29.06.2006 · Die Vermittler sind gescheitert. Nach der Entführung des jungen Soldaten Gilad Schalit sind israelische Truppen in den Gazastreifen vorgestoßen. Das soll den Entführern zeigen, daß Israel es ernst meint. Ein durchaus riskantes Spiel.
Von Jörg Bremer, JerusalemDrei Tage nach der Entführung des jungen Soldaten Gilad Schalit sah die israelische Regierung offenbar keine andere Wahl mehr: Der Einmarsch in den Süden des Gazastreifens soll den Geiselnehmern zeigen, daß es Israel ernst meint und sich nicht hinhalten läßt. Alle Vermittlungen waren bisher vergebens, auch die französischer Diplomaten, die aktiv wurden, weil der der Soldat wegen seiner aus Frankreich eingewanderten Eltern nicht nur einen israelischen, sondern auch einen zweiten französischen Paß hat. Die Ägypter wollten Druck auf die Entführer ausüben und kündigten einen raschen Aufmarsch von 2500 Mann an ihrer Gaza-Grenze an, um eine Verschleppung des Entführten auf den Sinai zu unterbinden.
Der Aufmarsch begann erst am Mittwoch. Mittlerweile scheint sicher zu sein, daß die Exil-Hamas unter Generalsekretär Meschal in Damaskus die Aktion befahl, bei der Gilad Schalit entführt wurde, aber nach drei Tagen Druck auf den syrischen Präsidenten heißt es nur, Assad habe seine Vermittlung angeboten. Die Zeitung „Maariv“ berichtet, Assad habe sich sogar mit Meschal getroffen. Am Mittwoch hieß es dann aber, Meschal sei aus Furcht vor einem Anschlag Israels in den Untergrund abgetaucht. Der palästinensische Präsident Abbas bat die Israelis um Geduld. Sein Ministerpräsident Hanija von der Hamas schweigt.
Bewegung nur auf einem Nebenschauplatz
Am Dienstag kam gleichwohl Bewegung in den politischen Prozeß, wenn auch auf einem Schauplatz, der gerade Nebenschauplatz ist. Unter dem Druck nach der Entführung durch Extremisten der islamistischen Hamas sahen sich plötzlich die gemäßigten Hamas-Politiker und die Führung der Fatah von Präsident Abbas in einem Lager vereint. Um sich von den Extremisten abzusetzen und um eine Geste guten Willens nach Israel zu senden, einigten sich diese Gruppen und die meisten kleineren Fraktionen - ohne den radikal-islamistischen Dschihad - auf das Papier zur Nationalen Einheit, das von prominenten Gefangenen aller Gruppen in israelischer Haft erarbeitet wurde.
Es fordert „die Selbstbestimmung durch die Schaffung eines unabhängigen Staates in allen 1967 besetzten Gebieten mit Jerusalem als Hauptstadt“ und bietet mithin eine indirekte Anerkennung Israels. Auch werden indirekt alle bisherigen Verträge der PLO mit Israel akzeptiert. Aber laut dem Dokument soll der Terror-Kampf gegen die Besatzer in den besetzten Gebieten fortgesetzt werden; außerdem wird das Recht aller palästinensischen Flüchtlinge auf die Rückkehr in ihre Heimathäuser gefordert. Dies ist zwar mehr als die bisherige Position der Hamas, aber doch deutlich weniger als die Prinzipienerklärung nach Oslo von 1993 oder der Interimvertrag von 1995. So etwas kann in Israel keinen Eindruck machen, auch wenn das Dokument die Entführung verboten hätte.
