18.08.2006 · Die Berliner Vertriebenenausstellung „Erzwungene Wege“ sorgt in Polen weiter für Unmut. Nach dem Warschauer Museum für Stadtgeschichte fordern nun auch andere polnische Leihgeber ihre Exponate zurück.
In Polen sehen sich Institutionen und Personen, die der Berliner Ausstellung „Erzwungene Wege“ Leihgaben zur Verfügung gestellt haben, wachsendem öffentlichen Druck ausgesetzt. Die Ausstellung stellt das Vertreibungsschicksal mehrerer Volksgruppen im zwanzigsten Jahrhundert dar, darunter auch das der Deutschen aus Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg. Der polnische Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski hat deshalb am Wochenende den Vorwurf erhoben, die Organisatoren wollten die Grenze zwischen „Opfern“ und „Henkern“ verwischen.
Nachdem schon am Samstag das Warschauer Museum für Stadtgeschichte zwei Ausstellungsstücke wieder abgeholt hat, wandte sich jetzt auch die polnische Seerettung an die Veranstalter mit der Forderung, die Glocke des im Krieg versenkten Flüchtlingsschiffes „Wilhelm Gustloff“ vorzeitig zurückzugeben. Bei der Seerettung war zuvor eine E-Mail des Ministeriums für Meereswirtschaft eingegangen, in welcher die Rückforderung der Glocke dringend nahegelegt wurde.
Polnisches Institut würdigt Ausstellung
Auch ein privater Verein aus der Wojewodschaft Stettin sah sich genötigt, wider Willen seine Exponate zurückzuverlangen. Der Ortsverband der „Sibirier“ - der in der Stalinzeit nach Sibirien verbannten Polen - aus Trzebiatów (Treptow) holte am Donnerstag seine Vereinsstandarte zurück. Die Sibirier aus Treptow waren sowohl von ihrem Dachverband als auch von führenden Wojewodschaftsbeamten unter Druck gesetzt worden.
Andere Leihgeber widerstanden dem öffentlichen Druck und verzichteten auf Rückforderungen. Das Institut der Nationalen Erinnerung (IPN), das entfernt mit der deutschen Birthler-Behörde vergleichbar ist, und Foto-Abzüge zur Verfügung gestellt hatte, sandte einen Vertreter nach Berlin, um die Ausstellung zu begutachten. Ein Sprecher des Instituts sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung danach, seine Institution beabsichtige nicht, ihre Leihgaben zurückzufordern. Aus Berlin hieß es, der Abgesandte des IPN habe die Ausstellung positiv gewürdigt den Organisatoren gratuliert, und danach in Warschau Bericht erstattet.
„Die Vertriebenen suchen Wege der Versöhnung“
Auch der private „Verein der Freunde von Witnica“ in Vietz nahe der deutschen Grenze, der mehrere Ausstellungsstücke beigesteuert hatte, weigerte sich rundheraus, irgend etwas zurückzuverlangen. Sein Vorsitzender Czarnuch lobte die Zusammenarbeit seiner Mitbürger mit den deutschen Vertriebenenorganisationen.
Die „Landsberger“, wie die ehemaligen deutschen Bewohner in Witnica bis heute genannt werden, seien „Freunde“. Man kenne sich hier und teile nicht die negativen Meinungen vieler Polen aus dem Landesinneren über sie. „Die Vertriebenen suchen Wege der Versöhnung“ sagte Czarnuch. Deshalb werde er sich gegen jeden Versuch, ihn unter Druck zu setzen, heftig wehren. „Nur wenn man mich absetzt, fordert dieser Verein seine Exponate zurück“, sagte er.
Die Vorsitzende der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ (ZGV), die die Ausstellung organisiert hat, Steinbach beklagte, daß auf die polnischen Leihgeber eine „regelrechte Hetzjagd“ veranstaltet werde. Die Rückforderungen seien ein beispielloser Vorgang im internationalen Leihverkehr. Insbesondere kritisierte Frau Steinbach den Umgang mit den „Sibiriern“, die als Verfolgte der Stalin-Herrschaft die Gelegenheit wahrgenommen hätten, ihr Schicksal auch im Westen einmal bekanntzumachen.
