08.02.2010 · Viktor Janukowitsch ist wieder da. Die Präsidentenwahl in der Ukraine hat er wegen der Führungsunfähigkeit des „orange“ Lagers gewonnen. Aber auch, weil er selbst sich wieder einmal gewandelt hat.
Von Konrad Schuller, KiewDer Mann aus dem Osten ist wieder da. Viktor Janukowitsch, den die demokratische „Revolution in Orange“ vor fünf Jahren aus Protest gegen eine gefälschte Präsidentenwahl von der politischen Bühne der Ukraine gefegt hatte, zieht jetzt wohl in Ehren in jenen Kiewer Amtspalast ein, den er 2004 trotz aller Tricks nicht erreichen konnte, weil die Bürger ihm in wochenlangen Demonstrationen den Weg versperrten. Jetzt hat Janukowitsch offensichtlich eine Präsidentenwahl gewonnen, die nach Ansicht internationaler Beobachter weitgehend fair verlaufen ist. Der Geächtete steht vor der höchsten Würde, die die Ukraine zu vergeben hat.
Es ist nicht Janukowitschs erste Wandlung. Schon als junger Mann, aufgewachsen in den kleinkriminellen Milieus des industriellen Donez-Beckens (Donbass) im russisch-sowjetisch geprägten Osten des Landes, ist er schon einmal vom Saulus zum Paulus geworden. Geboren 1950 in Jenakiewo, einer Stadt die im Wesentlichen aus einem Stahlwerk, mehreren Kohlebergwerken und ein paar Arbeitersiedlungen besteht, hatte er als Jugendlicher zweimal im Gefängnis gesessen, weil die Banden, denen er damals nicht fern genug blieb, ihre Kämpfe mit Raub und Schlägereien ausfochten. Näheres ist nicht bekannt, weil die Akten von damals ebenso wie die Begründung einer angeblichen späteren Rehabilitierung verschwunden sind.
Vom Missetäter zum Ehrenmann
Kennzeichnend ist, dass auf Janukowitschs juvenile Straffälligkeit damals eine scharfe Wendung hin zur Lebensführung eines sowjetischen Ehrenmanns folgte. Unter den Fittichen eines starken Mentors, des Kosmonauten und Sowjetidols Beregowoj, trat der junge Missetäter plötzlich der Partei bei und begann eine mustergültige Nomenklatura-Karriere als Leiter eines Fahrzeugparks.
Heute deutet manches darauf hin, dass Janukowitsch wieder ein Wandlungserlebnis hatte. Als er 2004 wegen Wahlfälschung in die Wüste geschickt wurde, galt er noch als Marionette der postsowjetischen Oligarchenclans, die zu Zeiten des Präsidenten Kutschma die Ukraine unter sich aufgeteilt hatten. Die „Partei der Regionen“, damals der politische Arm des Stahl- und Kohlebarons Achmetow, hatte ihn nach einem blutigen Krieg mit anderen Clans zuerst zum Gouverneur des Gebiets Donezk, dann zum Ministerpräsidenten der Ukraine gemacht. Erst als das System ihn 2004 mit russischer Hilfe zum Präsidenten machen wollte, beendete die „Revolution in Orange“ seinen Aufstieg.
Jetzt ist Janukowitsch wiedergekehrt - einerseits wegen der Führungsunfähigkeit des „orange“ Lagers, andererseits aber auch, weil er selbst sich geändert hat. Janukowitsch hat in den letzten fünf Jahren versucht, Achtbarkeit zu gewinnen. Mittlerweile hat er an drei Wahlen (2006, 2007 und 2010) teilgenommen, ohne dass es zu massiven Fälschungen gekommen wäre, und in den schweren Konflikten der letzten Jahre hat er zuletzt immer auf Kompromiss gesetzt. 2007 hat er sogar eine klare Niederlage hingenommen.
Abermals folgt Janukowitsch damit starken Mentoren. Die Oligarchen in seinem Rücken sind längst geachtete Geschäftsleute und Philanthropen geworden. Sie wollen ihr erbeutetes Vermögen schützen und setzen deshalb auf Rechtsstaatlichkeit. Sie wollen keinen Putin über sich und geben sich deshalb westlich. Sie wandeln sich - und Janukowitsch wandelt sich mit ihnen.
Konrad Schuller Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.
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