30.05.2008 · Erst warf er George W. Bush Täuschung vor, jetzt zeigt er sich „fasziniert“ von Barack Obama: Scott McClellan, bis 2006 Bushs Sprecher. Kritiker seines Buches über die Jahre im Weißen Haus werfen ihm Opportunismus vor.
Von Matthias RübAusgerechnet „Scottie“, der loyale Mitstreiter aus Austin in Texas! Mit seinem noch nicht einmal erschienenen Enthüllungsbuch „What Happened: Inside the Bush White House and Washington's Culture of Deception“ (Was geschah: Das Weiße Haus unter Bush und die Washingtoner Kultur der Täuschung) hat George W. Bushs früherer Pressesprecher Scott McClellan einen Volltreffer gelandet: Alle Welt redet über „Scottie“, die Vorbestellungen bei Buchhandlungen und Versandhäusern erreichen Spitzenwerte, Verleger und Autor können sich schon jetzt über saftige Umsätze freuen.
In einem Interview mit dem Fernsehsender CBS zeigte er sich zudem „fasziniert“ von Barack Obama, dem Präsidentschaftsanwärter der Demokraten. Obamas Botschaft „ähnelt der von Gouverneur Bush aus dem Jahr 2000 sehr, als er mit seinem Versprechen von Überparteilichkeit, Ehrlichkeit und Integrität das Rennen um Washington gewann.“
Verrat durch das Ziehkind
Scott McClellan, inzwischen 40 Jahre alter Spross einer einflussreichen Familie aus Austin - die Mutter war lange Bürgermeisterin und Chefin des texanischen Rechnungshofes, der Vater ein prominenter Anwalt -, hatte den damaligen texanischen Gouverneur George W. Bush schon während dessen Wahlkampf im Jahr 2000 als Pressesprecher beigestanden. Für seine treuen Dienste wurde er, von Juli 2003 bis April 2006, mit dem Amt des „White House Spokesperson“ belohnt. McClellan gehörte wie die Chefberater Karl Rove und Karen Hughes zum inneren Zirkel der Vertrauten, die Bush nach seinem Sieg bei der Präsidentenwahl über Al Gore aus Texas nach Washington mitbrachte.
Umso schmerzlicher muss für Bush nun der Verrat seines abgefallenen Schützlings sein. Ähnlich wie der frühere Finanzminister Paul O'Neill in seinem 2004 erschienenen Buch „The Price of Loyalty“ (Der Preis der Loyalität) wirft McClellan seinem früheren Chef und dessen innerstem Machtzirkel vor, das Volk vor dem Irak-Krieg willentlich und wissentlich in die Irre geführt zu haben. Eine diabolische Rolle habe dabei Vizepräsident Dick Cheney gespielt, der „wie ein Zauberer“ die Politik faktisch gelenkt habe, ohne „Fingerabdrücke“ zu hinterlassen.
Im Rückblick und mit dem nötigen Abstand sei er zu dem Schluss gekommen, dass der Irak-Krieg „ein schwerer strategischer Fehler“ und „nicht notwendig“ gewesen sei. Schon im Sommer 2002, also ein gutes halbes Jahr vor dem Einmarsch im Irak, hätten zudem ranghohe Mitarbeiter der Regierung eine Strategie begonnen, „um den Krieg durch die Manipulation von Informationen aggressiv zu verkaufen“.
Lügen, keine Inkompetenz
Noch härter fällt das Urteil McClellans über den Umgang mit dem Hurrikan „Katrina“ aus, der Ende August 2005 auf die Küste von Mississippi und Louisiana prallte und zur Überflutung weiter Teile der Stadt New Orleans führte. Eine der schlimmsten Naturkatastrophen der amerikanischen Geschichte sei „zu einem der schlimmsten Desaster von Bushs Präsidentschaft geworden“, weil die Regierung das Ausmaß der Katastrophe in der ersten Woche nicht habe wahrhaben wollen. Der verheerende Hurrikan und das Versagen der Regierung in Washington dabei habe „die zweite Amtszeit Bushs wesentlich geprägt“.
Vollends ein Fall des Lügens statt „nur“ der Inkompetenz sei es gewesen, wie die Enttarnung der Identität der ehemaligen CIA-Mitarbeiterin Valerie Plame durch ranghohe Mitarbeiter des Weißen Haues verschleiert worden sei. Plame wurde wegen der regierungskritischen Äußerungen ihres Mannes, des früheren Botschafters Joseph Wilson, mittels Preisgabe ihrer Identität durch ranghohe Regierungsmitarbeiter abgestraft.
Doch seinerzeit, im Spätsommer 2005, verteidigte McClellan vor der Presse im Weißen Haus die Verdächtigen - Karl Rove, Cheneys Stabschef Lewis Libby, der später wegen der Sache zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, sowie Präsidentenberater Elliot Abrams - als „gute Menschen und wertvolle Mitarbeiter“ der Regierung, die mit der Affäre nichts zu tun hätten. Jetzt schreibt McClellan: „Ich habe es zugelassen, getäuscht zu werden und unwissentlich die Unwahrheit zu verbreiten.“ Erst fast zwei Jahre später, nachdem Journalisten Licht in die Sache gebracht hatten, habe er gemerkt, dass er getäuscht worden sei.
Ein klarer Fall von Geldgier
Seine Motivation zum Verfassen des Enthüllungsbuchs sei gewesen, „sich über einige Wahrheiten Rechenschaft abzulegen, die in der Blase des Weißen Hauses verschleiert wurden“ - sowie darüber, dass er den „Erfordernissen an einen Beamten, wie ich sie sehe, bei weitem nicht entsprochen“ habe. Über den Präsidenten, den er zwar für urteilsschwach und intellektuell wenig neugierig hält, ihn aber trotz allem warm in Erinnerung behalten hat, schreibt McClellan, dieser sei „auf eine schreckliche Art und Weise vom Weg abgekommen“.
Die ehemaligen Kollegen McClellans im Weißen Haus, seine Vorgänger und Nachfolger als Bushs Pressesprecher, zeigten sich überrascht von McClellans zornigen Enthüllungen: Das sei nicht der „Scottie“, den sie gekannt hätten, zudem habe dieser in keinem Gespräch während seiner Amtszeit je ein entsprechendes Unbehagen geäußert. Offenbar sei er manipuliert worden von seinem Verleger, sagen die einen; ein klarer Fall von Geldgier, sagen die anderen.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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