15.07.2010 · Angela Merkels Besuch in Xi'an könnte Deutschlands Chancen erhöhen, zum Europa-Standort des Autobauers BYD zu werden. In Fernost selbst ist die Elektromobilität umstritten, auch BYD hat kaum Fahrzeuge im Markt.
Von Christian Geinitz, SchanghaiAuf der Weltausstellung in Schanghai ist zu erleben, wie leise die Stadt der Zukunft sein könnte. In dem Gelände sind nur Elektrofahrzeuge zugelassen, selbst große Busse surren kaum hörbar über die Boulevards. Anders als die Oberleitungsfahrzeuge in Chinas Städten, stellen die Expo-Vehikel nur an den Haltestellen ihre Stromabnehmer auf, um nachzuladen. Das sieht ein bisschen aus, als wenn ein großes Tier den Hals nach einem Baum reckt. Wie bei Olympia 2008 in Peking gibt es auf dem Expo-Gelände viel mehr der schnittigen Prototypen, als zu sehen sind. Denn ein erklecklicher Teil muss ständig aufgeladen oder gewartet werden.
„Die Mechaniker schieben Nachtschichten“, sagt Gerd Moehrke, Miteigentümer von Management Engineers in Schanghai. „Die Elektromobilität ist in China längst noch nicht ausgereift.“ Song Jian, stellvertretender Vorsitzender des Automobilinstituts an der angesehenen Pekinger Tsinghua-Universität, formuliert es noch schärfer: „Die bisherigen Elektroautos passen nicht zu China, das Land folgt dem Westen nur blind.“ Die Batterieleistungen seien unzureichend, die Reichweiten zu gering, die Ladezeiten zu lang, die Autos viel zu teuer. „Ohne Subventionen lohnen sich die Modelle weder für Hersteller noch für Käufer.“
Das Umweltargument sei Augenwischerei, denn in China stammten fast 80 Prozent des Stroms aus Kohle. „Die Emissionen sind höher als bei Benzinmotoren“, sagt der Wissenschaftler. Kollegen seiner Universität bestätigen das. Berücksichtige man die Art der Stromerzeugung, so falle bei Elektrofahrzeugen in China nicht viel weniger Kohlendioxyd an als in Verbrennungsmotoren, haben die Umweltforscher Hong Huo und Qiang Zhang herausgefunden. Die Emissionen von Stick- und Schwefeldioxyden seien doppelt bis zehnmal so hoch.
An ihrem Geburtstag besucht Merkel den Konzern BYD in Xi'an
Die technisch interessierte Bundeskanzlerin kann sich bei ihrem Besuch in China selbst ein Bild davon machen, wie es um die Elektromobilität steht. Nach den politischen Gesprächen in Peking am Freitag besucht Angela Merkel an ihrem Geburtstag am Samstag den Konzern BYD in Xi’an. Chinas wichtigster Hoffnungsträger für alternative Antriebe ist der größte Batteriefertiger der Welt und der am schnellsten wachsende Autohersteller Chinas. „Wir freuen uns auf die Kanzlerin“, sagt BYD-Sprecher Lin Mi. „Deutschland liegt uns am Herzen.“ Sehr gut gehe es in der Zusammenarbeit mit Daimler voran, das mit BYD ein Unternehmen zum Bau elektrischer Kleinwagen gegründet hat. Daimler-Chef Dieter Zetsche will die Marke 2013 auf dem Markt sehen. Lin kündigt an, den Firmennamen demnächst preiszugeben. Der Empfang der Kanzlerin durch BYD-Gründer Wang Chuanfu solle die Kenntnisse der Industriepolitik und des „interessanten deutschen Marktes“ vertiefen, sagt Lin.
Im Gegenzug hat man einiges anzubieten: „Wir wollen 2011 entscheiden, wo wir unser europäisches Hauptquartier eröffnen. Wir werden sehen, ob nicht Deutschland eine gute Wahl wäre.“ Noch produziert BYD fast nur für den heimischen Markt. 2009 lieferte man 450 000 Fahrzeuge aus, 160 Prozent mehr als 2009. Bis 2025 will Wang Chuanfu BYD zum größten Autokonzern der Welt machen.
