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Vietnam Zwischen Kommunismus und Konsum

25.10.2004 ·  Vietnam bemüht sich in seinem politischen und wirtschaftlichen System um eine Öffnung hin zu westlichen Standards. Doch diese Entwicklung wird noch immer durch die kommunistischen Strukturen blockiert.

Von Jochen Buchsteiner, Hanoi
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Drei große Mächte haben die Vietnamesen in den vergangenen fünfzig Jahren mit Waffen aus dem Land gedrängt: die Franzosen, die Amerikaner und die Chinesen. Das hat Spuren hinterlassen. Hanoi ist gepflastert mit Kriegsgedenkstätten und Revolutionsmuseen, noch immer hält sich das Land eine der größten Armeen der Welt, und selbst Schülerinnen werden einmal im Jahr zu Schießübungen herangezogen.

Die Alltagsuniform der städtischen Jugend zeigt gleichwohl an, daß ihre Energien nicht mehr auf die Wehrhaftigkeit ausgerichtet sind: Mit modischen Sonnenbrillen, hohen Schuhen und Markenjeans formulieren vor allem die jungen Frauen ihren Anspruch auf einen Platz in der friedlichen Konsumwelt.

Kindheitserinnerungen von Gewalt überschattet

Die Hälfte der achtzig Millionen Vietnamesen ist nach dem großen Bürgerkrieg geboren, den der Süden trotz der massiven amerikanischen Hilfe verloren hat. Als Tran Le Thuy im Jahr 1979 in der Nähe der chinesischen Grenze auf die Welt kam, war ihr Land schon seit vier Jahren unter sozialistischem Banner wiedervereinigt. Nur ihre frühesten Kindheitserinnerungen sind von Gewalt überschattet.

Kurz nach ihrer Geburt stießen die chinesischen Truppen in die Nähe ihres Dorfes vor, wenig später starb ihr Vater an den Folgen einer Kriegsverletzung, die ihm die Amerikaner zehn Jahre zuvor zugefügt hatten. Der Großvater war schon Anfang der fünfziger Jahre im Unabhängigkeitskampf gegen Frankreich gefallen. Von Verbitterung war in ihrem Haus trotzdem nichts zu spüren. Die Mutter ermunterte Tran Le Thuy sogar, Schulfreunde einzuladen, deren Eltern auf der anderen Seite gestanden hatten. „Die wollten ja nicht, die mußten Krieg führen“, sagte sie.

Amerika ist wichtigster Handelspartner

Dieser Versöhnungswille und ein entschiedener Blick nach vorn ebneten Thuy den Weg in die moderne vietnamesische Arbeitswelt. Nach einer Journalistenausbildung an der Ho-Chi-Minh-Akademie in Hanoi begann sie bei der südvietnamesischen Tageszeitung „Kinthe Saigon“. Als preisgekrönte Wirtschaftsreporterin, die durch ihren Beruf viel mit Ausländern zu tun hat, repräsentiert sie heute eine neue vietnamesische Elite, die, optimistisch gestimmt, einen vergleichsweise pragmatischen Umgang mit dem staatlich verordneten Sozialismus pflegt.

Ausdruck dieser geistigen Öffnung ist das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten. Seit dem Abschluß eines Handelsabkommens der beiden Länder zählen die Amerikaner zu den wichtigsten Handels- und Investitionspartnern Vietnams. Auch wenn sich die Regierung Bush mit ihrer Politik in Vietnam - wie fast überall in Asien - Sympathien verscherzt hat, ist von Antiamerikanismus wenig zu spüren. Thuy hält ihn sogar für schwächer als in Deutschland, wohin sie bisher drei Reisen unternommen hat.

Wirtschaft passt sich internationalen Standards an

Kritik an den Kadern im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei, die dem alten, bürokratisch-sozialistischen Vietnam noch sehr ähneln, kommt Thuy nicht über die Lippen. Sie mißt die langsamen Fortschritte im Land nicht so sehr an denen anderer Staaten, sondern an der eigenen Vergangenheit.

Die immer stärker privat organisierte Wirtschaft sieht sie auf einem guten Weg. Das Land ist stolz darauf, Nettoexporteur von Reis und Energie geworden zu sein. Mit Blick auf den nahenden Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO), der auch von der Europäischen Union unterstützt wird, passen die Vietnamesen ihre Wirtschaft immer stärker internationalen Standards an.

„Freiheit ist größer, als das Ausland denkt“

Selbst in den Medien, die der Staat mehr als alle anderen Einrichtungen im Land kontrolliert, sei „die Freiheit größer, als das Ausland denkt“, versichert Thuy. Tatsächlich bringen „investigative“ Zeitungsberichte, besonders über Korruptionsaffären, immer wieder Politiker zu Fall.

Aber unter unabhängigen westlichen Beobachtern herrscht die Meinung vor, daß es sich hier um staatlich gelenkte Inszenierungen einer kritischen Öffentlichkeit handele. „Auch im Stalinismus wurden gelegentlich Kader zum Abschuß durch die Presse freigegeben“, sagt ein europäischer Diplomat.

Kein Platz für eine Opposition

Gemessen an westlichen Standards hat sich das politische System Vietnams noch nicht nennenswert geöffnet. Da die Kommunistische Partei nach wie vor beansprucht, die Interessen des ganzen Volkes zu verkörpern, ist für eine Opposition in Vietnam kein Platz.

