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Waffenruhe im Gazastreifen Die Hamas hat überlebt

19.01.2009 ·  Die Islamisten geben sich trotz der harten Schläge durch Israel selbstbewusst. Auch wenn forsche Töne angesichts vieler Toter in den Reihen der Kämpfer und 200 zerstörter Unterschlüpfe nicht recht passen mögen – die Hamas ist noch nicht besiegt.

Von Von Hans-Christian Rößler, Jerusalem
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In Gaza-Stadt regelten am Montag schon wieder Polizisten der Hamas den Verkehr. Auf anderen Straßen waren noch israelische Konvois unterwegs – auf dem Weg aus dem Gazastreifen. Dort begann die Hamas offenbar sofort damit zu demonstrieren, dass sie weiterhin die bestimmende Kraft ist. „Die Hamas gratuliert dem Volk zu dem Erfolg, der durch seinen Widerstand gelang“, tönte es nach Berichten von Journalisten in Gaza am Montag aus den Moscheelautsprechern über die Trümmerlandschaft.

Von einem „historischen Sieg“ schwärmte am Montag Hamas-Führer Ismail Hanija. Auch der bewaffnete Arm der Organisation meldete sich am Montag zurück und kündigte an, bald den Kampf gegen Israel wiederaufzunehmen. Das Gesicht mit einem Schal vermummt, drohte ein Sprecher der Hamas-Kämpfer in Gaza damit, dass die „Herstellung der heiligen Waffen unsere Mission ist, und wir wissen, wo man sie bekommt“. Wie schwer der Schlag wirklich ist, den die israelischen Streitkräfte den militanten Islamisten im Gazastreifen in den vergangenen Wochen versetzt hatten, war am Montag noch nicht richtig abzusehen.

Schwerer Schlag gegen den militärischen Arm

Doch schon die Bilder der Zerstörung, die arabische Sender seit Tagen ausstrahlen, passen nach Einschätzung von Eyal Zisser nicht recht zu den forschen Tönen einiger Hamas-Sprecher. Aber die Hamas habe überlebt und werde nach einem ersten Zögern daran arbeiten, wieder zur alles dominierenden Kraft in Gaza zu werden, sagt der Professor von der Universität in Tel Aviv. „Der Kampf gegen die Hamas ist vorüber, aber noch nicht abgeschlossen.“ Dass es aber vor allem den militärischen Arm schwer getroffen hat, legen die Zahlen nahe, die die israelische Armee nennt. Nach ihren Angaben zerstörten die Soldaten alleine mehr als 200 Häuser von führenden Mitgliedern der bewaffneten Hamas-Einheiten; die Gebäude sollen auch als Waffenlager und kleinere Stützpunkte gedient haben.

Mehr als 300 Schmuggeltunnel seien ebenfalls bombardiert worden. Hinzu kommen die Verluste in den eigenen Reihen, über die die Hamas nichts verlauten lässt. Das ist ungewöhnlich, denn früher klebten schon wenige Stunden nach ihrem Tod Plakate mit Namen und Fotos der „Märtyrer“ an den Häuserwänden in Gaza. Dieses Mal stoppten die Islamisten angeblich sogar die Veröffentlichung der Namen der Toten auf einschlägigen Internetseiten – offenbar um der Moral in den eigenen Reihen nicht zu schaden. Daher lässt sich bis heute nicht sagen, wie viele Hamas-Leute unter den mehr als 1300 Toten sind.

Viele Kämpfer begingen Fahnenflucht - das Ansehen der Hamas litt

„Die Hamas, die aus den Trümmern hervorkommen wird, wird eine andere sein als die zu Kriegsbeginn“, sagt der israelische Hamas-Kenner und Fernsehjournalist Ehud Yaari. Vor allem der militärische Arm und die Hardliner, die diesem zugerechnet werden, haben nach seiner Beobachtung keinen furchteinflößenden Eindruck hinterlassen. Die Kämpfer hätten schnell die befestigten Verteidigungslinien verlassen, als die israelische Armee anrückte. Es wurde auch berichtet, viele Hamas-Kämpfer hätten einfach ihre Uniformen ausgezogen und sich zu Hause versteckt. Dadurch habe besonders das Ansehen von Militärführern wie Ahmad al Dschabari gelitten, sagt Yaari.

Dschabari und weitere Hamas-Führer in seiner Umgebung werden als die treibenden Kräfte gesehen, die mit aller Macht die Vorbereitungen für eine militärische Auseinandersetzung vorantrieben. Sie steckten auch maßgeblich hinter der gewaltsamen Machtergreifung im Gazastreifen im Sommer 2007. In den vergangenen Wochen hätten jedoch die moderateren Kräfte in der Hamas wieder an Einfluss gewonnen, die diesen Putsch wie auch die Militarisierung der Organisation schon länger kritisch sahen, sagt Yaari. Als ihr wichtigster Führer gilt der frühere Ministerpräsident Hanija, den die israelische Armee bei ihren Bombardements verschonte – anders als etwa den getöteten Innenminister Siam Siam, der den Gazastreifen nach der Vertreibung der Fatah mit eiserner Hand im Griff hielt.

Der Schlüssel liegt weiter in den Händen der Hamas

Als chaotisch erwies sich auch das Verhältnis zwischen den Hamas-Führern in Gaza und denen im Exil in Damaskus. Unnachgiebig äußerte sich das Politbüro unter Khaled Meschal, während Hamas-Abgesandte aus Gaza intensiv mit den ägyptischen Vermittlern über ein Ende der Gewalt verhandelten. Zwar ist die Hamas weiterhin von dem Geld abhängig, das sie über ihre Führer im Exil erhält. Aber zu den Folgen des Krieges könnte auch gehören, dass sich die Rangfolge unter den Hamas-Führern ändert. Israelische Fachleute halten das für möglich.

Ansehen und Autorität werden aber jetzt besonders vom Wiederaufbau im Gazastreifen abhängen. In Israel denkt man sorgenvoll an die Erfahrungen des Libanon-Kriegs mit der Hizbullah im Sommer 2006 zurück. Damals machte sich die schiitische Miliz bei der Bevölkerung besonders beliebt, weil sie den Geschädigten – mit iranischem Geld – schneller und tatkräftiger zu Hilfe kam als der libanesische Staat und ausländische Regierungen. In langen Debatten hatte sich schon vor der Waffenruhe das israelische Sicherheitskabinett mit der Frage befasst, wie sich verhindern lasse, dass sich das mit der Hamas im Gazastreifen wiederholt. Der Schlüssel für Gaza liege leider weiterhin in den Händen der Hamas, zitierten Zeitungen am Montag Haim Ramon, der Minister im Büro Ministerpräsident Olmerts und Mitglied des Sicherheitskabinetts ist. Die ausländischen Helfer, werden wohl ihre Dienste mit den Islamisten koordinieren müssen – auch wenn etwa die palästinensische Autonomiebehörde im fernen Ramallah gerne schnell einen Fuß in die Tür bekommen würde.

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