An der Spitze Südkoreas steht in Zukunft eine Frau. Am späten Abend bestätigte die nationale Wahlkommission, was Hochrechnungen schon bald nach Schließung der Wahllokale angekündigt hatten. Park Geun-hye, die Kandidatin der konservativen Regierungspartei, hat gegen Moon Jae-in von der oppositionellen Demokratischen Einheitspartei (DUP) das Rennen um die Präsidentschaft gewonnen. Frau Park versprach, „eine neue Ära für unser Land zu beginnen“. Rund 40,5 Millionen Wahlberechtigte waren aufgerufen, einen Nachfolger für Präsident Lee Myung-bak zu bestimmen. Die Wahlbeteiligung war trotz der inhaltlichen Nähe beider Kandidaten mit 75,8 Prozent so hoch wie seit 1997 nicht mehr. Deswegen war der Erfolg Frau Parks auch knapper als erwartet.
Umfragen vor der Wahl hatten gezeigt, dass Frau Park bei den älteren Südkoreanern über eine solide Mehrheit verfügt. Die jüngeren Wähler tendierten in ihrer Mehrheit jedoch eher zum linksliberalen Moon. Die ungewöhnlich hohe Wahlbeteiligung zeigt, dass dieses Mal auch mehr Jüngere als üblich zur Wahl gegangen sind.
Für Südkorea ist die Wahl ein historischer Schritt. Obgleich Frau Park Kandidatin der konservativen Regierungspartei ist, zeigt ihr Wahlerfolg, wie stark sich die konfuzianische Gesellschaft des Landes ändert. Frauen sind in Südkorea in Spitzenposition in der Wirtschaft und in der Politik kaum vertreten. Unter allen 135 Ländern nimmt Südkorea nach internationalen Statistiken Platz 116 ein, wenn es um die Karriereaussichten von Frauen geht. Der Sieg Frau Parks ist insofern ein größerer Einschnitt für das Land, als es ein Erfolg des Oppositionskandidaten Moon gewesen wäre.
Spannender Wahlkampf-Endspurt
Der Präsidentschaftswahlkampf war zuletzt noch einmal spannend geworden. Lange Zeit sah es so aus, als könne niemand mehr Park Geun-hye streitig machen, als erste Frau in das „Blaue Haus“, den südkoreanischen Präsidentenpalast in Seoul, einzuziehen. Frau Park, mittlerweile 60 Jahre alt, ist dort aufgewachsen. Sie war 22 Jahre alt, als ihre Mutter bei einem Attentatsversuch auf ihren Vater erschossen wurde.
Die junge Frau übernahm von da an folgsam die Rolle der First Lady an der Seite ihres Vaters, des Militärdiktators und Präsidenten Park Chung-hee. In diesem Jahr lag die Tochter in Umfragen lange Zeit vorn. Es erschien fast sicher, dass Frau Park als Kandidatin der regierenden Saenuri-Partei an diesem Mittwoch zur neuen Präsidentin gewählt werden würde. Doch in einem fulminanten Endspurt hat ihr wichtigster Gegner, Moon Jae-in von der oppositionellen Demokratischen Einheitspartei (DUP), Schritt für Schritt aufgeholt. In letzten Umfragen liefern sich die beiden ein Kopf-an-Kopf-Rennen - mit leichten Vorteilen für Frau Park.
Unterschiedliche Biographien
Gegensätzlicher als bei Park und Moon könnten die Biographien der beiden Kandidaten nicht sein. Hier die Tochter des Militärdiktators, die immer zur politischen Elite Südkoreas gehörte. Auf der anderen Seite Moon, ein Menschenrechtsanwalt, der als Student von den Schergen der Diktatur bei Protesten immer wieder niedergeknüppelt worden ist. Das geschah zu Zeiten, als Park regierte und seine Tochter im Blauen Haus wohnte und an der Seite des Vaters repräsentative Funktionen wahrnahm. Damals wurde Moon verhaftet und von der Universität verwiesen.
Doch so einfach, wie es auf den ersten Blick aussieht, lassen sich die beiden, die das Rennen um die Präsidentschaft unter sich ausmachen, nicht in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse teilen. Moon diente in den neunziger Jahren bereits als Stabschef dem Präsidenten Roh Moo-hyun, ebenfalls aus dem linken Lager Südkoreas. Mit der Amtszeit Rohs verbinden viele Wähler heute Korruption und Vetternwirtschaft. Als Stabschef des Präsidenten müsse auch Moon von den Machenschaften gewusst haben, sagen seine Gegner. Frau Park hat auf der anderen Seite eine beeindruckende Karriere als Parlamentarierin vorzuweisen, so dass niemand ernsthaft ihre demokratische Gesinnung bestreitet.
