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Republikaner-Vorwahl in Nevada Wüstenrückbildung im Schlachtfeldstaat

03.02.2012 ·  Nach Mitt Romneys Sieg in Florida sind die Erwartungen seiner Anhänger auch für Nevada groß, wo an diesem Samstag die Vorwahlen stattfinden. In den Umfragen führt Romney - selbst in dieser Hochburg der „Tea Party“.

Von Matthias Rüb, Las Vegas
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© AFP Vor der Vorwahl: Mitt Romney mit seiner Ehefrau Ann auf einer Wahlkampfveranstaltung in Las Vegas

Las Vegas ist seit je eine Fata Morgana, wenn auch aus Stahlbeton und Glas. Die Pyramide und die Sphinx am südlichen Ende der Glücksspielmeile „Strip“ sind nicht eingebildet. Auch die Wolkenkratzer aus Manhattan gegenüber, der Pariser Eiffelturm und die Lagunen von Venedig: alles echt. Und zugleich unecht, weil surrealistisch kopiert.

Unwirklich und doch real war auch der Boom, der die Stadt und den ganzen Staat Nevada innerhalb weniger Jahrzehnte von einer menschen- und gottverlassenen Wüstenei zum globalen Zentrum der Glücksspiel- und Unterhaltungsindustrie katapultiert hat. Henderson, eine südöstlich von Las Vegas gelegene Vorstadt, die sich immer weiter in die Wüste hineingefressen hat, war über Jahre hinweg die am schnellsten wachsende Stadt der Vereinigten Staaten. Von 2000 bis 2008 schnellte die Einwohnerzahl Hendersons von 175.000 auf gut 250.000 empor. Jeden Monat wurde der Zuzug von durchschnittlich 4000 Menschen verzeichnet. Die Jobs in der Glücksspiel- und Bauindustrie waren gut bezahlt. Der Staat Nevada erhob weder Einkommen- noch Unternehmensteuern. Die Stadt Henderson baute immerzu neue Schulen und Straßen. Die Immobilienpreise stiegen in den Himmel.

Nur die Disteln wachsen noch

Dann platzte die Blase, laut und schmerzhaft. Kein Bundesstaat wurde von der Rezession so hart getroffen wie Nevada. Wo eben noch faktisch Vollbeschäftigung herrschte, schnellte die Arbeitslosenquote bis Dezember 2010 auf 14,9 Prozent empor; inzwischen ist sie zwar auf 12,6 Prozent gesunken, aber die wirtschaftliche Erholung kommt nur schleppend voran. Das Wachstum war auf die doppelte Monokultur von Glücksspiel und Bauindustrie gegründet, jetzt gibt es auf viele Jahre hinaus ein groteskes Überangebot an Wohn- und Geschäftsimmobilien. Die 150.000 Hotelzimmer von Las Vegas können selbst zu stark ermäßigten Preisen nicht gefüllt werden. Eines von 16 Häusern muss zwangsversteigert werden. Auf 58 Prozent aller Eigenheime lasten Hypotheken, die höher sind als der gegenwärtige Marktwert der Häuser. Vor wenigen Jahren noch vergab die Baubranche zwölf Prozent aller Arbeitsplätze, heute sind es fünf Prozent. Opfer der Immobilienkrise sind nicht nur die Häuslebauer, die ihren Traum im Sand versinken sehen - auch die großen Investoren erwischt es.

Vor dem Golfplatz des Hotels „Loews Lake Las Vegas“ in Henderson steht ein orangefarbenes Warnschild: Betreten verboten. Das Grün ist längst verdorrt, denn wenn der Rasen nicht immerzu bewässert wird, holt sich die Wüste zurück, was ihr abgetrotzt wurde. Nur die Disteln wachsen noch. In den Fluren des Hotels im pseudo-venezianischen Stil herrscht eine fast unheimliche Stille. Am Pool findet sich zur schönsten Nachmittagszeit keine Menschenseele. Die Teilnehmer einer Arzneimittel-Konferenz sind die einzigen Gäste. Ihr Reisebüro wird einen sagenhaften Sparpreis ausgehandelt haben.

Zu retten ist die Hotelanlage mit fast 500 Zimmern ohnehin nicht mehr. Soeben haben die Gläubiger wegen ausstehender Hypothekenzahlungen in Höhe von 117 Millionen Dollar die Zwangsversteigerung eingeleitet. Zuletzt wurde der Wert der Anlage aber nur noch auf 29 Millionen Dollar geschätzt - die Schuldenlast beträgt das Vierfache. Die Vision milliardenschwerer Investoren, mitten in der Wüste von Nevada eine Replik der Gegend um den Comer See entstehen zu lassen, ist auf halber Strecke liegengeblieben. Vier Millionen Kubikmeter Geröll allein für die Staumauer des künstlichen „Lake Las Vegas“ und insgesamt sieben Milliarden Dollar wurden verbaut. Statt Golfcarts streifen Koyoten umher.

In Nevada hat die schwere Rezession wesentlich zum Aufstieg der rechtskonservativen Graswurzelbewegung „Tea Party“ beigetragen. Bei den Kongresswahlen von 2010 konnte der demokratische Mehrheitsführer im Senat Harry Reid nur mit massiver Unterstützung seiner Partei und der Gewerkschaften den Angriff der republikanischen „Tea Party“-Kandidatin Sharon Angle abwehren.

Bereits vor vier Jahren klarer Favorit

Bei den innerparteilichen Vorwahlen der Republikaner vom Januar 2008 konnte sich in Nevada der frühere Gouverneur von Massachusetts Mitt Romney mit 51 Prozent klar durchsetzen. Seinen Sieg über Ron Paul mit knapp 14 Prozent und den späteren Kandidaten John McCain mit fast 13 Prozent verdankte Romney vor allem seinen mormonischen Glaubensbrüdern. Die stellen in Nevada etwa zwölf Prozent der Einwohner, machen bei den „Caucus“-Vorwahlen der Republikaner aber 25 Prozent der Wahlteilnehmer aus. In jüngsten Umfragen vor den Wahlen an diesem Samstag in Nevada sprachen sich 45 Prozent für Romney aus, der sich am Donnerstag zudem über die Unterstützung des Immobilieninvestors Donald Trump freuen durfte.

„Es gibt einige Dinge, von denen man sich im Leben nicht vorstellen kann, dass sie einem widerfahren werden. Dies ist eines davon“, sagte Romney in Trumps Hotel am „Strip“. Trump hatte bis zum vergangenen Frühjahr Spekulationen über eine eigene Kandidatur angeheizt. Für den einstigen „Sprecher“ des Repräsentantenhauses Newt Gingrich wollen bei der Vorwahl gemäß der Umfrage der Zeitung „Las Vegas Review-Journal“ 25 Prozent stimmen.

Wie sich bei den Präsidenten- und Kongresswahlen im November die anhaltende Rezession in Nevada auswirken wird, wagt kaum jemand vorauszusagen. Wird der Wählerzorn, den 2010 die „Tea Party“ für sich nutzen konnte, dem Kandidaten der oppositionellen Republikaner nützen oder nur deren Zerrissenheit fördern und damit dem Demokraten Barack Obama zum Sieg verhelfen? Sicher ist nur, dass Nevada mit seinen sechs Wahlmännerstimmen in diesem Jahr abermals zum halben Dutzend jener „Schlachtfeldstaaten“ gehört, in denen über das Amt im Weißen Haus entschieden wird.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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