03.02.2009 · Um den Heerscharen illegaler Einwanderer aus Mexiko Einhalt zu bieten, greift Texas zu neuen Mitteln: Entlang der Grenze wurden Kameras installiert, deren Bilder live ins Internet übertragen werden. Dort sollen brave Bürger die Missetaten entdecken.
Von Oliver JungenSie haben nichts zu tun? Sie lieben Ordnung und Fernsehen? Sie arbeiten am liebsten im Unterhemd? Dann haben wir die ideale Herausforderung für Sie: Werden Sie Hilfssheriff! Natürlich nicht irgendwo, sondern da, wo es knallt: in Texas. Keine Sorge, das ist ungefährlich. Selbst dieser Bob Marley gestand ja:
„I shot the sheriff. But I didn't shoot the deputy.“
Texas ist schön: Es gibt stimmungsvolle Ölraffinerien, es gibt Millionen Rindviecher, es gibt die Todesstrafe, es gibt „Paddling“, das Züchtigen von Schülern mit dem Holzpaddel. Aber die Hölle ist nicht weit. Die Hölle heißt Mexiko. In Mexiko gibt es Telenovelas, Tortillas, singende Mariachis und nicht einmal mehr die Todesstrafe. Kein Wunder, dass es die Mexikaner ins schöne Texas lockt. Aber da ist die „Texas Border Sheriff's Coalition“ (TBSC) vor.
Miserable Bilder, verstopfte Posteingänge
Ihr neuster Coup: unbegrenzt viele „Virtual Deputies“ anwerben. Möglich macht das der Umstand, dass jeder selbst gern der große Bruder wäre. Warum also die Überwachung nicht „crowdsourcen“? Das Pilotprojekt „Texas Border Watch“ war geboren und „streamte“ Livebilder von der texanisch-mexikanischen Grenze. Es wurde gebeten, beim Erblicken von Gaunern oder gar singenden Mariachis sofort und anonym die Behörden zu informieren - mittels Klick auf einen Button. Dabei ging alles schief, was schiefgehen konnte. Kameras waren unsinnig plaziert, lieferten miserable Bilder, fünfzehntausend E-Mails verstopften den Posteingang der Sheriffs. Kurz: Es war ein solcher Flop, dass der Bitte um weitere zweihundert Kameras nicht entsprochen wurde.
Bekanntlich zeichnet es Texaner aus, nicht zu wissen, was ein Flop ist. Da müsse sich, so der Geschäftsführer der TBSC, Donald Reay, dieses „social network“ eben langfristig über Anzeigen finanzieren („Spottbillige Nachtsichtgeräte ...“, „Gebrauchte Paddel ...“). Vor wenigen Wochen nun wurden unter der Internetadressee www.texasborderwatch.com/vcw.php zwölf Kameras im Grenzgebiet freigeschaltet, welche bessere, wenn auch nicht eben hochwertige Bilder liefern.
In steppenartigem Gelände und an Flussufern kann der virtuelle Grenzschützer - Chips und Cola im Anschlag - jetzt tatsächlich auf die Wartejagd gehen. Bereits 34.806 Hilfssheriffs sind gemeldet. Die Anforderungen sind offenbar nach Schwierigkeitsgraden gestaffelt. Man hat etwa darauf zu achten, ob Verdächtiges geschieht, ob Fahrzeuge parken, ob Individuen die Grenze passieren, ob Objekte sich von links nach rechts bewegen oder ob man vier bis fünf junge Männer in einem Boot erkennt. Am besten ist es natürlich, man sucht sich einen der zwölf Kanäle aus, vergrößert auf Bildschirmansicht und lässt die Gegend vierundzwanzig Stunden nicht aus dem Blick.