Natürlich wird Herr Zergaoui wählen gehen, auch wenn sein Freund, der Kupferschmied, oder Karim, der Ladenbesitzer um die Ecke, und dessen Söhne wohl nicht gehen werden. Aber die Tante von Herrn Zergaoui wird gehen, die gerade die Geschichte erzählt, wie ihre Schwester im August 1957 im Unabhängigkeitskrieg von den Franzosen ermordet wurde, und Zergaouis Schwester, die in einem rosafarbenen Kittel Teller mit dampfender Linsensuppe aufdeckt. Auch ihr Sohn, der im Nebenzimmer das Erinnerungsfoto mit dem Präsidenten sucht. Im Hause Zergaoui ist das Wählen Bürgerpflicht - schließlich ist Präsident Bouteflika seit mehr als zwanzig Jahren ein Freund der Familie. „Die, die ihn dauernd kritisieren, haben nie mit ihm an einem Tisch gesessen, wissen nicht, was für ein intelligenter und feiner Mensch er ist“, sagt Herr Zergaoui.
Der Präsident ist wochenlang durch ganz Algerien gezogen, hat busweise Anhänger zu seinen Auftritten heranfahren lassen, hat Hände geschüttelt, hat die Journalisten im Flugzeug mitreisen lassen, hat viele Folkloregruppen auftreten lassen, viele Kinder geherzt, hat das ganze Land mit Bannern und Plakaten schmücken lassen. Er war viel im Staatsfernsehen zu sehen, hat den Landwirten rechtzeitig Schulden erlassen, hat den Studenten die staatlichen Zuwendungen erhöht. Bouteflika hat einen aufwendigen Wahlkampf gegen das stärkste politische Lager bei der Präsidentenwahl an diesem Donnerstag geführt: die Nichtwähler.
Boykott als Waffe
Dass der Präsident die Wahl gewinnt, stand schon lange fest. Die meist farblosen Gegenkandidaten kamen in der Öffentlichkeit kaum vor. „Theater“ oder „Maskerade“ sei das, schimpfen Oppositionelle, regierungskritische Journalisten und viele Leute auf der Straße. Und sie wollen sich den Hinweis nicht verkneifen, dass das alles mit ihren Steuergeldern bezahlt werde.
Boykott ist ihre stärkste Waffe. Mit einer Wahlbeteiligung von nur 37 Prozent wie bei der Parlamentswahl 2007 könnte Bouteflika schlecht leben. So wird den geladenen Wahlbeobachtern der Arabischen Liga, der Afrikanischen Union und der Organisation der Islamischen Konferenz, die eine transparente Wahl bezeugen sollen, womöglich entgehen müssen, dass am Ende weniger Leute im Wahllokal waren als von den Behörden gezählt. „Bouteflika sehnt sich nach Akzeptanz“, sagt die Politologin Louisa Dris-ait Hamadouche; auch sie wird nicht zur Wahl gehen. Wenn die nächste Amtszeit des Präsidenten durch eine hohe Zustimmung legitimiert werde, stärke das seine Position innerhalb der herrschenden Elite, die alles andere als eine homogene Gruppe sei.
Da gebe es Bouteflika und seine Clique, den Geheimdienstchef General Tewfik, einflussreiche Militärs und Wirtschaftsgrößen, die Führer der Regierungsparteien FLN, RND und MSP. Sie alle sind in Rivalität, durch politische Händel und das Wissen um die Annehmlichkeiten eines Lebens an der Macht miteinander verbunden. Manche in Algier sprechen von „russischen Verhältnissen“. Auch für die Außendarstellung ist die Wahl von Bedeutung, schließlich wird Bouteflika von seinen Anhängern auch dafür gelobt, Algerien zu einem angesehenen Gesprächs- und Geschäftspartner des Westens gemacht zu haben.
