18.08.2009 · Kann ein knapp hundert Meter langer Frachter im Zeitalter von Radar, GPS und Satellitenüberwachung einfach aus der Ostsee verschwinden? Offenbar war die „Arctic Sea“ über Wochen in der Hand von Piraten. Die Behörden sorgten wohl absichtlich für ein Verwirrspiel.
Von Siegfried Thielbeer und Michael Ludwig, Kopenhagen/ MoskauKann ein knapp hundert Meter langer Frachter wie die „Arctic Sea“ im Zeitalter von Radar, GPS und Satellitenüberwachung einfach aus der Ostsee verschwinden? Kann ein Schiff in schwedischen Fahrwassern zwischen Gotland und Öland gekapert werden und dann unbemerkt den Öresund oder den Storebelt passieren, ohne dass die schwedische oder die dänische Marine aktiv wird? Und dann den Ärmelkanal passieren, ohne dass dort etwas geschieht?
Eigentlich alles an der Klabautermann-Geschichte, die wochenlang durch die Medien geisterte und am Montag ein vorläufiges Ende fand, ist unklar. Zu viele Meldungen widersprachen sich, wurden dementiert oder von Spekulationen überwuchert. Vieles, so wird jetzt immer deutlicher, dürfte absichtliches Verwirrspiel der Behörden gewesen sein, da man das Leben der Besatzung gefährdet sah und die Chancen für ein Eingreifen nicht beeinträchtigen wollte.
Wurde das Schiff verwechselt?
Zur Verwirrung trug bei, dass es sich bei der „Arctic Sea“ um ein Schiff unter maltesischer Flagge handelt, mit einer russischen Besatzung von 15 Mann, betrieben von einer finnischen Reederei, die Russen in Finnland gehört. Nur wenige Punkte der Geschichte scheinen wirklich festzustehen: Das Schiff war am 23. Juli routinemäßig aus dem finnischen Hafen Pietarsaari ausgelaufen, beladen mit Holz des finnischen Konzerns Stora Enso im Wert von 1,3 Millionen Euro; sein Ziel war der Hafen der Stadt Bejaja in Algerien, wo es am 4. August eintreffen sollte. Schon bei der Holzladung begannen die Zweifel und Mutmaßungen: War das Schiff von den Gangstern vielleicht verwechselt worden, wie die schwedische Polizei durchsickern ließ? Oder hatte es gar eine ganz andere Ladung, Rauschgift vielleicht oder Waffen? Der Phantasie waren kaum Grenzen gesetzt.
Über die Kaperung nahe der schwedischen Insel Öland konnte man ab dem 30. Juli scheibchenweise erfahren, dass in den frühen Morgenstunden des 24. Juli acht bis zwölf Männer, die sich als Drogenfahnder ausgaben, von einem Schlauchboot aus das Schiff enterten, die Besatzung in Fesseln legten und schlugen, die Kommunikationseinrichtung des Schiffes zerstörten, Mobiltelefone an sich nahmen, das Schiff viele Stunden lang durchsuchten - und es dann nach 12 Stunden wieder verließen, ohne etwas gefunden zu haben oder mitzunehmen. So die Version der Besatzung, der es mysteriöserweise (waren nicht alle Kommunikationseinrichtungen unterbrochen?) gelang, die Reederei zu informieren. Angeblich soll dann die Reederei gezögert haben, die finnische Polizei zu informieren, da die Männer, die die „Arctic Sea“ geentert hatten, ja womöglich doch von der Polizei waren. Dann erst habe die finnische Polizei die schwedischen Kollegen einschalten können. Die schwedischen Behörden ließen mitteilen, dass die Drogenpolizei nicht auf den Frachter angesetzt gewesen sei.
Verwirrende Meldungen, unglaubwürdige Angaben
Dass ein Schiff nach einer derartigen Kaperung, mit einer misshandelten Besatzung und zerstörten Kommunikationsanlagen, die Fahrt einfach fortsetzen würde, war von Anfang an unglaubwürdig - noch mehr spätere Angaben, das Schiff sei ein zweites Mal gekapert worden, und zwar vor der portugiesischen Küste. Diese These wurde durch Mutmaßungen in Brüsseler EU-Kreisen befeuert, wo man sichtlich nervös wurde, weil die EU-Gewässer bislang von Schiffspiraterie verschont geblieben waren. Viele Spekulationen rankten sich angesichts der verwirrenden Meldungen um mögliche Motive der Reederei, die gegenüber Journalisten alle Auskünfte verweigerte.