Bürger, die sich öffentlich für eine Demokratisierung einsetzen, müssen Repressalien befürchten. Im vergangenen Jahr wurde der Arzt Pham Hong Son zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, weil er einen Artikel auf der Internetseite der amerikanischen Botschaft mit dem Titel „Was ist Demokratie?“ ins Vietnamesische übersetzt und ins Netz gestellt hatte. Einige Dutzend Vietnamesen sollen wegen vergleichbarer „Delikte“ einsitzen.

Religionsgemeinschaften werden staatlich verfolgt

Staatlich verfolgt werden auch Mitglieder einzelner Religionsgemeinschaften. Mönche und Anhänger der „Vereinigten buddhistischen Kirche von Vietnam“ und der „Hoa Hoa“, die sich für mehr Freiheiten einsetzen, landen immer wieder hinter Gittern. Katholische und protestantische Gruppen, die sich jenseits staatlicher Regelungen zu Wort melden, leben ebenfalls gefährlich.

Menschenrechtsorganisationen wie „Human Rights Watch“ und „Amnesty International“ beklagen zudem die Lage der ethnischen Minderheiten im zentralvietnamesischen Hochland, deren separatistische Bestrebungen mit unnachgiebiger Härte unterdrückt werden.

Kommerzielle Spielräume

Diskutiert werden die autoritären Maßnahmen des Staates vorwiegend in westlichen Botschaften und Kulturinstituten, die Kontakt zu betroffenen Aktivisten und Künstlern pflegen. Die meisten Vietnamesen aber kümmern die eingeschränkte Freiheit und der teilweise groteske Überwachungswahn des „Ministeriums für Kultur und Ideologie“ recht wenig.

Seit die kommunistische Führung Mitte der achtziger Jahre mit ihrer „Doi Moi“ genannten Reformpolitik den Weg der wirtschaftlichen Öffnung eingeschlagen hat, erfreuen sie sich vor allem ihrer neu errungenen kommerziellen Spielräume. Selbst im restriktiven China gebe es eine größere und aktivere Opposition, heißt es bei westlichen Beobachtern, die beide Länder kennen.

„Wir wollen besser sein als unsere Nachbarn“

„Unsere Prioritäten sind klar“, sagt Thuy, „wir wollen uns messen mit den anderen, wir wollen besser sein als unsere Nachbarn.“ Nicht demokratische Länder wie Thailand oder die Philippinen bieten hierbei Orientierung, sondern zwei autoritär regierte Staaten: Singapur und vor allem der gefürchtete und zugleich bewunderte Nachbar im Norden.

China, das den Spagat zwischen sozialistischem Einparteiensystem und freier Marktwirtschaft schon einige Jahre länger erprobt, gilt indes nicht in allen Belangen als Erfolgsmodell. Insbesondere die gewaltigen sozialen Spannungen, die der Wirtschaftsboom im Nachbarland verursacht hat, stoßen in Hanoi auf Unbehagen. In der „Nationalen Politischen Akademie“ des Politbüros werden seit einiger Zeit auch die Sozialsysteme westlicher Demokratien studiert.

Gesellschaftliche Reibungen

In der Friedrich-Ebert-Stiftung, die mit der Akademie zusammenarbeitet, sieht man auch anderswo „Öffnungsbewegungen“ am Werk. So erwägen die vietnamesischen Staatsgewerkschaften offenbar, aus dem Dachverband der Kommunistischen Weltgewerkschaften mit Sitz in Tripolis auszutreten und sich dem westlichen Weltgewerkschaftsbund in Brüssel anzuschließen.

Das hohe Wachstum Vietnams, das seit Jahren stabil bei mehr als sieben Prozent liegt, hat in der traditionell egalitär geprägten Gesellschaft Reibungen verursacht, die denen in China ähneln. Allein im vergangenen Jahr erlebte das Land mehr als 600 zum teil gewaltvolle Arbeitskonflikte in ausländischen Unternehmen. Das Bildungs- und das Gesundheitssystem gelten als überlastet und komplett überholungsbedürftig.

Staat bietet keine Absicherungen an

Der Staat bietet nicht einmal die allernötigsten sozialen Absicherungen an. Wer kein Schulgeld zahlen kann, erhält keine Ausbildung, wer seine Dialyse nicht bezahlen kann, wird zum Sterben nach Hause geschickt. „Das einzig Sozialistische in Vietnam ist die Kommunistische Partei“, spottet ein europäischer Botschafter.

Vor allem die jüngeren Politbüromitglieder, heißt es, analysierten die Lage ohne ideologische Scheuklappen. Weil aber noch keine Konzepte für den Umgang mit den boombedingten Herausforderungen entwickelt worden seien, „geben sie mit einem Fuß Vollgas und stehen mit dem anderen auf der Bremse“. Das führe dazu, sagt der Botschafter, „daß Vietnam im Vergleich mit China unter seinen Möglichkeiten bleibt“. Tran Le Thuy drückt das gefälliger aus: „Wir studieren erst die Fehler Chinas, bevor wir etwas Neues einführen.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.10.2004, Nr. 248 / Seite 6
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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.

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