28.02.2007 · Ein gewandelter Viktor Janukowitsch besucht an diesem Mittwoch Berlin. Der Ministerpräsident wirkt demokratischer und weltoffener als zu Zeiten der „Orangen Revolution“. Doch wird er die Ukraine tatsächlich vom russischen Einfluss lösen?
Von Konrad SchullerViktor Janukowitsch, der Ministerpräsident der Ukraine, besitzt vieles, was Potentaten der nachsowjetischen Welt gerne besitzen: einen Leibfotografen, der darauf achtet, dass beim Babyküssen die Zentralperspektive stimmt, einen Biographen, der ihn als Helden der Arbeit feiert, schließlich einen Professorentitel, der ihm in seiner Zeit als Gouverneur von Donezk zugeflogen ist.
Daneben aber verfügt er noch über eine weitere Ressource: einen Herrn aus dem Westen, einen politischen Designer, der mehrere amerikanische Präsidenten, von Ford bis Bush, ebenso beraten hat wie den philippinischen Diktator Marcos und den angolanischen Rebellenführer Sawimbi.
Die ferngesteuerte Witzfigur
Als Mr. Manafort aus Amerika den „Fall Janukowitsch“ 2005 übernahm, war die „Image-Situation“ des Kunden dramatisch. Während der „Orangen Revolution“ hatten seine Leute sich bei eklatanten Wahlfälschungen ertappen lassen. Zur Schande des Betrugs kam die unverbesserliche Tölpelhaftigkeit des Kandidaten. Als junger Mann hatte er wegen Körperverletzung im Gefängnis gesessen, noch als Gereifter schrieb er „Professor“ mit Doppel-FF. Während der Revolution beharrte seine Gattin auf der Theorie, dass die Demokratiebewegung durch präparierte Apfelsinen aus Amerika ihrer Sinne beraubt worden sei. Janukowitschs Abhängigkeit von korrupten Oligarchen sowie vom russischen Präsidenten Putin prägten seinen Ruf als ferngesteuerte Witzfigur.
Nun aber regelt der Fachmann aus Amerika die Dinge. Der Kunde trägt elegante Jacketts und schnittige Frisuren, statt derber Zoten entgleiten geschmeidige Artigkeiten seinen Lippen. Als das demokratische Lager 2006 zerfiel, kehrte er als ein Gewandelter ins Amt des Ministerpräsidenten zurück. Einiges hat sich tatsächlich verändert. Ohne Zweifel stützt sich Janukowitsch heute auf eine legitime Parlamentsmehrheit. Außerdem ist er unabhängiger geworden.
Janukowitsch gibt sich geläutert
Selbst Kritiker geben zu, dass er nicht mehr einfach nur eine Marionette der ostukrainischen Clans ist oder gar nur ein Mann Putins. Sein alter Förderer, der Stahlmilliardär und einstige Hütchenspieler Rinat Achmetow, hat nach Ansicht mancher Insider keinen vollständigen Einfluss mehr auf seinen früheren Erfüllungsgehilfen, weil Janukowitsch als Ministerpräsident und Parteichef mittlerweile genügend „administrative Ressourcen“ besitzt, um sein eigenes Personal zu lenken. Auch den moskautreuen Zirkeln in seiner regierenden „Partei der Regionen“, etwa den Kreisen um den ersten stellvertretenden Ministerpräsidenten Asarow oder um Energieminister Bojko, gelingt es offenbar nicht mehr, bis in die nächste Nähe des Regierungschefs vorzustoßen.
Nach außen hin gibt sich Janukowitsch geläutert. Er lobt die Demokratie, er wehrt sich gegen den Vorwurf der Russland-Hörigkeit, und immer wieder beschwört er das Ziel der Mitgliedschaft in Nato und Europäischer Union. An diesem Mittwoch kommt er nach Berlin, um sich deutschen Investoren und Politikern als Mann der Zukunft zu präsentieren und vor allem, um für westliche Beteiligung am Ausbau der strategisch wichtigen ukrainischen Erdgasleitungen zu werben.