Eigentlich können Schiffe der Dimension der „Arctic Sea“ über die Signale des automatischen Identifikationssystems AIS verfolgt werden. Wie konnte dies abgeschaltet oder zerstört sein, wenn die britische Küstenwache, die damals von der Kaperung nichts gewusst habe, am 28. Juli Signale von der „Arctic Sea“ auffing, als diese den Ärmelkanal passierte?
Am 30. Juli, hieß es zeitweise, sei über ein elektronisches Ortungssystem vor der französischen Küste und vor Nordportugal noch ein Signal des Frachters registriert worden; das wurde dann dementiert, das Signal sei von russischen Kriegsschiffen gekommen. Dann sei die „Arctic Sea“ im Atlantik verschollen. Auch hier waren Zweifel angebracht: Theoretisch können zwar Schiffe in den Weiten der Ozeane zeitweise verschwinden und dann irgendwo in einem wenig kontrollierten Hafen der Dritten Welt umgemalt und umbenannt werden. Aber wenn man die Position zu einem bestimmten Zeitpunkt präzise kennt, ist das Gebiet für eine nachfolgende Suche durchaus begrenzt. Wahrscheinlich wussten die beteiligten Behörden die meiste Zeit durchaus, wo sich die „Arctic Sea“ befand und brauchten nur mehr Zeit für eigene Vorbereitungen.
Recht spät schaltete sich die politische Führung in Moskau in die Angelegenheit ein - und wie es scheint, benötigte sie für die Aktion „Arctic Sea“ die Hilfe ihres Lieblingsfeindes, der Nato. Am 12. August gingen die Angehörigen der russischen Seeleute an die Öffentlichkeit und forderten in einem offenen Brief die russische Führung dazu auf, mit allen erdenklichen Mitteln nach dem Schiff zu suchen. Dem Vernehmen nach setzten die Russen nicht nur drei Kriegsschiffe der Schwarzmeerflotte ein, die im Atlantik operierten, sondern auch die Satellitenaufklärung, um das Schiff aufzuspüren. Am gleichen Tag informierte Interpol, Medienberichten zufolge, darüber, dass die Arctic Sea entführt worden sei. Nun schaltete sich auch Präsident Medwedjew für die Öffentlichkeit sichtbar ein, indem er das Verteidigungsministerium damit beauftragte das Schiff zu suchen, zu finden und, falls nötig, zu befreien.
Kein einziger Schuss abgefeuert
Am Donnerstag vergangener Woche sagte ein Sprecher der Nato der russischen Nachrichtenagentur Itar-Tass, die Position des Schiffes sei bekannt, könne aber aus taktischen Gründen nicht bekannt gegeben werden. Am Freitagabend hieß es dann, das Schiff sei vor den Kapverdischen Inseln im Atlantik ausfindig gemacht worden - das wurde später am Abend dementiert, zunächst vom russischen Botschafter auf den Kapverden. Am Samstag teilte die finnische Polizei mit, dass die Reederei eine Lösegeldforderung für Schiff und Besatzung erhalten habe; von 1,5 Millionen Dollar war in Medienberichten die Rede, einer Summe, die Piraterie-Fachleute als niedrig einstuften und „Ungereimtheiten“ ausmachten. Am Montag dann teilte Moskau selbst mit, der Frachter sei wieder aufgetaucht - und zwar vor den Kapverdischen Inseln. Russische Kriegsschiffe hätten die „Arctic Sea“ aufgespürt und angefahren, ehe sie aufgebracht worden sei.
Russlands Verteidigungsminister Serdjukow erklärte danach, dass kein einziger Schuss habe abgefeuert werden müssen, um dass Schiff zu befreien. Am Dienstag verlautete aus dem Verteidigungsministerium, dass acht Seepiraten - vier Esten, zwei Letten und zwei Russen -, die den Frachter und die Besatzung unter ihre Kontrolle gebracht hätten, verhaftet worden seien. Die Seeleute würden auf dem russischen U-Boot-Jäger „Ladnyj“ befragt, der sich auf allerhöchsten Befehl zusammen mit den Kriegsschiffen der Schwarzmeerflotte in den Atlantik begeben hatte.