Popmusik für die Jugendlichen
So appelliert der Präsident denn auch bei der Abschlussveranstaltung seiner Kampagne auf dem Olympiagelände in der Hauptstadt noch einmal eindringlich an die gut 20 Millionen Wahlberechtigten, sich zu beteiligen. Das Spektakel in der „Coupole“ (Kuppel) genannten, runden, mächtigen Halle ist gewohnt üppig inszeniert. Die Jugendlichen auf den Rängen werden mit Popmusik in Stimmung gebracht. Für die eher politisch Interessierten werden mit gefühliger Filmmusik unterlegte Bilder auf die weiß gestrichene Sperrholzkulisse projiziert, die den Präsidenten als Staatsmann präsentieren: als beliebten und geschätzten Außenminister der Jahre 1963 bis 1979, als Versöhner nach dem blutigen Bürgerkrieg der neunziger Jahre, als Wirtschaftsreformer. Als Garant der Stabilität.
Plötzlich tritt ein kleiner Mann in dunklem Anzug aus der imposanten Stellwand. Viele Meter ragt sie hinter ihm in die Höhe. Schnell schließt sich der kleine Ausgang, hinterlässt eine makellose weiße Fläche, als wäre er nie da gewesen. Jubel brandet auf. Der Präsident schreitet zum Ende des Laufstegs an sein Rednerpult. „Die ganze Welt schaut auf uns und darauf, ob das algerische Volk beweisen kann, dass es sich für die Politik in seinem Land interessiert“, ruft er wenig später. Etwas hölzern wirkt er, wenn er seine Hand auf sein Herz legt und milde lächelt. Aber der 72 Jahre alte Bouteflika, der noch vor drei Jahren schwerkrank in einer Pariser Klinik lag, vermag zumindest den Eindruck zu erwecken, bei guter Gesundheit zu sein.
„Opfer der nationalen Tragödie“
Herr Zergaoui hält einen Moment inne. Das, was er jetzt sagen will, ist ihm wichtig: „Früher konnte man hier in der Kasbah nicht spazieren gehen wie heute.“ In den verwinkelten Gassen der Altstadt kennt er jeden, und jeder begegnet dem hageren, ergrauten Mann mit Respekt. In seinem Geburtshaus hatten da, wo jetzt das Schuhregal steht, sein Vater und sein Onkel das erste geheime Waffenlager des bewaffneten Widerstandes gegen die französischen Kolonialherren (1954-1962) angelegt. Sie legten Bomben gegen das Regime der Ausländer. Nachdem 1992 die Islamische Heilsfront (FIS) verboten und die Wahl abgebrochen worden war, erschütterte der Bürgerkrieg auch das inzwischen heruntergekommene Viertel.
Merzak Zergaoui war bei den Kommunalwahlen 1991 noch gegen die FIS angetreten. Jetzt herrsche Ruhe, und das habe man dem Präsidenten zu verdanken, sagt er. Die Versöhnungspolitik Bouteflikas hatte nach dem „schwarzen Jahrzehnt“ vielen reuigen Islamisten die unbehelligte Rückkehr in ein ziviles Leben ermöglicht. Auch jene der mindestens 6500 „Verschwundenen“, die zuletzt in der Hand der Sicherheitskräfte gesehen worden waren, sollen „Opfer der nationalen Tragödie“ sein, über die jetzt nicht mehr gesprochen werden soll. Ganz zur Ruhe ist Algerien allerdings nicht gekommen.
Der Präsident habe das Land aus dem Sozialismus geführt, sagt Zergaoui. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er schon im Hafen, wo er inzwischen Herr über einen Kai ist, an dem einige der vielen Schiffe aus dem Ausland anlegen, die Konsumgüter bringen - etwa die unzähligen Autos, die jetzt die Straßen von Algier verstopfen. Auslandsschulden wurden beglichen, es wurden Milliarden von Euro aus dem Ölgeschäft in die Infrastruktur investiert, und weitere Milliarden Euro sollen für neue Wohnungen und Millionen von zusätzlichen Arbeitsplätzen ausgegeben werden. Aber ein nennenswerter Privatsektor ist nicht entstanden, und die Jugendlichen sind noch immer zum großen Teil arbeitslos.
