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Wahlkampf in Amerika 2989 Videos auf YouTube

Erstmals antworten amerikanische Präsidentschaftskandidaten in einer Debatte auf Fragen, die im Internet gestellt wurden. Zu Wort kamen Waffenfreunde und ein lesbisches Paar. Die Favoriten übten sich in eingeübten Antworten. Von Matthias Rüb.

© AFP Vergrößern Edwards und Clinton konnten sich abermals behaupten

War es die mediale Revolution, angemessen für das 21. Jahrhundert, in der Form der Kandidatendebatte? Oder war es „business as usual“ mit ein paar eingespielten Videoclips? Erstmals stellten sich in der Nacht zum Dienstag die acht demokratischen Bewerber um den Einzug ins Weiße Haus in einer Kandidatendebatte Fragen von Bürgern, die diese über das Internetvideoportal „YouTube“ in halbminütigen Videoclips gestellt hatten.

Die zweistündige Debatte wurde gemeinsam von „YouTube“ - inzwischen Teil des Internetimperiums der Suchmaschine „Google“ - und dem Nachrichtensender CNN ausgerichtet und vom Auditorium der Militärhochschule „The Citadel“ in Charleston im Bundesstaat South Carolina aus übertragen. Es war die vierte Debatte der demokratischen Präsidentschaftskandidaten. Im gleichen Format sollen sich die republikanischen Bewerber am 17. September den Fragen der „Generation Internetvideo“ stellen.

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Auf „YouTube“ geht die Debatte weiter

In den vergangenen Wochen waren 2989 Videos mit Fragen an die Kandidaten auf „YouTube“ gestellt worden. Fünf Mitglieder der politischen Redaktion von CNN und Anderson Cooper, der Leiter der Debatte und Moderator der spätabendlichen Nachrichten- und Featuresendung „Anderson Cooper 360°“, hatten 39 Videos ausgewählt. Cooper selbst nahm sich die Freiheit heraus, bei Antworten von Kandidaten, die ihm unzureichend oder ausweichend erschienen, nachzuhaken oder eine weiterführende Frage zu stellen.

Barack Obama © AP Vergrößern Obama: Die „talking points” durchgesetzt

Dieses Hybridformat von Zuschauerbeteiligung und Moderatorbefragung war nicht neu, denn schon lange werden bei Kandidatendebatten auch Fragen von Zuschauern im Auditorium oder aus zuvor eingesandten Zuschriften gestellt. Neu war freilich, dass die Zuschauerfragen mehr Raum einnahmen als die Moderatorenfragen. Und neu ist wohl auch, dass die Debatte unter den „Konsumenten“ der Debatte auf der Website von „YouTube“ weitergeht. Dort ist nämlich nicht nur die Kandidatendebatte in ganzer Länge zu sehen, es werden auch fortwährend neue Kommentare zum gesamten Auftritt oder zu einzelnen Antworten der Kandidaten auf die Website gestellt.

Clinton, Obama und Edwards liegen vorn

Während die medientheoretische Debatte darüber erst begonnen hat, ob das neue Format nun wirklich so revolutionär sei oder bloß die eher schüchterne Fortentwicklung bekannter Formate, sind sich die politischen Kommentatoren weitgehend über den Ausgang der Debatte einig. Die Kandidaten auf den Spitzenpositionen in den Meinungsumfragen Hillary Clinton (New York), Barack Obama (Illinois) und John Edwards (North Carolina) - in dieser Reihenfolge - konnten sich abermals am besten behaupten und hatten auch die meiste Redezeit.

Aus der zweiten Reihe lieferten sich die Senatoren Joseph Biden (Delaware) und Christopher Dodd (Connecticut) sowie der Gouverneur von New Mexico, Bill Richardson, hübsche Wortgefechte. Über ihre Rolle als mitunter recht unterhaltsame Statisten ohne politisches Gewicht wuchsen der frühere Senator Mike Gravel (Alaska) und der Abgeordnete Dennis Kucinich (Ohio) erwartungsgemäß wieder nicht hinaus.

Wie reden Sie mit Ihren Kindern über Sex?

Denkwürdig waren allenfalls eine Handvoll Videofragen, etwa eines dahinschmelzenden Zeichentrickschneemannes zum Klimawandel; eines Waffenbesitzers mit seinem Sturmgewehr auf dem Schoß, das er als „mein Baby“ bezeichnete und entsprechend hätschelte, zu möglichen gesetzlichen Einschränkungen des Verfassungsrechts auf Waffenbesitz; eines Mitarbeiters einer in der westsudanesischen Provinz Darfur tätigen Hilfsorganisation zur Bereitschaft, amerikanische Truppen zum humanitären Einsatz nach Afrika zu senden; eines Angehörigen eines neben ihm sitzenden Alzheimer-Kranken zur Gesundheits- und Krankenversicherungspolitik; eines lesbischen Paares zur Homosexuellenehe sowie „persönliche“ Fragen etwa dazu, wie die Kandidaten mit ihren Kindern über Sex reden, ob sie für den Mindestlohn von gegenwärtig 5,85 Dollar in der Stunde den Job im Weißen Haus machen würden und ob sie ihre Kinder auf öffentliche oder private Schulen geschickt haben.

Bei den Antworten gelang es den Kandidaten in den allermeisten Fällen, sich an ihre „talking points“ zu halten und ihre eingeübten Antworten anzubringen - was sie schließlich bei jedwedem Frageformat können müssen.

Hillary Clinton verstand es abermals, sich als die in der Außen- wie der Innenpolitik mit allen Wassern gewaschene, immens erfahrene Politikerin hinzustellen, die auch als Frau Manns genug wäre, um etwa von Königen oder Präsidenten in der arabisch-islamischen „Männerwelt“ ernst genommen zu werden. Barack Obama warb ein weiteres Mal für den Wechsel in Washington und präsentierte sich als frischer und schlagfertiger Kandidat.

„Wir können nicht einfach jetzt abziehen“

Frau Clinton würde sich im ersten Jahr ihrer Amtszeit nur dann mit den Präsidenten und Diktatoren aus Ländern wie Iran, Syrien, Nordkorea, Kuba oder Venezuela persönlich treffen, wenn dies einen politischen Mehrwert für die Vereinigten Staaten ergebe statt von den feindlichen Regimen nur „zu Propagandazwecken ausgenutzt“ werde, während Barack Obama zu solchen Treffen in jedem Fall bereit wäre, weil sich bekanntlich selbst der überzeugte Antikommunist Ronald Reagan mit den Führern der Sowjetunion getroffen habe.

Das vermeintliche Hauptthema der amerikanischen Politik, der Irak-Krieg, kam in den ausgewählten Fragen fast nur am Rande vor. Den schärfsten Streit zwischen den Linken Kucinich, Obama sowie Richardson und den zentristischen Kandidaten Clinton und Biden gab es über die Möglichkeit eines raschen Rückzugs aus dem Zweistromland. „Wir können nicht einfach jetzt abziehen“, sagte Biden, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Senats, denn es würde „ein Jahr dauern, um unsere 160.000 Soldaten physisch aus dem Irak nach Hause zu bringen“. Dem stimmte Hillary Clinton zu.

Quelle: F.A.Z.

 
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