CHP, auf, bei ihm, dem Ökonomen, Nachhilfe zu nehmen. Ständig bringe Baykal in seinen Reden den Nominal- und den Realzins durcheinander, auch Auslandsverschuldung und Staatsschuld. Seinem Herausforderer hält Erdogan vor, im Wahlkampf den unterentwickelten Osten und den kurdischen Südosten völlig zu meiden, statt dessen aber eine Uhr zu tragen, die 60 000 Dollar koste. Und einen, der wie Bahceli, der Vorsitzende der „Partei der nationalistischen Bewegung“ (MHP), stets von „Hass, Rache und Blut“ schwadroniere, könne man doch unmöglich morgen im Parlament begrüßen wollen.
Die Massen sind zufrieden. Ismet, der pensionierte Taxifahrer, der einst aus dem ostanatolischen Artvin nach Istanbul gezogen war, will auch diesmal für Erdogan stimmen. „Denn ich habe heute mehr in meiner Tasche.“ Mehmet, der Textilfacharbeiter, hält Erdogan für einen vertrauenswürdigen Politiker, der „uns Demokratie und Wohlstand“ bringt. Der Buchhalter Hüseyin rühmt, die AKP erfülle das Versprechen ihres Namens, Partei der „Gerechtigkeit und Entwicklung“ zu sein. Von ihnen zweifelt keiner an den Umfrageergebnissen, die der AKP vorhersagen, sie werde bei der Wahl am kommenden Sonntag 40 Prozent der Stimmen erhalten. Das wären sechs Prozentpunkte mehr als 2002. Stünde das „Goldene Tor“ noch immer offen, Erdogan könnte im Triumph einziehen.
Wahlkampf in der Türkei
Abdullah Dik (abudik)
- 16.07.2007, 20:04 Uhr
Die Türkei ist sich selber im weg
Hakan Kiyar (laudatio)
- 16.07.2007, 21:59 Uhr
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- 18.07.2007, 03:11 Uhr
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Serkan Sapmaz (SerkanSapmaz)
- 18.07.2007, 03:16 Uhr
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Hakan Kiyar (laudatio)
- 18.07.2007, 10:04 Uhr
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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