Home
http://www.faz.net/-gq5-wfgh
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Vorwahlen in Amerika Wahlkampf als Wissenschaft und Glaubensbekenntnis

25.01.2008 ·  Mit unbegrenzt viel Geld und einer unendlichen Personaldecke kann in Amerika keiner Wahlkampf machen. Daher haben sich die verbliebenen aussichtsreichen Kandidaten der Republikaner und der Demokraten auf eine Strategie des Konzentrierens und Auslassens verlegt. Was dabei zu tun und was zu unterlassen ist, ist eine Wissenschaft für sich.

Von Matthias Rüb, Washington
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Die Lösung wäre ganz einfach: Man müsste allgegenwärtig sein, über unbegrenzt viel Geld und eine unendliche Personaldecke verfügen. Dann könnte man als Kandidat für das Präsidentenamt in einem Riesenland wie den Vereinigten Staaten an allen Orten, auf die es ankommt, gleichzeitig und gleich intensiv Wahlkampf machen. Weil das naturgemäß nicht möglich ist, müssen sich die verbliebenen aussichtsreichen Kandidaten der Republikaner und der Demokraten auf eine Strategie des Konzentrierens und Auslassens verlegen. Dabei das Nötige zu tun und das Unnötige zu lassen ist eine Wissenschaft für sich.

Denn in fast jedem Bundesstaat sind die Voraussetzungen unterschiedlich. Erstens spielt die topographische Ausdehnung eine Rolle bei der Frage, ob man mit dem billigen Bus übers Land fährt oder aufs teure Flugzeug angewiesen ist. Sowohl in Iowa als auch in New Hampshire konnte ein Kandidat mit Durchhaltevermögen mit relativ wenig Geld viel erreichen: mit dem Bus über Land vom einen Stadtcafé zum nächsten Landgasthof, von der Rede in einer Turnhalle zum Händeschütteln auf einem Wochenmarkt. Zudem war die Bevölkerungszahl mit drei beziehungsweise 1,3 Millionen so klein, dass der persönliche Kontakt mit möglichst vielen Wählern eine bedeutende Wirkung haben konnte.

Aufmerksamkeit der Medien zum Auftakt wichtig

Zwar gab es in Iowa und in New Hampshire nur wenige Delegierte für die Nominierungsparteitage der Demokraten Ende August in Denver und der Republikaner Anfang September in St. Paul-Minneapolis zu gewinnen, doch die Aufmerksamkeit der Medien zum Auftakt des Wahljahres machte eine gute Plazierung wichtig. Ohne ihre Siege in Iowa und New Hampshire hätten die Republikaner Mike Huckabee und John McCain ihre fußlahme Wahlkampagne nicht beleben können; bei den Demokraten bereiteten die frühen Triumphe von Barack Obama und Hillary Clinton den Boden für das dramatische Duell zwischen dem schwarzen Kandidaten und seiner weiblichen Herausforderin, das den Wahlkampf seither bestimmt.

Die zweite Erwägung ist die Frage, ob es sich um eine offene oder eine geschlossene Vorwahl handelt, ob mithin jeweils nur registrierte Wähler der einen und der anderen Partei an der Vorwahl teilnehmen dürfen oder ob sich die Wähler der beiden Parteien sowie als Unabhängige registrierte Wähler für die Teilnahme an einer der beiden Vorwahlen entscheiden können. Bei geschlossenen Vorwahlen schneiden die Kandidaten besser ab, die vom jeweiligen Parteivolk bevorzugt werden: bei den Republikanern die betont Konservativen, bei den Demokraten die Vertreter des linken Flügels.

Von „Heimvorteilen“ und Minderheiten

Der dritte Gesichtspunkt ist der topographische sowie der ethnische oder religiöse oder auch geschlechtliche „Heimvorteil“. John Edwards, der aus South Carolina stammt und in North Carolina aufwuchs, hat bei den demokratischen Vorwahlen an diesem Samstag in South Carolina so gute Chancen wie nirgendwo sonst, steht aber auch unter besonderem Erfolgsdruck. In Michigan gewann der Republikaner Mitt Romney auch deshalb, weil sein Vater George dort Gouverneur war und weil er in Detroit geboren wurde und in Michigan aufwuchs; zu seinem Sieg in Nevada trug bei, dass dort viele Wähler der Republikaner Mormonen sind und mithin den mormonischen Kandidaten Romney unterstützten. Umgekehrt profitierte der einstige Baptistenprediger Huckabee von den republikanischen Stimmen der evangelikalen Christen in Iowa am 3. Januar und auch in South Carolina am vergangenen Samstag, weil die Evangelikalen ihrerseits Vorbehalte gegen den Mormonenglauben haben.