Alles andere als widerspruchsfrei
Dennoch ist Janukowitschs Läuterung nicht für alle überzeugend. Auf zwei entscheidenden Feldern nämlich ist seine Position alles andere als widerspruchsfrei. Der erste Punkt ist der mögliche Beitritt seines Landes zur Nato, dasjenige Ziel also, das Janukowitschs alten Gönnern in Russland besonders zuwider ist, das aber in der Ukraine schon seit Jahren durch Parlamentsbeschluss festgelegt ist. Hier hat der Ministerpräsident seit seinem Amtsantritt unentwegt Haken geschlagen. Während er sich stets zum Beitritt bekannte, torpedierte er ihn in der Praxis, wo er nur konnte.
Die letzte entscheidende Attacke war die Entmachtung des westlich orientierten Außenministers Tarasjuk im Januar. Obwohl dieser der Verfassung zufolge eigentlich nicht dem Regierungschef, sondern dem westlich orientierten Präsidenten Juschtschenko unterstellt ist, drängte Janukowitsch ihn aus dem Amt, indem er seinem Ministerium die Kassen sperrte und ihm durch den Saaldiener den Zugang zum Kabinett verwehren ließ.
Zwei Modelle beim Gas
Auch in Bezug auf jene strategischen ukrainischen Rohrleitungen, durch welche Westeuropa den größten Teil seines russischen Gases bezieht, ist Janukowitschs Rolle schwer durchschaubar. Nach einer Schätzung des Kiewer Energieministeriums müssen in dieses System allein bis zum Jahr 2010 etwa zehn Milliarden Euro investiert werden. Fachleuten ist klar, dass diese Summe ohne Hilfe aus dem Ausland nicht aufgebracht werden kann, und in der ukrainischen Führung sind offenbar zwei unterschiedliche Modelle der Realisierung im Gespräch - eines, das vor allem auf russische Ressourcen setzt. Moskaus Gasgigant Gasprom würde dann zum Mitteilhaber des ukrainischen Gastransportsystems und könnte dafür der Ukraine Förderrechte in Russland zugestehen.
Und eines, das in einem trilateralen Konsortium auch den Westen einschlösse. Die Wahl zwischen diesen Optionen kommt einer strategischen Grundentscheidung gleich, da nach Ansicht mancher Beobachter eine Entscheidung für das russische Modell die Ukraine auf lange Sicht zu einem Appendix des Moskauer Gasimperiums machen müsste.
Ein Mann mit zitternder Kompassnadel
Es passt zu Janukowitschs neuem Bild, dass er vor seinem Besuch bei Bundeskanzlerin Merkel an diesem Mittwoch ganz im Sinne der westlich orientierten Kräfte in der Ukraine die deutsche Wirtschaft dazu eingeladen hat, sich zusammen mit Russland an einem künftigen Gastransport-Konsortium für ein Teilstück des künftigen Leitungsnetzes zu beteiligen. Ob hier eine strategische Grundentscheidung zum Ausdruck kommt, ist jedoch nicht völlig klar, weil Putin erst unlängst verkündet hatte, aus der Ukraine vernehme er die „revolutionäre Idee“, die Kontrolle über das Leitungssystem ausschließlich zwischen Moskau und Kiew aufzuteilen. Von wem genau dieser angebliche Vorschlag kam, ist unklar, doch in Kiew gilt es als ausgemacht, dass zumindest die Moskau-Fraktion in Janukowitschs Regierung - Bojko und Asarow - solche Vorstellungen durchaus reizvoll findet.
Janukowitschs deutsche Gesprächspartner werden es deshalb nicht leicht haben, seine Angebote richtig einzuschätzen. Der Mann, der vor zwei Jahren noch als Marionette korrupter Industriebarone und als Ziehkind Putins galt, besitzt heute genug Unabhängigkeit, um zwischen Ost und West von einem eigenen Spielraum zu träumen. Dass es dem früher so grobschlächtigen Politiker dabei mittlerweile gelingt, je nach Tageslage frühere Positionen zu verlassen und sich dem Gegenteil zu nähern, mag dem formenden Einfluss seiner westlichen Image-Ingenieure zu danken sein. Letzten Endes aber hat die Kompassnadel dieses Mannes weder nach Osten noch nach Westen jemals verlässlich gezeigt, sondern immer nur auf einen einzigen Magnetpol: auf ihn selbst, auf Viktor Janukowitsch und seine Macht.
Konrad Schuller Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.
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