Keine „Eiserne Lady“ mehr
Bei allen Gegensätzen in ihren Lebensentwürfen lagen die beiden Kandidaten inhaltlich nicht so weit auseinander, dass die Südkoreaner sagen könnten, dies sei eine Richtungswahl. Beide suchen die Mehrheit in der politischen Mitte. Moon gibt sich gemäßigt. Frau Park, die noch vor wenigen Jahren mit einem radikal marktwirtschaftlichen Reformkurs für eine Erneuerung Südkoreas warb, ist erkennbar nach links gerückt. Einst als „Eiserne Lady“ Ostasiens in den Spuren Margaret Thatchers wandelnd, spricht sie jetzt wie Moon davon, den Sozialstaat ausbauen zu wollen. Auch sie will wie Moon den Einfluss der allmächtigen Industriekonglomerate wie Hyundai oder Samsung brechen. Diese Konglomerate, Koreanisch Chaebol genannt, haben den eindrucksvollen wirtschaftlichen Aufschwung des Landes möglich gemacht. Hyundai und Samsung sind heute Weltmarken und die größten Arbeitgeber des Landes. Doch die Familien, denen sie gehören, dominieren die Wirtschaft und Politik ohne jede Kontrolle. Und sie betreiben Kaufhäuser, Kosmetikketten, sogar Bäckereien - und bedrohen so die Existenz vieler Gewerbetreibender.
Die „Demokratisierung der Wirtschaft“ ist eines der wichtigsten Wahlkampfthemen. Moon und Frau Park versprechen sie gleichermaßen. Der Unterschied: Frau Park setzt eher auf eine freiwillige Selbstbeschränkung der großen Konzerne, Moon dagegen will ihre Macht gesetzlich beschränken. „Er steht ihnen kritischer gegenüber“, meinen Moons Anhänger. Doch auch der Kandidat der linksliberalen Opposition weiß, dass er die Konzerne nicht zu scharf anfassen darf, wenn er ihre internationale Spitzenposition und damit die Stärke der südkoreanischen Volkswirtschaft nicht gefährden will.
Frau Park hat mit ihrem politischen Linksschwenk schon einmal Erfolg gehabt. Im April, als die Regierungspartei die Parlamentswahlen zu verlieren drohte, schwenkte Frau Park überraschend nach links. Plötzlich sprach auch sie von sozialer Ungerechtigkeit, davon, dass in Südkorea die Schere zwischen Reich und Arm zu weit auseinanderklaffe. Das Versprechen, anhaltendes Wirtschaftswachstum und mehr Sozialstaat zu garantieren, rettete der Saenuri-Partei damals in letzter Minute überraschend die Mehrheit. Spätestens seitdem ist Frau Parks Position in der Regierungspartei unangefochten.
Auch in ihrer Position zu Nordkorea unterscheiden sich die beiden Kandidaten kaum. Frau Parks Wahlkampfmanager streuen seit Monaten die Information, dass sie als Präsidentin den harten Abgrenzungskurs des amtierenden Präsidenten und Parteifreunds Lee Myung-bak nicht fortsetzen werde. „Neue Vorschläge für diplomatische Initiativen liegen schon in der Schublade“, heißt es. Auch das gehört zu Parks Strategie. Wo es nur geht, setzt sie sich vom unbeliebten Präsidenten Lee ab.
Wo die inhaltlichen Unterschiede zwischen zwei Präsidentschaftskandidaten so gering sind, war es wahlentscheidend, wer seine Anhänger am Wahltag besser mobilisieren kann. Hier hat Frau Park einen klaren Vorteil. Umfragen zeigten, dass Jung und Alt bei dieser Wahl unterschiedliche Präferenzen haben. Frau Park ist die Kandidatin der über 50 Jahre alten Wähler. Dass ihr Vater das Land als Diktator unterdrückte, schadet der Kandidatin kaum. Im Gegenteil: Der Militärdiktator, der 1979 von seinem eigenen Geheimdienstchef erschossen wurde, ist in Südkorea immer noch einer der beliebtesten Präsidenten. Mit ihm verbinden vor allem die Älteren das südkoreanische „Wirtschaftswunder“. In seiner Regierungszeit schaffte das Land den Aufstieg vom unterentwickelten Agrar- zum modernen Industriestaat.
Umfragen hatten gezeigt, dass mehr als 60 Prozent der Wähler zwischen 20 und 40 sich Moon als Präsidenten wünschten. Frau Park kam in dieser Altersgruppe gerade mal auf 33 Prozent. Ganz anders sah es bei den Wählern über 50 aus. Sie sprachen sich zu mehr als 60 Prozent für Frau Park aus. Südkoreaner, die älter sind als 60, wünschen sich gar zu mehr als 73 Prozent, dass Frau Park wieder ins Blaue Haus einzieht. Während es Park leichtfiel, die Alten zur Wahl zu mobilisieren, tat sich Moon mit den Jüngeren schwer. Viele von ihnen sind Anhänger des schillernden Softwareunternehmers und Hochschullehrers Ahn Cheol-soo. Der hatte seine Präsidentschaftskandidatur nach einem Deal mit Moon zwar im November zurückgezogen und unterstützt jetzt den Oppositionskandidaten. Doch viele Jüngere, die für Ahn waren, können mit Moon nicht mehr anfangen als mit Park - und wollten am Mittwoch zu Hause bleiben.
Südkoreas Wirtschaft wird nach Schätzungen der Bank von Korea in diesem Jahr um 2,4 Prozent wachsen. Das ist das schwächste Wachstum seit der Finanzkrise 2008. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Frau Park hatte im Wahlkampf deswegen auch angekündigt, die Macht der großen Industriekonglomerate wie Samsung und Hyundai zu begrenzen. Bislang hatte die südkoreanische Wirtschafts- und Finanzpolitik stets die Interessen dieser Unternehmen im Auge, die von einflussreichen Familien geführt werden.