Bei den Demokraten, die in South Carolina eine Woche später abstimmen als die Republikaner, gilt Barack Obama an diesem Samstag nicht zuletzt deshalb als Favorit, weil in dem Südstaat bis zu 60 Prozent der Vorwahlteilnehmer der Demokraten Schwarze sein werden und weil sie Obama nach anfänglichem Zögern nun doch als einen der Ihren betrachten. Hillary Clinton schneidet bei den Frauen am besten ab, und auch die Latinos geben eher ihr die Stimme als etwa dem Schwarzen Obama, weil es zwischen den größten Minderheiten des Landes eine traditionelle Konkurrenz gibt. Schließlich kann jeder Kandidat bis zu einem gewissen Grad auf besondere Unterstützung in seiner eigenen Alterskohorte rechnen: Der 46 Jahre alte Obama ist der unumstrittene Star der jungen Wähler.

In großen Bundesstaaten braucht es eine gut-gefüllte Wahlkampfkasse

Der vierte Gesichtspunkt ist die Zahl der Einwohner der Bundesstaaten. Florida, wo am Dienstag Vorwahlen stattfinden, ist mit 16 Millionen Einwohnern der erste bevölkerungsreiche Bundesstaat, in dem gewählt wird, in welchem es zugleich um eine große Zahl an Delegiertenstimmen für die Nominierungsparteitage geht. Dort und in Kalifornien mit gut 36,5 Millionen sowie in New York mit 19,5 Millionen Einwohnern, wo am „Super-Dienstag“, dem 5. Februar, abgestimmt wird, ist Wahlwerbung in Zeitungen, im Rundfunk und im Fernsehen extrem teuer.

In Texas, wo 23,5 Millionen Menschen leben, wird erst am 5. März abgestimmt. Um in solchen Bundesstaaten, die zudem groß sind, bestehen zu können, braucht es eine gut-gefüllte Wahlkampfkasse, was bei den Republikanern Mitt Romney begünstigt. Huckabee hat den Kampf um Florida faktisch aufgegeben, weil ihm das Geld ausgeht – und weil in Florida die Delegiertenstimmen nicht nach Proporz an die Kandidaten gemäß Anteil an Wählerstimmen vergeben werden, sondern es gehen alle an den Wahlsieger.

Volles Risiko - Guiliani steigt erst in Florida ein

Rudy Giuliani hat bei den Republikanern die riskanteste Strategie verfolgt, weil er die bisherigen Vorwahlen faktisch ausgelassen und sich finanziell und mit persönlichem Einsatz ganz auf Florida konzentriert hat. Von einem Triumph im bevölkerungsreichen „Sunshine State“ erhofft er sich eine katapultierende Wirkung. Sollte er am Dienstag aber abermals schwach abschneiden, dürfte seine Kandidatur gescheitert sein. Bei den Demokraten haben sowohl Hillary Clinton als auch Barack Obama genug Geld, um in den großen und bevölkerungsreichen Staaten an der Ost- und der Westküste sowie in Texas bestehen zu können.

Die Vorwahlen in Florida sind bei den Demokraten aber fast bedeutungslos, weil die nationale Parteiführung dem Staat, der den Termin für die Vorwahlen gegen deren Willen auf Anfang Februar vorverlegt hatte, alle 210 Delegiertenstimmen für den Nominierungsparteitag entzogen hat. Bei den Republikanern fiel die Strafe der Parteiführung für den offenbar unaufhaltsamen sogenannten „Frontladeprozess“ – den immer früheren Beginn der Vorwahlen im Wahljahr – milder aus: Die Zahl der Delegierten wurde auf 57 halbiert. Das ist immer noch ein großer, womöglich vorentscheidender Preis.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Steine, Steinchen, Staub

Von Volker Zastrow

Was die Wahl eines Präsidenten bedeutet, ist hinlänglich bekannt. Aber worauf verweist sein Rücktritt? Mehr 13