http://www.faz.net/-gpf-764ca
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 28.01.2013, 20:36 Uhr

Vergewaltigungsprozess in Indien Einer der Verdächtigen war nicht volljährig

Eine erste Entscheidung im Prozess gegen die mutmaßlichen Vergewaltiger der indischen Studentin ist gefallen: Einer der Verdächtigen soll dem Jugendstrafrecht unterliegen.

von Michael Radunski
© dpa Demonstranten in Neu Delhi

Im Fall der tödlichen Vergewaltigung einer jungen Studentin in Indien ist eine erste Entscheidung gefallen. Ein Jugendgericht in der indischen Hauptstadt Delhi bescheinigte am Montag einem Verdächtigen, zum Zeitpunkt der Tat nicht volljährig gewesen zu sein. Vielmehr sei er am Montag gerade einmal 17 Jahre, sechs Monate und 24 Tage alt. Damit drohen dem Beschuldigten bei einer Verurteilung maximal drei Jahre Gewahrsam. Gemäß Paragraph 15g des indischen Jugendstrafrecht können Jugendliche im Alter von 16 bis 18 Jahren höchsten für drei Jahre in den Spezialheim eingewiesen werden und kommen anschließend auf Bewährung frei.

Das Gericht beruft sich bei seiner Entscheidung auf alte Schulunterlagen. Diese würden belegen, dass der Jugendliche am 4. Juni 1995 geboren wurde. Der Angeklagte soll über keine Geburtsurkunde verfügen. In Indien ist das keine Seltenheit, in solchen Fällen werden üblicherweise Schulunterlagen als Altersnachweis verwendet. Das Jugendgericht hat zudem entschieden, dass ein Knochentest zur exakten Bestimmung des Alters nun nicht mehr nötig sei.

Beschuldigter galt als besonders brutal

Der Vater der getöteten Studentin kritisierte das Gerichtsurteil. „Ich kann das nicht glauben“, sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. „Sehen sie denn nicht, was sie getan haben?“ Auch der Bruder der Toten ist entsetzt über die Entscheidung. „Das ist falsch. Wir brauchen einen Knochentest, um das richtige Alter des Verdächtigen festzustellen.“ In Bezug auf die vorgelegten Schuldokumente sprach er von Betrug. „Wir als Familie sind nicht bereit zu akzeptieren, dass einer der Haupttäter lediglich eine Haftstrafe von drei Jahren erhält.“

Die Zeitung „Times of India“ berichtet, dass der Beschuldigte im Polizeibericht als der brutalste der sechs Angeklagten beschrieben werde. Gegenüber dem Nachrichtensender NDTV forderte der Bruder: „Wir wollen, dass alle sechs Beschuldigten hängen.“ Die Staatsanwaltschaft kündigte Einspruch gegen die Entscheidung des Jugendgerichts an.

Bei der Anhörung vor dem Hauptgericht äußerten sich die Anwälte der fünf volljährigen Verdächtigen zur Anklageschrift. Die Verteidigung kündigte an, auf unschuldig zu plädieren. Ein Verdächtiger behaupte zudem, von der Polizei gefoltert worden zu sein. Einen Antrag auf Prüfung, ob ein weiterer Beschuldigter zum Zeitpunkt der Vergewaltigung ebenfalls minderjährig gewesen sei, lehnte das Gericht ab. Die Staatsanwaltschaft hatte bereits in der vergangenen Woche ihre Punkte vorgebracht. Nun muss das Gericht entscheiden, welche Anklagepunkte zugelassen werden. Erst danach kann der eigentliche Prozess beginnen. Ein Datum dafür steht weiterhin nicht fest.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Indische Busse Panikknöpfe gegen sexuelle Gewalt

Gewalt gegen Frauen ist ein großes Problem in Indien. Jetzt sollen in allen Bussen Panikknöpfe installiert werden, mit denen sofort die Polizei alarmiert wird - und das ist nicht die einzige Maßnahme. Mehr

25.05.2016, 20:35 Uhr | Politik
Indien Brücke bricht unter Bus zusammen

Glück im Unglück hatten die Passagiere eines Busses im indischen Bundesstaat Gujarat. Eine Brücke war plötzlich zusammengebrochen, als das Fahrzeug sie überquerte. Mit beiden Achsen in der Luft blieb der Bus hängen. Die zwei Dutzend Passagiere konnten gerettet werden. Mehr

23.05.2016, 13:17 Uhr | Gesellschaft
Sexuelle Gewalt Indiens Frauen leiden weiter

Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist offenbar ein Teil der indischen Gesellschaft. Die überwiegende Zahl der jungen, arbeitenden Frauen oder Studentinnen wurde schon Opfer. Mehr Von Christoph Hein, Singapur

24.05.2016, 07:11 Uhr | Wirtschaft
Indien Frau wird mit 70 Jahren zum ersten Mal Mutter

Eine 70 Jahre alte Inderin ist zum ersten Mal Mutter geworden. Mithilfe künstlicher Befruchtung gebar Daljinder Kaur Mitte April einen Sohn. Sie fühle sich nicht zu alt dafür, sagte sie in einem Interview. 2008 hatte in Indien bereits eine 72 Jahre alte Frau nach künstlicher Befruchtung Zwillinge zur Welt gebracht. Mehr

12.05.2016, 16:53 Uhr | Gesellschaft
Keine Fluchtgefahr mehr S&K-Angeklagter kommt frei

Im S&K-Prozess sind sechs Unternehmer angeklagt - alle sind in Haft. Nun belohnt das Gericht einen von ihnen für sein Geständnis mit einer Freilassung. Verteidiger schelten diese Entscheidung. Mehr Von Denise Peikert

21.05.2016, 05:31 Uhr | Rhein-Main

Anleitung zur Reparatur

Von Jasper von Altenbockum

Die SPD hält das Integrationsgesetz für ein neues Einwanderungsgesetz. Warum nur? Beim Thema Einwanderung geht es um eine ganz andere Frage. Mehr 211