24.10.2004 · Zwei Wochen nach der Wahl in Afghanistan steht der Sieger fest: Hamid Karzai bleibt Präsident. Nachdem fast alle Wahlzettel ausgezählt sind, entfallen auf ihn 55 Prozent der Stimmen.
Zwei Wochen nach der ersten Präsidentenwahl in der Geschichte Afghanistans steht Übergangspräsident Hamid Karzai schon vor Ende der Stimmenauszählung als Sieger fest.
Er kam nach Angaben der Wahlbehörde am Sonntag auf 55,3 Prozent oder 4,22 Millionen Stimmen. Die geschätzte Zahl aller abgegebenen gültigen Stimmen lag bei 8,11 Millionen, von denen bis zum späten Sonntagnachmittag 94,4 Prozent ausgezählt waren. Man sei sicher, daß Karzai die Wahl mit absoluter Mehrheit im ersten Durchgang gewonnen habe, sagte Karzais Wahlkampfleiter Noor Mohammad Qarqeen in Kabul.
Ein amtliches Endergebnis wird allerdings erst einige Tage nach dem Ende der Stimmenauszählung erwartet. Eine internationale Kommission untersucht derzeit noch Beschwerden der Kandidaten wegen Unregelmäßigkeiten bei der Wahl.
Herausforderer Kanuni gesteht Niederlage ein
Auf Platz zwei hinter Karzai folgte der frühere Erziehungsminister Junus Kanuni, der 16,4 Prozent der ausgezählten Stimmen auf sich vereinen konnte. Der wichtigste Herausforderer von Karzai hat am Sonntag seine Niederlage eingestanden. Trotz Unregelmäßigkeiten bei den Wahlen werde er den Sieg Karzais akzeptieren, sagte ein Sprecher Kanunis.
Insgesamt standen am Samstag vor zwei Wochen 18 Kandidaten zur Wahl, zwei davon hatten allerdings zur Unterstützung Karzais aufgerufen. Die einzige Frau, Masuda Dschalal, kam auf 1,1 Prozent der ausgezählten Stimmen.
Taliban konnten den Urnengang nicht stören
Den Taliban war es entgegen ihrer Drohungen nicht gelungen, den Urnengang maßgeblich zu stören. Die Rebellen hatten aber Anschläge auch im laufenden muslimischen Fastenmonat Ramadan angekündigt.
Anschlag mit zwei Toten
Unterdessen starben bei dem ersten schweren Anschlag seit der Wahl in Afghanistan zwei Menschen. Ein Selbstmordattentäter hatte im Zentrum Kabuls eine 23 Jahre alte Amerikanerin und ein zwölfjähriges afghanisches Mädchen mit in den Tod gerissen.
Die Internationale Schutztruppe Isaf teilte am Sonntag in der afghanischen Hauptstadt mit, drei isländische Isaf-Soldaten seien bei einer Explosion am Vortag verletzt worden. Die radikalislamischen Taliban bekannten sich zu dem Anschlag.
Taliban kündigten weitere Anschläge ab
Nach Polizeiangaben starb der Attentäter vom Samstag, als drei von sechs an seinem Körper befestigte Handgranaten detonierten. Taliban-Sprecher Abdul Latif Hakimi kündigte weitere Anschläge gegen ausländische Soldaten an.
Es war der erste Selbstmordanschlag auf die Isaf seit Januar. Mit rund 2000 Soldaten stellt Deutschland das größte Kontingent der Schutztruppe. Die Isaf teilte mit, einer der Soldaten habe Bauchverletzungen erlitten, er schwebe aber nicht in Lebensgefahr. Die anderen beiden isländischen Soldaten seien leichter verletzt worden.
Nicht alle Frauen wählten, aber viele
Trotz Drohungen der Taliban hatten sich gut 10,5 Millionen Afghanen für die Wahl registrieren lassen, was die Zahl der geschätzten Wahlberechtigten überstieg. Nach den bis Sonntag ausgezählten Stimmen waren insgesamt 40 Prozent der Wähler Frauen. In südafghanischen Provinzen war ihr Anteil allerdings teils dramatisch niedrig
Karzai war von den Vereinigten Staaten nach dem Sturz der Regierung der radikal-islamischen Taliban in Afghanistan vor drei Jahren als Übergangspräsident ernannt worden. Der Wahlsieger wird einen Monat Zeit haben, seine Regierung zu bilden und die Gouverneure der 34 Provinzen des Landes zu ernennen. Seine Wahl wird später von der Nationalversammlung bestätigt werden müssen, deren Zusammensetzung aber erst mit der für April 2005 geplanten Parlamentswahl ermittelt wird.