Gesteuert wird der Erfolg von Shenzhen aus, die drei wichtigsten Autowerke mit einer Kapazität von 500 000 Einheiten liegen aber in Xi’an, der Kaiserstadt mit der Terrakotta-Armee. Auch wenn sich BYD gern als Zukunftsschmiede verkauft, verdient es sein Geld fast nur mit Verbrennungsmotoren. Der Standort Xi’an montiert zwar auch das Hybridmodell F3-DM. Bisher ist es aber nur in Shenzhen zu kaufen, wie Lin zugibt; an private Kunden seien kaum 1000 Fahrzeuge ausgeliefert worden. Noch dürftiger sieht es mit dem Elektrofahrzeug E6 aus. Es werde überhaupt noch nicht an Private abgegeben, bestätigt Lin, „weil es an Ladestationen mangelt“.
Eine Million Taxis
Bisher rüstet BYD vor allem Flottenkunden mit alternativen Antrieben aus. In Shenzhen hat man einen Teil der 20 000 Taxis ausgetauscht. Von den 30 Millionen Personenwagen im Land seien eine Million Taxis. Da sie zehnmal so weit führen wie Privatautos, produzierten sie ein Drittel der Gesamtemissionen. Geld verdiene man mit den modernen Antriebstechniken bisher nicht, trotz der hohen Subventionen. Die Zentralregierung unterstützt Käufer von Elektroautos mit 60.000 Yuan, für Hybrid-Modelle gibt es 50.000 Yuan (7000 beziehungsweise 5800 Euro). In Shenzhen kommen lokale Anreize von 60.000 und 30.000 Yuan hinzu. Dort kostet ein F3-DM deshalb rund 90.000 statt 170.000 Yuan; das sind freilich noch mindestens 20.000 Yuan mehr als für einen herkömmlichen F3.
Trotz der dürftigen Entwicklung hält BYD daran fest, noch in diesem Jahr Elektrofahrzeuge nach Kalifornien zu exportieren, allerdings nur „einige hundert“, wie Lin eingesteht. BYD habe eigentlich gar kein Interesse an den defizitären Elektromodellen, vermutet Song. „Die nutzen das Image als Werbung, um ihre traditionellen Autos zu verkaufen.“ Obgleich es viele Zweifel gibt, dürfte China für die Elektromobilität dennoch ein zentrales, vielleicht sogar das wichtigste Absatzfeld überhaupt werden.
Bis 2012 mindestens ein Elektro- oder Hybridmodell
Dafür sorgen weniger die Marktkräfte als die allgegenwärtige Regierung. So will sie ausländische Hersteller zwingen, bis 2012 mindestens ein Elektro- oder Hybridmodell anzubieten. Nahezu alle Marken haben kürzlich in Peking entsprechende Studien vorgestellt. VW kündigte sogar an, Marktführer werden zu wollen.
Die Ausländer nutzen China als Testfeld für die neue Technik, und sie setzen zugleich auf das riesige Käuferpotential. Bis 2020, wenn auf Chinas Straßen mehr Autos unterwegs sein werden als in jedem anderen Land, sollen 15 Prozent der Neuverkäufe keinen herkömmlichen Verbrennungsmotor mehr haben. Zu erreichen sein dürfte das über Anreize und Direktiven zugleich. Dazu könnten Fahrverbote oder Sonderzonen zählen. In Peking dürfen seit einigen Jahren keine Zweiräder mit Verbrennungsmotoren mehr fahren, was den Markt für Elektroräder stark befeuert hat. „Etwas Ähnliches könnte auch für Elektroautos kommen“, sagt Moehrke. „Wenn China einmal den Hebel umlegt, geht alles ganz schnell.“
Christian Geinitz Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.
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