11.09.2007 · Vor fast genau drei Jahren wurde Viktor Juschtschenko mit Dioxin vergiftet. Nun erhebt der ukrainische Präsident nach Informationen der F.A.Z. schwere Vorwürfe gegen Moskau: Russland behindere die Ermittlungen und schütze drei „Schlüsselfiguren“.
Von Konrad Schuller, KiewEs ist fast auf den Tag drei Jahre her, dass Viktor Juschtschenko auf der Datscha des stellvertretenden Chef des ukrainischen Geheimdienstes SBU Wolodimir Sazjuk zum Abendessen eingeladen war. Bis zwei Uhr nachts saß man bei Meeresfrüchten, Reisfleisch, Wein und Wodka. Noch in derselben Nacht setzten bei dem damaligen Präsidentschaftskandidaten der Opposition unerträgliche Migräneanfälle und Schmerzen in der Wirbelsäule ein – die ersten Anzeichen einer Dioxinvergiftung, die in die Geschichte als eine der schwersten eingegangen ist, die je ein Mensch überlebt hat. Von den Folgen, einer entstellenden Chlorakne im Gesicht, ist Juschtschenko bis heute gezeichnet.
Nun erhebt der ukrainische Präsident schwere Vorwürfe gegen Moskau: In einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und anderen Zeitungen sagte er, Russland schütze drei Personen, die von den ukrainischen Behörden als „Schlüsselfiguren“ des Attentats vom 5. September 2004 identifiziert worden seien. „Die Ukraine hat die russische Staatsanwaltschaft gebeten, diese Leute zur Vernehmung zu schicken“, sagte Juschtschenko. „Ich habe persönlich im Dezember mit Präsident Putin darüber gesprochen.“ Dennoch gebe es nach wie vor „keine Antwort von russischer Seite“. Auch bei den Untersuchungen über die Herkunft des Giftes verweigere Moskau die Zusammenarbeit. Kiew habe die drei Labore in der Welt, in denen solche Substanzen hergestellt würden, um Proben gebeten. Zwei hätten bereitwillig geliefert, „nur die russische Seite hat uns kein Material zugeschickt“.
Wahltaktisches Kalkül?
Wer die drei „Schlüsselfiguren“, sind, die sich angeblich in Russland versteckt halten, ist nicht ganz klar. Juschtschenko nannte keine Namen, aber die ukrainische Internetzeitung „Kiyv Post“ schrieb kürzlich, Juschtschenkos damaliger Gastgeber Wolodimir Sazjuk habe sich nach dem Attentat nach Russland abgesetzt. Über die Hintergründe des Anschlags sagte Juschtschenko, sie seien so gut wie aufgeklärt, doch könne er nichts darüber sagen, solange die „Schlüsselfiguren“ in Russland nicht vernommen worden seien. So kann auch über die Rolle Sazjuks nur spekuliert werden. Der Geheimdienst, zu dem Sazjuk gehörte, war dem damaligen Präsidenten Kutschma unterstellt und hatte großen Anteil an den vielfältigen Schikanen, denen Juschtschenko und seine Anhänger im Präsidentschaftswahlkampf ausgesetzt waren. Der Kandidat des Regimes war vor drei Jahren der heutige Ministerpräsident Viktor Janukowitsch.
Der Verdacht, dass russische Kreise mit dem Anschlag zu tun haben könnten, ist immer wieder geäußert, aber nie belegt worden. Tatsache ist, dass das Opfer Juschtschenko sich in dem damaligen Wahlkampf als derjenige Kandidat stilisierte, der den russischen Einfluss mindern und die Ukraine in den „Westen“ integrieren würde. Der russische Präsident Putin dankte ihm das mit offener Feindschaft. Er traf sich mehrmals während des Wahlkampfes mit Juschtschenkos Gegner Janukowitsch, der vom russischen Fernsehen, das in der Ukraine großen Einfluss hat, offen unterstützt wurde.
Dass Juschtschenko jetzt eine „russische Verbindung“ andeutet, sollte einerseits mit Vorsicht bewertet werden: In der Ukraine ist wieder Wahlkampf, und Juschtschenkos Gegner von heute ist wieder derselbe Viktor Janukowitsch, der in den Tagen des Attentats Putins Schützling war. So mag der Vorwurf des ukrainischen Präsidenten gegen den Kreml nicht ganz frei von wahltaktischem Kalkül gewesen sein. Andererseits kann der Vorwurf, Russland behindere die Ermittlungen, nicht einfach vom Tisch gewischt werden. Er passt zu einem Muster, das in den vergangenen Monaten – etwa beim Fall des in Großbritannien mit Polonium ermordeten ehemaligen russischen Agenten Alexander Litwinenko – immer wieder sichtbar geworden ist.
Gespannt auf die Moskauer Replik
Gabor von Zoltan (Putinras)
- 12.09.2007, 13:45 Uhr
Der Beweis
Gabor von Zoltan (Putinras)
- 12.09.2007, 15:05 Uhr
Vergiftung
Witold Burker (wburker)
- 13.09.2007, 00:42 Uhr
Konrad Schuller Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.
Jüngste Beiträge