Kriminaloberinspekteur Jan-Olof Nyholm von der finnischen Kriminalpolizeizentrale sagte, die Medienangaben über das mystische Verschwinden seien die ganze Zeit über stark übertrieben gewesen, wie die Zeitung „Helsingin Sanomat“ berichtete. Das Schiff sei auch nicht so heimlich gekapert worden, sagte er, ohne in Details zu gehen. Russlands Nato-Botschafter Rogosin sagte, während der Suche nach dem Schiff sei die Öffentlichkeit falsch informiert worden, um der Kriegsmarine den überraschenden Zugriff zu ermöglichen. Man habe gewusst, wo es gewesen sei, aber aus taktischen Gründen dies nicht kommentieren können. Es habe sich um einen Fall schwerer Erpressung gehandelt, Leib und Leben der Besatzungsmitglieder seien in Gefahr gewesen.
Präsident Medwedjew hatte Verteidigungsminister Serdjukow angewiesen, die Medien über die Ergebnisse der Untersuchung des Verschwindens der „Arctic Sea“ zu informieren. Am Dienstag bestätigte das Verteidigungsministerium dann, was vermutet worden war - dass nämlich die acht festgenommenen Piraten in schwedischen Gewässern unter einem Vorwand auf das Schiff gelangt seien und die Besatzung gezwungen hätten, Kurs auf Afrika zu nehmen und die Navigationsgeräte auszuschalten. Demnach wären die Piraten nach dem Überfall nicht wieder von Bord gegangen, sondern auf dem Schiff geblieben, bis sich die russische Marine ihrer annahm. Um alles noch spannender zu machen, berichtete Zeitung „Rossijskaja Gaseta“, es sei den Piraten gelungen, mit ihrem schnellen Schlauchboot von der „Arctic Sea“ zu fliehen, bevor der russische U-Boot-Jäger in die Nähe des Frachters gelangte. Das wurde indes zunächst nicht bestätigt. Die russische Staatsanwaltschaft teilte mit, dass den Piraten im Fall einer Verurteilung eine Gefängnisstrafe von 20 Jahren drohe.
Eine geheime Fracht?
Keine Bestätigung fanden bislang die Spekulationen um die mögliche Fracht der „Arctic Sea“. Während das Schiff von der Bildfläche verschwand, wurde in Russland von einigen „Seefahrtsfachleuten“ die Vermutung lanciert, dass auf dem Schiff wahrscheinlich Drogen, „Waffen für Afrika“ oder noch etwas „weit Sensibleres“ transportiert werde, und dass der Frachter möglicherweise gar nicht gefunden werden solle, jedenfalls nicht von anderen als russischen Schiffen. Oder dass die „Arctic Sea“ sogar versenkt werden solle, damit die Fracht nicht gefunden werde. Dabei mag die Phantasie besonders angeregt haben, dass die „Arctic Sea“, zwei Wochen bevor sie den finnischen Hafen anlief, um Fracht aufzunehmen, in Königsberg (Kaliningrad) überholt worden war. Die Reederei hielt den Spekulationen entgegen, dass schließlich Zollbeamte das Schiff in beiden Häfen kontrolliert hätten.
Aber mit der Zuverlässigkeit des Zolls haben Russen ganz besondere Erfahrungen - ebenso wie mit der Informationspolitik russischer Behörden. Angehörige der geretteten Seeleute und die russische Seefahrergewerkschaft beklagten am Dienstag, dass der Geheimdienst weiter den persönlichen Kontakt verhindere. Und so wird nun, da die russischen Marine und das Verteidigungsministerium die „Arctic Sea“ kontrollieren, die Öffentlichkeit wohl kaum erfahren, ob an den Spekulationen über eine geheime Fracht etwas dran war. Immerhin konnte Dmitrij Rogosin, Russlands Nato-Botschafter, damit prahlen, dass Russland in der Lage sei, die Interessen des Landes und russischer Staatsbürger an jedem Fleck der Erde zu schützen.
Öffentlichkeit seit Wochen vergackeiert!
Robert Hamacher (harohama)
- 19.08.2009, 02:51 Uhr
Waffen, Drogen, Atombomben
Fritz Stirlitz (belomorkanal)
- 19.08.2009, 13:42 Uhr
Michael Ludwig Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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