20.11.2006 · Vom Pentagon beauftragte Fachleute werden dem Verteidigungsministerium angeblich vorschlagen, zunächst 20.000 bis 30.000 zusätzliche Soldaten in den Irak zu schicken. Einen sofortigen Abzug der Truppen verwarfen die Experten einhellig.
Von Matthias Rüb, WashingtonDie von Präsident George W. Bush beauftragte Expertenkommission des Pentagons zur Erarbeitung einer neuen Taktik zur Befriedung des Iraks erwägt auch eine kurzfristige Aufstockung der amerikanischen Truppen im Zweistromland.
Wie die Tageszeitung „The Washington Post“ am Montag unter Berufung auf ranghohe Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums berichtete, werde die vom Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs, General Peter Pace, eingesetzte Kommission dem Weißen Haus vorschlagen, die Zahl der amerikanischen Soldaten von gegenwärtig gut 140.000 kurzfristig um 20.000 bis 30.000 Mann zu erhöhen; mittelfristig solle dann eine Reduzierung auf eine Truppenstärke von 60.000 Mann erreicht werden.
Die Option „Go Long“
Die von den ranghohen Offizieren der Kommission vorgeschlagene Variante mit der Bezeichnung „Go Long“ (Langer Weg) werde gegenüber den zwei weiteren Varianten mit den Arbeitstiteln „Go Home“ (Heimweg) und „Go Big“ (Großer Weg) bevorzugt, schreibt das Blatt. Das Szenario „Go Home“, also der rasche Abzug aller Soldaten aus dem Irak, werde von den Militärfachleuten einhellig verworfen, weil dies mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem umfassenden Bürgerkrieg im Irak führen werde.
Für die Option „Go Big“, die langfristige deutliche Aufstockung der Truppen und den umfassende Kampf gegen die Aufständischen, seien dagegen nicht genügend Soldaten, Reservisten und Nationalgardisten vorhanden. Daher empfehle die Expertengruppe die Version „Go Long“, die neben der kurzfristigen Aufstockung der Truppen und der mittelfristigen Reduzierung der Präsenz amerikanischer Soldaten im Irak vor allem die Intensivierung des Trainings und der Beratung der irakischen Streitkräfte durch amerikanische Offiziere vorsieht.
Empfehlungen der ISG bis zum Jahresende
Es gilt als wahrscheinlich, daß Präsident Bush den Empfehlungen der Expertenkommission des Pentagons mindestens ebensoviel politisches Gewicht beimißt wie den Erkenntnissen der im März vom Kongreß eingesetzten überparteilichen „Iraq Study Group“ (ISG) unter Führung des früheren Außenministers James Baker und des einstigen Abgeordneten im Repräsentantenhaus Lee Hamilton.
Die ISG will bis spätestens Jahresende ihre Empfehlungen vorlegen, die ebenfalls die weithin verworfenen Extremoptionen eines sofortigen Beginns eines Truppenabzugs wie eines langfristigen militärischen Engagements mit der gegenwärtigen Truppenstärke ausschließen dürfte.
Demokraten fordern Beginn des Rückzugs
In der öffentlichen Debatte über eine Neuausrichtung der Strategie zur Befriedung des Iraks zeichnen sich im wesentlichen zwei konkurrierende Positionen ab. Der bisher aussichtsreichste mutmaßliche Präsidentschaftskandidat der Republikaner, Senator John McCain (Arizona), sowie konservative Fachleute und Publizisten fordern eine vorübergehende Aufstockung der Truppen zumal in der Hauptstadt Bagdad um 30.000 bis 50.000 Soldaten, um ein Abgleiten des Iraks in einen allumfassenden Bürgerkrieg zu verhindern. Auch die militärische und politische Führung im Pentagon scheint zu dieser Haltung zu neigen.
Bei den oppositionellen Demokraten, die bei den Kongreßwahlen vom 7. November die Mehrheit in beiden Kammern des Parlaments errungen hatten, zeichnet sich dagegen eine Einigung auf die Forderung nach einem Beginn des Rückzugs der amerikanischen Truppen in vier bis sechs Monaten ab. Die Forderung nach einem sofortigen Beginn des Abzugs ist auch bei den Demokraten derzeit nicht mehrheitsfähig. Präsident George W. Bush sagte bei der letzten Station seiner Asien-Reise in Indonesien, er sei noch zu keinem Entschluß gekommen. „Ich habe noch keine Entscheidung in der Frage einer Aufstockung oder Reduzierung der Truppen getroffen“, sagte Bush in Bogor.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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