25.10.2004 · Offiziell gibt es in Amerika keine Diskriminierung mehr von Schwarzen. Im "Bibelgürtel" der Vereinigten Staaten bestimmt aber immer noch die Hautfarbe das Wahlverhalten.
Von Nikolas Busse, ChattanoogaIn der Kirche von Reverend Kevin Adam wird das Wort des Herrn kämpferisch verkündet. Im Buddhismus bete man Statuen an, in Indien hielten die Menschen sogar Kühe für heilig, ruft er seiner Gemeinde an diesem Sonntag morgen zu, und seine Stimme ist voller Mißbilligung. "Ihr sollt zu Gott beten. Ihr sollt ihn fürchten und ehren", hämmert er den Gläubigen ein.
Dann spricht Adam über die Terroranschläge vom 11. September 2001 und die Wirbelstürme, die Amerika immer wieder heimsuchen. Er deutet sie als Zeichen, daß die Nation jene Spiritualität verloren habe, die sie groß gemacht habe. Am Ende bittet er um Gottes Segen für einen jungen Marineinfanteristen, der bald in den Irak gehen wird.
Mehr Kirchen als Einkaufszentren
In Chattanooga hören viele Menschen am Sonntag solche Predigten. Die Kleinstadt im Osten Tennessees liegt im "Bibelgürtel", dem frommsten Landstrich Amerikas. Hier gibt es mehr Kirchen als Einkaufszentren. Manche sind sogar größer als die in Amerika ohnehin nicht bescheidenen "Shopping Malls". Zu den Gläubigen, die Pastor Adams Kirche bis zum letzten Platz füllen und die immer wieder inbrünstig Halleluja rufen, gehört Wadrick Hinton.
Der 31 Jahre junge Anwalt, den alle Welt nur Wade nennt, geht jeden Sonntag zum Gottesdienst. Hinterher ruft er seine Freundin an, die gerade in Atlanta ist, um ihr zu erzählen, was der Pfarrer gesagt hat. Auf der Heimfahrt, im schnittigen 5er BMW, erzählt Hinton, warum er George W. Bush mag. "Bush hat es trotz schlechter Noten zu etwas gebracht. Das gefällt mir, ich war nämlich auch nicht gut im Studium." Außerdem spreche der Präsident nicht so geschraubt wie die anderen Politiker in Washington.
Für viele "African Americans" unannehmbar
Trotzdem wird Wade Hinton am 2. November für John Kerry stimmen, den Herausforderer Bushs. Denn Hinton ist ein Schwarzer, so wie fast alle anderen Besucher der Olivet Baptist Church an diesem Morgen. Der Präsident mag fromm sein, er mag sogar Schwarze wie Colin Powell und Condoleezza Rice in sein Kabinett berufen haben - er ist und bleibt aber ein Republikaner, und das macht ihn für viele "African Americans" unannehmbar.
Bei den vergangenen Präsidentenwahlen erhielten die republikanischen Kandidaten meist nur etwa ein Zehntel der schwarzen Stimmen. Bush mußte sich im Jahr 2000 mit neun Prozent begnügen, der demokratische Bewerber Al Gore kam dagegen auf 90 Prozent. Die meisten Umfragen zeigen, daß es diesmal wieder so laufen könnte, auch wenn Bush in jüngsten Befragungen schwarzer Wähler aufgeholt hat.
Als ob die Rassentrennung fortbesteht
In Südstaaten wie Tennessee, wo viele Schlachten des Bürgerkrieges stattfanden und der Ku-Klux-Klan heute noch öffentliche Versammlungen abhält, bestimmt die Ethnie immer noch das Leben der Menschen. Eine offene Diskriminierung gibt es zwar nicht mehr. Im Football-Stadion von Chattanooga sitzen am Samstag nachmittag aber Weiße und Schwarze in Grüppchen beisammen, als ob die Rassentrennung fortbestehe. Und der schwarze Bürgerrechtler Eddie Holmes weist darauf hin, daß es in Hamilton County, dem Landkreis Chattanoogas, so gut wie keine Bank oder Versicherung gebe, die von einem Schwarzen geleitet wird; auch die Richter seien meistens Weiße. "In diesem County gibt es mehr Privatschulen als irgendwo sonst im Land. Das war eine direkte Folge der Aufhebung der Rassentrennung an den öffentlichen Schulen", sagt Holmes.
Wie wichtig die Hautfarbe für das Wählerverhalten ist, läßt sich an der Taktik eines schwarzen Kandidaten ablesen, der in Chattanooga für die Republikaner antritt. Johnny Horne, ein früherer Bomberpilot, der auch einen Bachelor-Abschluß in Bibelstudien hat, will am 2. November in das Repräsentantenhaus des Staates Tennessee gewählt werden. Wenn er Wahlkampf macht, dann nimmt er immer zwei Faltblätter mit: Den Schwarzen gibt er nur eines mit seinem Abbild, für die Weißen hat er zusätzlich eines mit einem Foto von Präsident Bush dabei.
Wahlkampf in der Kirche
Selbst im Süden, wo die konservativen Demokraten in den sechziger Jahren unter dem Eindruck der Bürgerrechtsbewegung zu den Republikanern wechselten, reicht diese Stimmung aber nicht aus, um Kerry die Zustimmung aller Schwarzen zu sichern. Aus dem ganzen Land wird gemeldet, daß sie vor allem zu Beginn des Wahlkampfs wenig mit dem demokratischen Bewerber und seinen Themen anfangen konnten. "Wir reden zu Hause nicht über Abtreibung oder die Rechte der Schwulen. Bei uns spricht man über Arbeitsplätze und Ausbildung", sagt der Bürgerrechtler Holmes.
Umfragen zeigen, daß diese Einschätzung von vielen Schwarzen geteilt wird. Sie sind in Wertfragen oft konservativer als das links-liberale weiße Milieu der Demokraten, das insbesondere in den Großstädten zu finden ist. Kerry ist deshalb in letzter Zeit häufiger in schwarzen Kirchen aufgetreten. Und seine Partei gibt Millionen Dollar für Telefonaktionen und Hausbesuche aus, um die Schwarzen zur Stimmabgabe zu bewegen - vor allem in den sogenannten Schlachtfeldstaaten wie Florida, Pennsylvania oder Ohio, wo mit einem besonders knappen Ausgang gerechnet wird.
Wähler mobilisieren
Tennessee gehört nicht zu diesen Staaten, weil die Umfragen hier einen Sieg Bushs erwarten lassen. Trotzdem setzen die örtlichen Demokraten alles daran, die Schwarzen und ihre beiden anderen wichtigsten Wählergruppen zu mobilisieren: berufstätige Frauen und Gewerkschaftsmitglieder. Denn in Tennessee haben die Demokraten bei der vergangenen Präsidentenwahl am eigenen Leib zu spüren bekommen, was es heißt, wenn man einen Staat zu früh für gewonnen hält.
Im Jahr 2000 glaubte Al Gore, der aus der Nähe von Nashville stammt, sein Heimatstaat sei ihm sicher. Bush und sein "running mate" Cheney kamen aber immer wieder zu Auftritten nach Tennesse, was ihnen am Ende die Mehrheit in diesem Staat einbrachte. Hätte Gore die elf Wahlmännerstimmen Tennessees erhalten, dann wäre er der 42. Präsident der Vereinigten Staaten geworden.
Nikolas Busse Jahrgang 1969, politischer Korrespondent für die Nato und die EU mit Sitz in Brüssel.
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