„Widerstandskomitee“ im Westjordanland
Israel sah sich durch das Hinhalten der Entführer herausgefordert. Drei Tage verstrichen ohne Lebenszeichen von Gilad Schalit. Israel sah, wie wenig der palästinensische Präsident und seine Regierung erreichen: „Gehört es nicht aber zu einem werdenden Staatswesen dazu, daß in so einem Fall staatliche Strukturen zu arbeiten beginnen?“, fragte ein Kommentator im Radio. Doch auch wenn es mutmaßlich hinter den Kulissen mehr Bewegung gibt als von außen erkennbar, die Entführer scheinen entschlossen, ihre Beute zu halten oder nur im Austausch gegen Gefangene Palästinenser freizugeben. Das „Widerstandskomitee“ im Westjordanland brachten zudem den 18 Jahre jungen Siedler Elijahu Ascheri in seine Gewalt. Er soll getötet werden, wenn Israel nicht sofort seine Operation im Gazastreifen abbricht.
Israel blieb seit 1994 von Entführungen verschont, obwohl täglich Soldaten und Siedler durch das Westjordanland fahren. Die Israelis haben aber den Tod des Soldaten Nachschon Wachsman nicht vergessen, den die Hamas am 11. Oktober 1994 entführte. Ministerpräsident Rabin sah sich damals - nach Auskunft des früheren Mossad-Chefs Halevy - gut genug unterrichtet und ausgerüstet, um den Jungen zu befreien.
„Kampf gegen den zionistischen Feind“
Spezialeinheiten stürmten im Morgengrauen des 14. Oktober ein Haus in Dir Ramallah. Sie fanden einen toten Soldaten, der während der Stürmung von seinen Häschern erschlagen worden war. Das soll verhindert werden. Ob das angesichts der Bereitschaft der islamistischen Entführer, eher sich selbst ans israelische Feuer auszuliefern und den Soldaten zu töten als eine Niederlage einzugestehen, möglich ist, steht dahin. Immer wieder üben Islamisten den Tod im „Kampf gegen den zionistischen Feind“, der sie vermeintlich zu „Märtyrern“ macht.
So heißt es in Zeitungskommentaren, Israel gehe jetzt auf einem schmalen Grat. Zwar hat Ministerpräsident Olmert schon mit Soldaten in Gazastreifen geschickt, zugleich aber will er den Entführern noch eine Chance lassen, mit erhobenem Haupt ihren Gefangenen preiszugeben, um ein neues Kapitel mit der palästinensischen Autonomiebehörde zu beginnen.
Die Geiselnahmen: Lange und gut vorbereitet
Sowohl an der Geiselnahme eines 18 Jahre alten israelischen Siedlers Elijahu Ascheri im Westjordanland als auch an der Entführung eines israelischen Soldaten an der Grenze zum Gazastreifen war das extremistische Volkswiderstandskomitee (PRC) beteiligt, ein Bündnis mehrerer extremistischer Milizen im Gazastreifen, das sich an den libanesischen Hizbullah-Terroristen orientiert. Bei der Entführung des Soldaten Galid Schalit (unser Bild) arbeitete das PRC offenbar mit einem Kommando des militärischen Arms der Hamas zusammen.
Beide Geiselnahmen scheinen lange vorbereitet worden zu sein. Die Hamas-Kämpfer hatten im Grenzgebiet von Israel, Ägypten und dem Gazastreifen einen 600 Meter langen Tunnel gegraben. Er reichte so weit in israelisches Gebiet, daß die Angreifer einen Wachturm und die Besatzung eines Kampfpanzers von hinten angreifen konnten. Die Attentäter töteten den Kommandanten und den Ladeschützen des Panzers, verwundeten den Fahrer schwer und entführten den verletzten Hauptgefreiten Schalit. Nach einer ersten Untersuchung der Armee wurden zwei der vier Mann Besatzung aus dem Panzer gezwungen und erst dann erschossen.
Ein dritter wurde schwer verletzt, als die Angreifer Handgranaten in das Fahrzeug warfen. Es war das erste Mal seit fast zwölf Jahren, daß palästinensischen Extremisten die Entführung eines israelischen Soldaten gelungen ist. 1994 war der 19 Jahre alte Nachschon Wachsmann im Westjordanland verschleppt worden. Bei dem Versuch, ihn zu befreien, waren der Entführte, ein weiterer Soldat und drei Hamas-Terroristen umgekommen.
Jörg Bremer Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.
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