Hohe Preise und wuchernde Korruption
„Hittiste“ werden nach dem arabischen Wort für Mauer jene genannt, die an Hauswände gelehnt warten, dass die Zeit verstreicht. Es ist keine leichte Übung, sich dabei wohl zu fühlen. Herr Zergaoui versteht das nicht: „In Algerien wollen sie nicht Straßenfeger sein, aber in Europa schon“, sagt er. „Wenn sie hier arbeiten wollen, dann nur als großer Geschäftsmann oder als ein Geheimagent wie James Bond.“ Der Junge mit der Popstarfrisur, Dreitagebart und Badelatschen, der eigentlich studiert, aber den ganzen Tag auf dem Gemüsemarkt arbeitet, sieht das anders. „Wofür soll ich bleiben?“, fragt er. „Ich kann es mir nicht mal leisten, ein Mädchen auszuführen.“ Wählen gehen will er nicht. Am Nachbarstand wird auf die hohen Preise geschimpft und auf die wuchernde Korruption.
„Das Regime versteht die Umwälzungen nicht, die im Land stattfinden“, sagt die Professorin Hamadouche. Es sei ein Generationenkonflikt zwischen den alten Herren an der Macht und den vielen Jüngeren, die davon ausgeschlossen sind, sagt sie. Und ein wenig ist es so, als stünde der Vater etwas ratlos vor der Rebellion seines pubertierenden Sohnes, der nicht länger wie ein Kind behandelt werden will. Viele haben sich schon abgewendet, sie wollen mehr Geld, mehr Möglichkeiten, mehr Spaß, nach Europa. „Harragas“ werden die jungen Leute genannt, die „durchs Feuer gehen“ und selbst eine gefährliche Überfahrt nach Europa riskieren würden. Nach Umfragen spielt mehr als ein Drittel - wenn nicht die Hälfte - mit dem Gedanken.
Für gerechtere Umverteilung des Ölreichtums
Auch auf einer Wahlkampfveranstaltung der oppositionellen trotzkistischen Arbeiterpartei (PT) im Zentrum Algiers demonstriert die Jugend, dass sie nach ihren eigenen Rhythmen tanzt. Die PT-Chefin Louisa Hanoun füllt die Rolle der Mitbewerberin um das Präsidentenamt noch am ehesten mit Leben und soll dafür - so wird im Pressehaus von Algier kolportiert - womöglich mit einem Ministerposten belohnt werden. Sie fordert eine gerechtere Umverteilung des Ölreichtums.
Aus den Lautsprechern tönen Revolutionslieder der Studentenbewegung. „Wir sind die Hoffnung in der dunklen Nacht.“ Die Musik geht im Lärm der jungen Leute unter, die in der großen Sporthalle vergnügt Fankurven-Stimmung erzeugen. Nicht wenige tragen Fußballtrikots, einige schwenken die algerische Flagge, andere Fahnen von Spitzenmannschaften aus dem europäischen Fußball. „Die sind nur hier, um die Sau rauszulassen“, sagt einer der algerischen Kameraleute.
„Totenstarre“ im Land
Markige Worte für seinen Widerwillen findet jeder, aber die Parolen der Arbeiterpartei dürften für viele junge Leute etwas altmodisch wirken. Ihnen, die erfolgreich je zwei Mobiltelefone verwalten, sind Internet und Globalisierung näher als das Algerien des Bouteflika und seiner kommunistischen Pseudogegner. Das Staatsfernsehen unterbricht sein Programm inzwischen fünfmal am Tag für die Gebetsrufe.
Es gebe kein identitätsstiftendes Projekt für die Zukunft, beklagen Intellektuelle in Algier. Es sei zwar ständig von „dem algerischen Volk“ die Rede, aber was es denn zukünftig bedeuten solle, ein algerischer Bürger zu sein, das wisse keiner, sagt ein Journalist der oppositionellen Zeitung „El Watan“. Die bestehende Ordnung erschöpfe sich letztlich darin, die bestehende Unordnung zu verwalten, sagt Louisa Dris-ait Hamadouche. „Bouteflika will als Präsident sterben“, sagt sie. Für die Opposition ist die „Totenstarre“ im Land längst eingetreten.
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