„Die Fahne hergebracht, um Freunde zu gewinnen“
Der „Kreis der Sibirier von Trzebiatow“ (Treptow), war durch eine Bekanntmachung des stellvertretenden Wojewoden von Stettin, Sychowski, unter Druck geraten. Darin hieß es, das Wojewodschaftsamt werde die Zusammenarbeit mit dem Verein beenden, weil dieser seine Vereinsstandarte für die Ausstellung bereitgestellt hatte. Außerdem wurde verlangt, die Rolle der zuständigen lokalen Beamten zu prüfen. Der Vorsitzende des Vereins, Malinowski holte daraufhin am Donnerstag sichtlich betrübt die Fahne aus Berlin ab. Der Presse gegenüber wollte er sich nicht äußern und sagte nur: „Wir haben die Fahne hergebracht, um Freunde zu gewinnen.“
Bei der polnischen Seerettung, die die Glocke der „Gustloff“ zur Verfügung gestellt hat, war eine E-Mail des Ministeriums für Meereswirtschaft eingetroffen, in welcher es hieß, das Ministerium sei besorgt über deren Verleihung und fordere, sie zurückzuverlangen. Der zuständige Minister Wiechecki gehört der rechtsextremen Partei Liga Polnischer Familien an und ist in den neunziger Jahren in Kreisen der polnischen Fußball-Hooligan-Szene gesehen worden.
„Drei Buchstaben“ und Frau Steinbach
Der zuständige Mitarbeiter der Seerettung, Sagan, sagte allerdings, er empfinde die Intervention des Ministeriums nicht als Druck, da er die Glocke ohnehin habe zurückfordern wollen, als er erfuhr, daß der Leihnehmer Frau Steinbachs „Zentrum gegen Vertreibungen“ sei. Das sei ihm nicht bewußt gewesen, als er den Leihvertrag abschloß.
Im Vertrag sei zwar eine „ZGV Trägergesellschaft“ erwähnt gewesen, aber als Pole habe er die Verbindung dieser „drei Buchstaben“ zu Frau Steinbach nicht herstellen können. Es ist aber unklar, ob die Glocke tatsächlich vorzeitig zurückgegeben wird. Frau Steinbach teilte mit, über diese Leihgabe bestehe ein bindender Vertrag, auf dessen Erfüllung die Stiftung bestehen werde.
Schon am Wochenende hatte das Stadtmuseum Warschau seine Exponate abgezogen. Nach Auskunft der Ausstellungsorganisatoren begründete das Museum seine Rückforderung weniger mit der Ausstellung selbst, als mit den Reden zu ihrer Eröffnung. Dabei habe den polnischen Zuhörern vor allem die Äußerung des ehemaligen Beauftragten für die Stasi-Unterlagen, Gauck, mißfallen, daß Vertreibungen eben auch bei verbrecherischen Angriffskriegen keine „automatische Folge“ sein müßten. Die westlichen Demokratien etwa hätten in umstrittenen Gebieten wie dem Saarland den Wunsch der Menschen respektiert, „zu Deutschland zu gehören“.
meine Zurückvorderung ist keine Glocke!
Heinz Dieter Chiba (hadeze)
- 17.08.2006, 23:48 Uhr
Menschen
Hermann Nübel (rosenfuchs)
- 18.08.2006, 00:16 Uhr
Sack und Esel
Dietmar Nix (d.nix)
- 18.08.2006, 02:17 Uhr
Polen ist noch weit weg von Europa
Nicolaus Fäustle (nfaeustle)
- 18.08.2006, 10:13 Uhr
Herr Cabol,bitte GENAU lesen und GENAU zuhören!(1)
Markus Teuber (arathorn)
- 18.08.2006, 14:16 Uhr