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Waffendebatte Amerikanischer Instinkt

Nach jedem Massaker wird über Waffengesetze gestritten. Tatsächlich werden sie immer laxer. Vor seiner Wiederwahl wollte Obama keine Verschärfung der Gesetze wagen - jetzt wäre der Zeitpunkt.

© AP Vergrößern Endstation Museum: Feuerwaffen aus der Sammlung des Washington Metropolitan Police Department

Präsident Obama rang um Fassung, als er am Freitagabend erstmals Stellung nahm zu der tödlichen Schießerei in Newtown, Connecticut. „Wir haben zu viele dieser Tragödien in den letzten paar Jahren durchgemacht“, sagte er und wiederholte das kurz darauf noch einmal. Obama erinnerte an traumatische Vorfälle aus jüngerer Zeit. Erst im Juli hatte ein Angreifer ein Blutbad in einem Kino von Aurora angerichtet, dabei zwölf Menschen umgebracht und 58 verletzt. Kurz darauf erstürmte ein Rechtsradikaler einen Tempel in Milwaukee und erschoss sechs Sikhs.

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Und erst am Mittwoch hatte ein Attentäter zwei Passanten in einem Einkaufszentrum von Oregon getötet. Obama verwies auch auf die alltägliche Kriminalität an der „Straßenecke von Chicago“, seiner Heimatstadt, die in Gewaltstatistiken seit je schlecht abschneidet. Dann fügte er etwas Grundsätzliches hinzu: „Und wir werden zusammenkommen müssen und wirkungsvolle Maßnahmen ergreifen, um weitere solche Tragödien zu verhindern - unabhängig von politischen Spielchen.“

Obama sagte nicht: Ich will schärfere Waffengesetze. Darauf wies sofort Michael Bloomberg hin, der unabhängige Bürgermeister von New York, der sich seit langem genau dafür einsetzt. Es sei nun genug mit der Rhetorik, das Weiße Haus müsse endlich Führung beweisen, monierte Bloomberg. Und doch genügte schon Obamas Bemerkung, um den Pawlowschen Reflex von Republikanern auszulösen: Es gebe keinen Grund, jetzt über schärfere Waffengesetze zu reden. Damit ist das Feld bereitet für die politische Auseinandersetzung der nächsten Wochen.

Auf hundert Amerikaner kommen 90 Waffen

Vor fünf Monaten, nach dem Massaker von Aurora, hatte Obama in seiner ersten Stellungnahme noch nichts zu politischen Konsequenzen gesagt. Ein paar Tage später äußerte er, dass ein Sturmgewehr, wie es der Attentäter benutzt hatte, „auf die Schlachtfelder von Kriegen, nicht auf die Straßen unserer Städte“ gehöre. Er wolle „einen Konsens zur Verminderung der Gewalt“ erreichen und dafür „alles prüfen, was wir tun können, um unsere Kinder zu schützen“. Zugleich hob er ausdrücklich hervor, dass er das in der Verfassung verankerte Recht jedes Amerikaners respektiere, Waffen zu tragen. Es gebe in Amerika „eine Tradition des Waffenbesitzes, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird“.

So sprach ein Mann, der wiedergewählt werden wollte. Das kann auch ein Demokrat in Amerika nur schaffen, wenn er Wähler gewinnt, denen die Waffe im Nachttisch so wichtig ist wie das Bier im Kühlschrank. Denn das ist die große Paradoxie dieses Landes, seiner Bürger: Obwohl die Zahl der Verbrechen mit Schusswaffen steigt, obwohl ein schreckliches Massaker seit Jahren auf das nächste folgt, ist der Glaube an die Selbstjustiz nicht geschwunden. Er scheint sogar immer stärker zu werden.

Auf hundert Amerikaner kommen mittlerweile 90 Waffen - in keinem anderen Land der Welt ist die Bevölkerung so hochgerüstet. Jedes Jahr sterben 30.000 Amerikaner an Schussverletzungen, weitere 70.000 werden verwundet, auch das Angaben wie aus einem Kriegsgebiet. Und doch nimmt die Zahl der Bürger, die für strengere Waffengesetze eintritt, stetig ab. Gut die Hälfte der Bevölkerung ist dagegen, Sturmgewehre zu verbieten. Nur ein Viertel ist bereit, Handwaffen zu verbieten.

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Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Drang nach Waffen und den Massakern in Schulen und an Universitäten. Und dieser Zusammenhang ist, zumindest für Europäer, verstörend: Mit den Gewaltakten und den Berichten darüber ist der Urinstinkt jedes Amerikaners geweckt und verstärkt worden: dass er im Zweifel für sich selbst sorgen muss, dass er sich auf den Staat weder verlassen kann noch darf.  Genau das war die Erfahrung der Siedler, die das Land von Ost nach West eroberten und die Indianer vertrieben. Sie waren immer zuerst da, bevor ihnen ein Soldat oder Polizist hätte helfen können.

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