29.06.2010 · Die amerikanische Polizei hat zehn Verdächtige festgenommen. Sie sollen als Agenten für Russland gearbeitet haben. Der russische Außenminister Lawrow forderte eine Erklärung und sagte, der Zeitpunkt der Bekanntgabe sei „raffiniert gewählt“ worden.
Es klingt wie ein Thriller mitten aus dem Kalten Krieg: Getarnt als Durchschnittsbürger, aber ausgestattet mit unsichtbarer Tinte und ausgetüftelter Verschlüsselungs-Technik soll ein Agentennetz in den Vereinigten Staaten jahrelang für Russland spioniert haben. Amerikanische Ermittler, die sich selbst als russische Regierungsbeamte ausgaben, nahmen nach langwierigen Ermittlungen jetzt zehn Verdächtige in mehreren Städten im Nordosten der Vereinigten Staaten fest, wie das Justizministerium am Montag (Ortszeit) in Washington mitteilte. Neben den zehn Festgenommenen sei ein weiterer Verdächtiger angeklagt, der zunächst noch auf der Flucht sei. Russland will die Vorwürfe prüfen. Der Fall gilt wegen der Zahl der Verdächtigen als beispiellos.
Gegen alle zehn sei Anklage wegen des Verdachts der Agententätigkeit erhoben worden; acht von ihnen wird überdies Geldwäsche vorgeworfen. Die Männer und Frauen sollen teils seit den neunziger Jahren Informanten in politischen Kreisen gesammelt und Daten für Russland erhoben haben. Das Ministerium machte allerdings keine Angaben dazu, was genau sie ausspioniert haben sollen. Ob darunter auch Staatsgeheimnisse waren oder ob es den Agenten gelang, an Geheimdokumente zu kommen, lässt die Anklageschrift offen. Agententätigkeit für eine fremde Regierung wird den Angaben zufolge in den Vereinigten Staaten mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet, Geldwäsche mit bis zu 20 Jahren.
Lawrow: Augenblick „raffiniert gewählt“
Russlands Außenminister Sergej Lawrow forderte von den Vereinigten Staaten eine Erklärung. „Man hat uns nicht gesagt, worum es eigentlich geht. Ich hoffe, man erklärt uns das. Der Augenblick, in dem das gemacht wurde, ist ja raffiniert gewählt“, sagte Lawrow nach Angaben der Agentur Interfax mit Blick auf die zunehmend freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Präsidenten Barack Obama und Dmitrij Medwedjew. Die Informationen zu den Anschuldigungen nannte Lawrow „widersprüchlich“.
Erst am Donnerstag waren Obama und Medwedjew im Weißen Haus zusammengetroffen. Dabei vereinbarten sie eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit, eine stärkere Kooperation der Geheimdienste und im Kampf gegen den Terrorismus. Obama hatte Medwedjew dabei als „Freund und Partner“ bezeichnet und ihn „solide und verlässlich“ genannt.
Der regierungskritische Moskauer Politologe Mark Urnow sprach von einem „beispiellosen Fall mit so vielen Festnahmen auf einmal“. Ansonsten sei es aber nichts Außergewöhnliches, dass Staaten nun einmal Geheimdienste einsetzten. „Diesmal hat es eben unsere Agenten erwischt“, sagte Urnow. Nach seiner Einschätzung wird der Skandal nicht den begonnenen Neustart in den Beziehungen zwischen den beiden Staaten gefährden.
Der russische Geheimdienst-Veteran Michail Ljubimow äußerte Zweifel daran, dass Agenten in Geldwäsche verwickelt sein sollen. „So etwas hat es bisher noch nicht gegeben“, sagte er. „Dass sie Aufklärung betrieben haben sollen, ist erst einmal nur eine allgemeine Mitteilung.“ Sollte sich der Skandal als politische Provokation herausstellen, sagte Ljubimow, werde Moskau wohl „repressive Maßnahmen“ etwa gegen amerikanische Ingenieure einleiten, die in Russland arbeiten.
Detailreich schildern die amerikanischen Ermittler die Arbeitsweisen der mutmaßlichen Spione, die angeblich auch die Identität von Toten annahmen. Botschaften für die Zentrale in Moskau wurden verschlüsselt auf Websites versteckt, die dem ungeschulten Auge nicht auffielen. Zur Übertragung von Informationen hätten Agenten Kurzwellentechnik verwendet und drahtlose Internet-Netzwerke an öffentlichen Plätzen aufgebaut, um Daten von einem Laptop zum nächsten zu senden.
Den Verhaftungen waren laut Ministerium jahrelange Ermittlungen der amerikanischen Bundespolizei FBI vorausgegangen. Amerikanische Agenten hätten sich unter anderem als russische Regierungsbeamte getarnt und mit den Verdächtigen getroffen. Die Fahnder schlugen am Wochenende in den Bundesstaaten New Jersey, New York, Massachusetts und Virginia zu.
USA nicht nur fit bei Spionageabwehr
Johann Maynard (johannmaynard)
- 29.06.2010, 12:01 Uhr
Zuschläge für Siemens, Airbus und andere sind doch nicht das Problem.
Josef Bujtor (Mramorak)
- 29.06.2010, 14:22 Uhr
Diese Nachricht nicht besonders erstaunlich
Lill-Karin Bryant (kb26919)
- 29.06.2010, 18:20 Uhr