In der Nacht zum Mittwoch verstand Jair Lapid seinen Vater. Vor genau zehn Jahren gelang Josef („Tommy“) Lapid mit seiner Schinui-Partei ein ähnlicher Überraschungssieg wie jetzt dem Sohn Jair. Damals konnte er nicht begreifen, warum seinem Vater in der Wahlnacht nicht zum Jubeln zumute war. Jetzt wisse er, wie schwer die Verantwortung auf einem laste, wenn die eigene Partei auf einmal zweitstärkste Partei in der Knesset werde, erläuterte der frühere Fernsehmoderator seinen Parteimitgliedern. Kurz nachdem die ersten Prognosen zeigten, dass der Israeli mit dem graumelierten Haar der eigentliche Sieger der Knesset-Wahl ist, klang Lapid nicht mehr wie ein angriffslustiger Oppositionsführer. Diesen Posten hat der 49 Jahre alte Journalist schon sicher. Staatstragend rief er stattdessen die anderen Politiker dazu auf, mit ihm zusammenzuarbeiten und eine möglichst breite Regierungskoalition zu bilden. Zuvor hatte ihm Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gratuliert. Am Telefon sprach er wohl davon, dass beide gemeinsam „große Dinge“ zu tun hätten.
Lapids Partei will Verhandlungen mit Palästinensern
Lapid hatte im Wahlkampf kein großes Geheimnis daraus gemacht, dass er bereit sei, einer Koalition unter dem Likud-Vorsitzenden beizutreten. Als die Umfragen seiner Partei zehn Mandate gaben, habe er mit dem Erziehungsministerium geliebäugelt, heißt es. Seit er jedoch weiß, dass er einer Fraktion mit 19 Abgeordneten vorsteht, kann man sich in seiner Umgebung sogar das Außenministerium vorstellen. Ambitionen auf das Amt des Regierungschefs ließ er nie erkennen. Sollte Netanjahu als Vorsitzender der größten Partei mit der Bildung einer Koalition scheitern, könnte ihn Staatspräsident Peres als Chef der zweitstärksten Kraft damit beauftragen.
Seine Partei „Es gibt eine Zukunft“ will sich vor allem auf die Reform der Schulen konzentrieren. Lapid will auch für bezahlbare Wohnungen kämpfen. Dafür hatten Zehntausende Israelis während der Sozialproteste demonstriert. Die Zukunftspartei will nur einer Regierung beitreten, die dafür sorgt, dass alle Israelis entweder Wehr- oder Zivildienst leisten - Araber und Ultraorthodoxe eingeschlossen. Das würde sie in Konflikt mit der Schas- und der Tora-Partei bringen, die bisher Netanjahus Koalition angehören und darauf bestehen, dass Religionsstudenten nicht zur Armee müssen. Lapids Partei will auch bald wieder mit den Palästinensern über einen Frieden verhandeln.
Journalist, Schauspieler, Politiker
Jair Lapid ist wie die meisten Abgeordneten seiner Partei ein politischer Neuling. Bis vor einem Jahr moderierte im Sender „Channel 2“ das am meisten gesehene Nachrichtenmagazin Israels. Seine Fernsehpopularität half ihm im Wahlkampf. Zeitweise arbeitete er als Schauspieler. Auch als Autor von Gedichten und Liedern hat er sich versucht. Beides gehört zur Familientradition: Seine Mutter Schulamit war Schriftstellerin, sein Vater - ein ungarischer Holocaust-Überlebender - war Journalist, bevor er in die Politik ging. Jair Lapid hat nicht vergessen, dass dessen kometenhafter Aufstieg bald ein Ende fand. Die Schinui-Partei mit ihren damals 15 Knesset-Sitzen existiert schon lange nicht mehr.
Hoffen wir es
Hans Lutz Oppermann (Roemer2010)
- 23.01.2013, 21:59 Uhr
Desaster für Netanjahu
N micic (danenffm)
- 23.01.2013, 16:10 Uhr
Es wäre schön
Gordian Hense (arjello)
- 23.01.2013, 15:49 Uhr
