15.02.2010 · „Schwierig und hungrig“ war seine Kindheit, sagt der designierte Präsident der Ukraine, Viktor Janukowitsch. Seinen Aufstieg verdankt er mächtigen Mentoren. Anders als sie besitzt er keine eigenen Pfründe - aber in Zukunft viel Macht.
Von Konrad Schuller, KiewEs ist Schnee gefallen auf Schukowka. Jede Nacht eine frische Lage, blütenweiß für kurze Zeit, bis der rußige Schwefel aus den Hochöfen alles wieder gelblich grau einfärbt. Dann kommt neuer Schnee, und alles wird wieder rein. Schukowka war einmal die Siedlung, aus der Viktor Janukowitsch stammt, der Mann, der die Präsidentenwahl in der Ukraine gewonnen hat. Sie lag am Rand von Jenakiewo im Donbass, einer Stadt, die aus einem dröhnenden Stahlwerk, sechs Kohlegruben und ein paar Arbeitersiedlungen besteht. Von Schukowka ist nicht viel übrig. Die Leute, die hier ihre Lattenzäune und ihre Hühner hatten, sind längst in irgendwelche Blocks gezogen. Die Proletarierhütten, die sich um die Abraumhalden gruppierten, sind eingefallen. Disteln wuchern. „Schwierig und hungrig“ war seine Kindheit, sagt Janukowitsch. Er wuchs ohne Eltern auf, „barfuss“, „ungeschützt“.
Es liegt ein Schleier über dieser Zeit. Janukowitsch ist 1950 geboren, als die kommunistische Partei alles, was Hände hatte, in die Schächte des Donbass schaffte, um nach dem Krieg dieses Herzland der Sowjetunion wieder aufzubauen: Kriminelle, Dissidenten, Helden der Arbeit, deutsche Kriegsgefangene. Die Straßen waren unsicher. Halbstarke machten sich die Reviere streitig, man stahl, und man riss Passanten die Pelzmützen vom Kopf, um sie am Trödel zu verscherbeln.
Die Zeit verweht die Spuren
Was Janukowitsch betrifft, ist damals ein Muster sichtbar geworden, das ihn seither begleitet: neuer Schnee auf altem Schmutz. Er hat zwar zugegeben, dass er zweimal im Gefängnis saß, einmal mit 17 Jahren und einmal mit zwanzig. Von Diebstahl und Körperverletzung ist die Rede, aber er spricht von einer Rehabilitation im Jahr 1978. Viel mehr weiß man nicht, denn als er Ministerpräsident wurde, hatte die Zeit die Spuren verweht: Gerichtsakten, Gefängnispapiere sind unauffindbar. Solche Verwehungen hat es immer wieder gegeben. Als man ihn verdächtigte, seine akademischen Würden nicht ehrlich erworben zu haben, erwies sich seine Magisterarbeit als verschollen.
Eine Figur, die in diesen biographischen Nebeln immer wieder sichtbar wird, ist die des Mentors. Janukowitsch ist stets Gönnern gefolgt, die ihrer Zeit entsprachen. Der erste war ein veritables Sowjetidol - der Schlachtflieger und Kosmonaut Georgij Beregowoj, der in Jenakiewo einen Teil seiner Jugend verbracht hatte und in den siebziger Jahren, nun schon als hoher Sowjetfunktionär und Leiter der Moskauer Kosmonautenschule, Janukowitsch unter seine Fittiche nahm.
Unter Beregowojs Einfluss vollzog sich die erste jener Wandlungen, die den vorbestraften Gassenjungen zum gewählten Präsidenten machten: die Wandlung zum sowjetischen Mustergenossen. Janukowitsch nahm Arbeit auf, trat der Partei bei, und wenig später leitete er den Fuhrpark eines Kohlekombinats. Der F.A.Z. gegenüber hat Janukowitsch seine Jahre mit dem Kosmonauten einmal als die schönsten seiner Jugend beschrieben.
Nach der Wende ist er eine weitere Verbindung eingegangen. Auch sie entsprach dem Geist der Jahre. In Sowjetzeiten hatten alle Jungen davon geträumt, Kosmonauten zu werden, jetzt wollten alle Gangster sein. Im Donbass tobte ein Bandenkrieg. Zuerst ging es um Spielhallen und Schutzreviere für Prostituierte, dann um Fußballclubs, Bergwerke und Kokereien, zuletzt um Ämter und Gouverneursposten. Viele sind damals gestorben. Der Industriekapitän und stellvertretende Gouverneur Oleksandr Momot verblutete mit sechs Kugeln im Leib, der Abgeordnete Jewhen Stscherban samt Frau wurde vor dem Donezker Flughafen mit einer Maschinenpistole niedergemäht, und der Chef des Fußballclubs „Schachtjor“, der Unterweltkönig Achat Bragin, wurde im Stadion von einer Bombe zerfetzt.
