10.10.2008 · Mazedonien und Montenegro haben die Unabhängigkeit des Kosovos anerkannt. Serbien verurteilte den Schritt und wies die Botschafter beider Länder aus. Die Vereinigten Staaten unterstützten die Entscheidung.
Von Michael Martens, BelgradNur Stunden nach der Anerkennung des Kosovos als Staat durch Montenegro und Mazedonien hat Serbien die Botschafter beider Länder ausgewiesen. Das teilte Außenminister Jeremic der Nachrichtenagentur Tanjug mit. Die beiden wichtigen Nachbarstaaten Serbiens hatten am Vorabend die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu dem fast nur noch von Albanern bewohnten Kosovo bekanntgegeben. Andererseits hatte die serbische Regierung erst in dieser Woche ihre Botschafter wieder in jene Länder zurückgeschickt, die in einer ersten Welle das Kosovo als jüngsten Staat Europas anerkannt hatten. Dazu gehörten auch die Vereinigten Staaten und Japan sowie die große Mehrheit der EU-Länder, unter ihnen Deutschland.
Die Vereinigten Staaten unterstützten hingegen die völkerrechtliche Anerkennung des Kosovos. „Diese Anerkennung wird die regionale Zusammenarbeit zugunsten von ganz Südosteuropa vertiefen und die Integration der Region in die euro-atlantischen Institutionen erleichtern“, sagte Außenamtssprecher McCormack.
„Stoß in den Rücken“
Montenegro, das weniger als 700.000 Einwohner hat, hatte sich im Mai 2006 durch ein Referendum als letzte Republik Jugoslawiens von Belgrad gelöst, unterhält jedoch weiterhin enge Beziehungen zu Serbien. Nach dem Verständnis des serbischen Nationalismus ist Montenegro bis heute ohnehin kein „echtes“ Ausland, da die Montenegriner laut dieser Vorstellung eigentlich die „serbischsten Serben“ sind, die sich nach der Schlacht auf dem Amselfeld 1389 gegen die Osmanen in die Berge zurückzogen, um nicht „zu vertürken“. Auch unter einer Minderheit von Montenegrinern ist diese Auffassung verbreitet.
Immer wieder hatten serbische Politiker die montenegrinische Führung um Regierungschef Djukanovic und den Staatspräsidenten Vujanovic in den vergangenen Wochen davor gewarnt, das Kosovo anzuerkennen. Einen solchen Schritt, so Serbiens Außenminister Jeremic, werde man als „Stoß in den Rücken“ auffassen.
Dabei spielte die Geschichte freilich nur eine geringe Rolle. Da aber Montenegros Tourismusbranche noch immer stark auf serbische Sommergäste angewiesen ist und viele Montenegriner in Serbien leben oder in Belgrad studieren, sind die serbischen Ankündigungen in Podgorica durchaus ernst genommen worden. Staatspräsident Vujanovic hatte sich gegen die Drohungen jedoch gewehrt und gesagt, sein Land habe eine Entscheidung über diese „delikate“ Frage immer wieder verschoben, doch sei es nunmehr nicht möglich, noch länger zu warten.
Druck aus der Bevölkerung
Die montenegrinische Entscheidung kam just am Tage nach einem in Serbien als Erfolg gefeierten Vorstoß vor der UN-Vollversammlung in New York, laut dem die Richter des Internationalen Gerichtshofes ihre Einschätzung dazu abgeben sollen, ob die Unabhängigkeitserklärung des Kosovos am 17. Februar dieses Jahres mit dem Völkerrecht vereinbar war oder nicht.
Schwierig war die Entscheidung über die Anerkennung auch für die mazedonische Regierung in Skopje. Auch Mazedoniens Wirtschaft ist auf Serbien angewiesen. Doch stellen in der südlichsten aus dem Zerfall Jugoslawiens hervorgegangenen Republik Albaner ein Viertel der Bevölkerung. Sie hatten immer nachdrücklicher gefordert, dass Mazedonien das benachbarte Kosovo anerkennt. Dort sind gut neunzig Prozent der Bevölkerung Albaner. Die mazedonische Regierung von Ministerpräsident Gruevski, die gleichzeitig den andauernden „Namensstreit“ mit Griechenland auszufechten hat, musste diesem Druck früher oder später nachgeben.
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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