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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Wahl in Serbien „Die Serben durften nicht entscheiden, wo sie leben wollen“

An diesem Sonntag wird in Serbien ein neuer Präsident gewählt. Tomislav Nikolić fordert Präsident Tadić heraus. Mit der F.A.Z. spricht er über seine Vergangenheit als Tschetnik-Führer im Kroatienkrieg und seine Wandlung zum EU-Befürworter.

© dapd Vergrößern „Unantastbare Grenzen zu den Nachbarländern“: Tomislav Nikolić nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl am 6. Mai in Belgrad

„So lange ich lebe, soll mir bloß niemand erzählen, dass Radovan Karadžić und Ratko Mladić Verbrecher sind.“ So sagte es Tomislav Nikolić, damals stellvertretender Vorsitzender der oppositionellen „Serbischen Radikalen Partei“ (SRS), im Juli 2007 auf einer Veranstaltung mit dem Titel „Die Wahrheit über Srebrenica“. Dass in Srebrenica im Juli 1995 mehr als 7000 bosnische Muslime von Truppen der bosnischen Serben ermordet wurden, dass General Mladić nach der von seinem Kameramann auf Video festgehaltenen Einnahme der Enklave „Rache an den Türken“ ankündigte und dann auf grausame Weise verwirklichte - all das spielte auf der Konferenz selbstverständlich keine Rolle. Ebenso wenig wie die Politik systematischer „ethnischer Säuberungen“ des bosnischen Serbenführers Karadžić.

Stattdessen wurde das Massaker von Srebrenica als Erfindung des französischen Geheimdienstes abgetan. Noch liefere die verräterische Belgrader Regierung serbische „Helden“ an das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag aus, „aber nicht mehr lange, denn die Radikalen werden an die Macht kommen“, drohte Nikolić damals.

Kein Bedauern über ermordeten Journalisten

Von dem radikalen Politiker, geboren 1952 in der zentralserbischen Industriestadt Kragujevac, gibt es viele solcher haarsträubenden Äußerungen. Nach der Ermordung des oppositionellen Journalisten Slavko Ćuruvija in Belgrad im Jahr 1999 sagte Nikolić, er bedauere dessen Tod nicht. Als er Jahre später in einem Interview auf den Satz angesprochen wurde, entspann sich folgender Dialog:

Journalist: Würden Sie den Satz: ,Ich bedauere es nicht, dass Slavko Ćuruvija ermordet wurde‘, zurücknehmen? Nikolić: Nein. Journalist: Sie würden den Satz nicht zurücknehmen? Sie stehen immer noch dazu? Sie würden ihn wiederholen? Nikolić: Na und? Journalist: Nichts, ich frage nur. Ich bin einfach nur etwas angeekelt. Nikolić: Die Tatsache, dass Sie angeekelt sind, bedeutet nicht, dass es nicht schön ist.”

Kriegstreiberische Rhethorik

Ungewöhnlich war diese Rhetorik für Nikolić nicht, denn die SRS ist die Partei des serbischen Ultranationalisten Vojislav Šešelj, der einst gefordert hatte, man solle jedem Kroaten mit einem rostigen Löffel die Augen auskratzen. Im Serbien der neunziger Jahre war die SRS in der Opposition gegen Kriegstreiber Slobodan Milošević - weil er ihr nicht radikal genug war. Die SRS forderte Krieg, und sie führte Krieg. In Belgrad terrorisierten ihre Schlägertrupps die serbische Bevölkerung, während von der SRS aufgestellte Freischärlereinheiten („Tschetniks“) in Bosnien und Kroatien im Namen „Großserbiens“ plünderten und mordeten.

Šešelj und Nikolić wollten Kroatien zerschlagen und die kroatische Bevölkerung auf einen Rumpfstaat westlich der Orte Karlobag, Ogulin, Karlovac und Virovitica zurückdrängen. Die SRS unterstützte auch die Belagerung völlige Zerstörung der kroatischen Stadt Vukovar im Jahr 1991. Die sich anschließenden Massaker wurden geleugnet, die Vertreibung der nichtserbischen Bevölkerung aus der Donaustadt hingegen damit begründet, dass Vukovar schließlich eine „serbische“ Stadt sei, andere Völker dort also nichts zu suchen hätten. Serbien ist in der Diktion des serbischen Nationalismus überall dort, wo es serbische Gräber gibt.

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