23.08.2004 · Im amerikanischen Wahlkampf bleibt die militärische Vergangenheit des demokratischen Kandidaten auf der Agenda. Kerry sei in Vietnam nur „oberflächlich" verwundet worden, sagen Repubikaner. Bush war ein Drückeberger, erwidern Demokraten.
Im amerikanischen Wahlkampf haben die Demokraten am Wochenende versucht, Behauptungen des früheren republikanischen Senators Bob Dole, daß Kerry in Vietnam nur "oberflächlich" verwundet worden sei, mit Hinweisen darauf zu parieren, daß an Bushs Dienstzeit bei der Nationalgarde nur zwei Zahnfüllungen erinnerten, während Kerry noch immer Granatsplitter in seinem Oberschenkel habe.
Zugleich präsentieren die Pro-Kerry-Veteranen und die Anti-Kerry-Veteranen immer neue Zeugen dafür, daß der Demokrat bei seinem Einsatz in Vietnam ein Held beziehungsweise ein Feigling gewesen ist. Die amerikanischen Zeitungen bieten unterdessen seitenlange Recherchen zu Kerrys Patrouillenbooteinsätzen, die allerdings auch nur begrenzt weiterhelfen, da Augenzeugen widersprüchliche Erinnerungen haben und Dokumente, die vielleicht weiter helfen könnten, unter Verschluß gehalten werden.
Kerry - ein „Lügner“?
Für die Vietnamveteranen der Vereinigung "Swift Boat Veterans vor Truth" ist jedenfalls klar, daß Kerry ein "Lügner" ist. Seit Wochen bezichtigen sie ihn, falsche Angaben über seine Verletzungen und über Gefechtssituationen im Vietnamkrieg gemacht zu haben und sich damit seine Verwundetenmedaillen und Auszeichnungen erschlichen zu haben.
Dabei hatten zwei Hauptakteure der Kampagne, die Veteranen Roy Hoffmann und Adrian Lonsdale, Kerry noch vor einigen Jahren für seinen bravourösen Einsatz in Vietnam gelobt. Doch als Hoffmann dann die Kerry-Biographie "Tour of Duty" las, in der der demokratische Präsidentschaftskandidat als Kriegsheld glänzt und er selbst sowie Lonsdale als blutrünstige militärische Führer porträtiert werden, war er derart erbittert, daß er beschloß, die Dinge "geradezurücken".
Bush - als Strippenzieher?
Einen Verbündeten fand Hoffmann in seinem alten Kameraden John O'Neill, der es Kerry nicht verzeiht, daß der sich später zum Vietnamgegner wandelte und dem amerikanischen Kongreß von Greultaten amerikanischer Soldaten in Vietnam berichtete. O'Neill hat es mittlerweile als Rechtsanwalt in Texas zu Geld und Ansehen gebracht und dabei gute Kontakte zu einflußreichen texanischen Republikanern aufgebaut - unter anderem zu dem Bauunternehmer Bob Perry, der schon Bush und andere Republikaner großzügig mit Spenden bedacht hat und den Vietnamveteranen ein Startkapital von 200.000 Dollar für ihre Anti-Kerry-Kampagne schenkte.
Perry ist nun wiederum ein Freund von Bushs Chefstrategen Carl Rove - womit für die Demokraten klar ist, wer bei der Kampagne gegen ihren Präsidentschaftskandidaten der eigentliche Strippenzieher ist.
Kerrys "Schikane-Beschwerde"
Als Verbindungsmann zwischen den Veteranen und dem Wahlkampfteam des Präsidenten glauben sie einen früheren Luftwaffenoberst entlarvt zu haben, der in der jüngsten Fernsehkampagne der "Swift Boat Veterans vor Truth" Stimmung gegen Kerry macht. Der Oberst arbeitete für Bushs Wahlkampfteam als Berater für Veteranenfragen - bis zum Wochenende, an dem sich Bushs Wahlkampfteam schleunigst von dem Vietnamveteranen verabschiedete.
Von seiner Beteiligung an der Anti-Kerry-Kampagne habe man nichts gewußt, versichern Bushs Wahlkampfstrategen. Kerrys "Schikane-Beschwerde" bei der Bundeswahlkommission, mit der Demokrat die angeblichen Verbindungen von Bushs Team zu den "Swift Boat Veterans vor Truth" rügt, werde mit Sicherheit keinen Erfolg haben.
Pikante Wahkampfhilfe
Kerrys Beschwerde ist vor allem deshalb pikant, da zwei einflußreiche linke Interessengruppen, die ihn unterstützen - die Vereinigungen "New Demokrat Network" und "Media Fund" - von ehemaligen Regierungsmitarbeitern Clintons geleitet werden. Nach dem Gesetz ist es Vereinigungen wie "Media Fund" und "Swift Boat Veterans vor Truth" verboten, Kampagnen für oder gegen einen Präsidentschaftskandidaten mit den offiziellen Kampagnen der Parteien zu koordinieren.
Die sogenannten 527-Gruppen, benannt nach einem Paragraphen im amerikanischen Steuergesetz, dürfen allerdings eigenständig Wahlkampf betreiben. Ihre Zahl und ihre Spenden haben sich in diesem Wahlkampf enorm erhöht, da die politischen Parteien aufgrund des reformierten Wahlspendengesetzes nicht mehr so viel Geld wie früher sammeln dürfen.
Von der Wahlkampfhilfe der formal unabhängigen Organisationen profitieren die Demokraten weit mehr als die Republikaner. Von den 50 größten und finanzstärksten 527-Gruppen unterstützen 34 Kerry oder demokratische Kongreßabgeordnete. Sie haben zusammen fast 145 Millionen Dollar gesammelt, die Gruppen, die die Republikaner unterstützen, dagegen nur neun Millionen Dollar. Deshalb kann Bush, dessen persönliches Spendenkonto dicker ist als Kerrys, auch leichten Herzens an seinen demokratischen Herausforderer appellieren, er möge die wahlkämpferischen Aktivitäten der 527-Gruppen gemeinsam mit ihm verurteilen.