Home
http://www.faz.net/-gq5-q052
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Wahlen im Irak „Für mein Land, für meine Zukunft“

30.01.2005 ·  Noch ist nicht absehbar, wieviele Menschen ihre Stimme bei der Wahl abgegeben haben, aber es sind mehr als erwartet. Die ersten Resultate wird es in 48 Stunden geben.

Von Birgit Svensson
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

„Ich bin total überrascht“, sagt Nasir Malik. „Wir haben mit 15 oder höchstens 20 Wählern gerechnet.“ Als das Wahllokal um 17 Uhr Ortszeit schließt, sind Hunderte in das Wahlzentrum sieben im Bagdader Bezirk Mansour gekommen, um ihre Stimme für die ersten freien Parlaments- und Regionalwahlen im Irak abzugeben.

500 Wähler hatten Nasir und seine 35 Wahlhelfer-Kollegen auf der Registrierungsliste. Genau kann der 25 Jahre alte Mann die Wahlbeteiligung in seinem Bezirk noch nicht ausmachen. „Aber sie war enorm“, ist sein Kommentar. Am Wahlsonntag übernahm der Student der Theaterwissenschaften die Regie über das Wahlbüro, das am nächsten an der Grünen Zone liegt, dem Regierungsviertel, das seit Tagen unter ständigem Beschuß der Terroristen ist. Aber auch aus anderen Vierteln der Hauptstadt wurde eine unerwartet hohe Wahlbeteiligung gemeldet.

Bomben und Raketen

Die Nacht von Samstag auf Sonntag über detonierten Bomben und Raketen in Bagdad, waren Maschinengewehrschüsse zu hören, vor allem auf der Westseite des Tigris. Nach dem Raketenanschlag auf die amerikanische Botschaft, die sich ebenfalls in dem wie eine Festung anmutenden Regierungsviertel befindet, hörten die Gewehrsalven nicht auf. Nervös liefen die Wachen des Hotels Mansour stundenlang Streife um die mit Journalisten vollbesetzte Herberge, die am Tigrisufer liegt und nur wenige hundert Meter von der „Grünen Zone“ entfernt ist.

Am Morgen war ein Wachmann aus Erschöpfung auf der Eingangstreppe eingeschlafen, wurde dann aber von einem lauten Knall geweckt. Schon am Samstag nachmittag ging im Zentrum der Stadt nichts mehr. Die Hauptstraßen waren abgeriegelt, die Tigrisbrücken gesperrt. Nur wer einen Spezialausweis hatte, durfte noch passieren. Von 17 Uhr an war auch das nicht mehr möglich. Die Fünf-Millionen-Stadt war zur Geisterstadt geworden.

Truppen sichern die Wahl

Am Sonntag herrschte totales Fahrverbot. Einige genossen dies. Familien flanierten auf den sonst verstopften Hauptstraßen, Jungen spielten in den Straßen Fußball. Bis zuletzt hatte das Innenministerium die endgültigen Wahllokale geheimgehalten, um Terroranschlägen vorzubeugen. Trotzdem wurden einige in die Luft gesprengt.

Patrouillierende irakische Polizisten und Nationalgardisten sicherten das Wahllokal Al Sahlia. Stifte und Telefone wurden den Besuchern abgenommen. Auf den Dächern der Häuserblocks, die die Straße säumen, waren Scharfschützen postiert. Zwei Straßen weiter standen amerikanische Truppen. Sie versuchten sich möglichst nicht einzumischen. Auch in den um Bagdad gelegenen Dörfern sicherten Truppen die Wahl.

Die Finger blau mit Tinte

Nasir hat keine Angst. „Es ist für mein Land, für meine Zukunft“, sagt der Student und Wahlhelfer, der die Stimmzettel aushändigt: einen für die Nationalversammlung (zartrosa) und einen für den Regionalrat (türkis), beide im DIN-A3-Format. Während der rosa Zettel beidseitig mit Symbolen, Nummern und Namen bedruckt sind, genügt für das türkisfarbene Papier eine Seite.

Said, Nagib und Reham haben gerade gewählt, ihre Zettel in die Urne geworfen, sich die Finger blau mit Tinte färben lassen. Die beiden Brüder waren sich einig. Sie gaben ihre Stimme Ministerpräsident Ijad Allawi und seiner Liste 285. Die Schwester stimmte anders: Sie möchte einen König und stimmte für die Bewegung der konstitutionellen Monarchie. Nabil und Puschra, ein Arztehepaar, stimmten ebenfalls getrennt, er für die Kommunisten, sie für Allawi. In der Tat ist Mansour ein gemischter Bezirk, viele ausländische Botschaften haben hier ihren Sitz, Firmen ihre Niederlassungen. In den Häusern gegenüber dem Wahllokal seien zu Saddams Zeiten seine Anhänger eingezogen, erklärt Nasir. „Die sind aber teilweise nach Falludscha, Ramadi und dann in den Norden gezogen, um sich den Aufständischen anzuschließen.“

„Es ist hier nicht wie in Deutschland“

Nach Schließung der Wahllokale werden die Stimmen ausgezählt. „Noch eine Nacht ohne Schlaf“, prophezeit Nasir, der Ringe unter den Augen hat. Eine Kopie des Ergebnisses wird als Aushang in der Schule verwendet, eine zweite geht in einem verschlossenen Umschlag an die Wahlkommission drei Straßen weiter, die in der „Grünen Zone“ ihren Sitz hat. Eine dritte werde in einer Art Archiv einige Monate aufbewahrt, falls es noch Beschwerden oder juristische Schritte gegen das Endergebnis gebe, sagt der Sprecher der Wahlkommission, Farid Ajar.

Die ersten Resultate werde es erst in 48 Stunden geben, viele Wahllokale hätten weder Telefon noch Internet. „Die müssen ihren Umschlag zu Pferd nach Bagdad bringen“, scherzt Ajar, der in Leipzig promoviert wurde und in London seinen Wohnsitz hat. 5.578 Wahllokale im ganzen Land, das dauere eine Weile. „Bitte haben Sie Geduld, es ist hier nicht wie in Deutschland.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.01.2005, Nr. 25 / Seite 3
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 3