Der große Überlebende dieser Zeit wurde Janukowitschs zweiter Mentor. Der damals noch jugendliche Rinat Achmetow, den Polizeivideos in enger Gesellschaft des ermordeten Bragin zeigen und der ausgerechnet am Tag jener Explosion gegen alle Gewohnheit nicht zum Match erschienen war, trat 1995 das Erbe des Gesprengten an, konsolidierte sein Imperium und brachte die Verwaltung des Donbass auf Linie. Später baute er die „Partei der Regionen“ auf, die schlagkräftigste politische Gruppierung der Ukraine. Heute ist er der reichste Mann des Landes.
Im Schatten Achmetows stieg Janukowitsch weiter auf. 1996, als Stscherban und Momot starben, wurde er stellvertretender Gouverneur von Donezk, ein Jahr später Gouverneur. 2002, als der „Donezker Clan“ längst nach der Macht im Staate griff, wurde er Ministerpräsident, und nach einer eklatant gefälschten Präsidentenwahl im Jahr 2004 - sie wurde nie gerichtlich verfolgt, wieder fiel Neuschnee - hinderte ihn erst die „Revolution in Orange“ daran, auch das oberste Amt der Ukraine für seine „Brigade“ zu erbeuten.
Es fließt kein Blut mehr
Die Geschäftsmodelle des Milieus, das Janukowitsch vertritt, sind seit den Jahren des Mützendiebstahls komplexer geworden. Da ist der monopolistische Gashandel, da ist die maßgeschneiderte Privatisierung. In Janukowitschs erster Amtszeit als Regierungschef erwarben Achmetow und andere für 800 Millionen Dollar das staatliche Stahlwerk in Kriwij Rih.
Wie groß das Entgegenkommen des Staates dabei war, zeigte sich, als nach der Revolution Ministerpräsidentin Julija Timoschenko die Hütte wieder einzog und in offener Auktion das Sechsfache erzielte. Mittlerweile hat sich Janukowitsch abermals gewandelt. Seit der gefälschten Präsidentenwahl ist er ehrbar geworden. Dreimal hat seine Partei an Wahlen teilgenommen, ohne dass es zu massiven Fälschungen gekommen wäre. In den Konflikten mit dem „demokratischen“ Lager hat er immer Kompromisse gesucht.
Es fließt kein Blut mehr. Die aggressiven jungen „Brigadiere“, die ihn einst dirigierten, sind längst Gentlemen mittleren Alters. Sie blicken zu den Börsen und Märkten der Welt und schicken ihren Gegnern keine Killer mehr auf den Hals, sondern Anwälte. Sie fördern Kunst und Spitäler und wollen Frieden für ihre Hütten nach dem Motto ihrer marxistischen Jugend: Das Recht des Herrschenden ist die Herrschaft des Rechts. Statt des totalen Krieges suchen sie Ausgleich. Aus Desperados sind „Oligarchen“ geworden, Großeigentümer mit abgesteckten Claims, die einander leben lassen, wenn keiner die Regeln verletzt. Selbst in Janukowitschs „Partei der Regionen“ gibt es mittlerweile Pluralismus: Neben Achmetow unterhalten noch andere Sektoralfürsten ihre persönlichen Abgeordneten: der Metallurgiemagnat Kljujew, der Energieunternehmer Boyko, der Gasjongleur Firtasch.
Aus der Marionette ist ein Moderator geworden
Janukowitsch hat in dieser Zeit zum ersten Mal eigene Macht erworben. Aus der Marionette ist ein Moderator geworden, und wenn er jetzt Präsident wird, kann aus dem Moderator ein Machthaber werden. Anders als seine alten Mentoren besitzt er zwar offenbar keine eigenen Pfründe, aber mit der Befehlsgewalt über Armee, Geheimdienst und Staatsanwaltschaft, mit seinem Einfluss auf Zentralbank, Privatisierungsbehörde und Innenministerium ist sein künftiges Amt mit einer Macht ausgestattet, die ihn zum Spieler aus eigenem Recht machen kann. Er kann einträgliche Posten verteilen und Bewaffnete einsetzen.
Abermals hat Janukowitsch den Geist der Zeit erfasst. Er hat eine Wahl gewonnen, so fair, dass internationale Beobachter es kaum fassen konnten. Kaum gewählt, hat er gelobt, die Korruption zu bekämpfen. Und weiter fällt Schnee.
Konrad Schuller Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.
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