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Vereinigte Staaten Eine andere Art von Christentum

19.02.2012 ·  Der Republikaner Santorum ist als Rechtskonservativer im Aufwind. Dem Präsidenten warf er nun eine „falsche Theologie“ vor. Im ganzen Land tobt der Kulturkampf.

Von Matthias Rüb, Washington
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© dapd Doppelter Schlachtfeldstaat: Rick Santorum warb am Samstag in Columbus im Bundesstaat Ohio für sich.

Unter „Schlachtfeldstaaten“ versteht man in der amerikanischen Politik die Bundesstaaten mit wechselnden politischen Mehrheiten. In diesem Wahljahr scheint sich allerdings der Trend zu einer neuen Kategorie von „Schlachtfeldstaaten“ zu bestätigen, nämlich denen, wo der Kulturkrieg am heftigsten tobt. Gewiss wird es bei den Präsidenten- und Kongresswahlen im November vor allem um die Wirtschaft gehen, dafür sorgen schon die Arbeitslosigkeit und die Benzinpreise. Doch der Streit über Homosexuellenehe und Abtreibung, über die Rolle von Religion und Glauben in der Politik, verblasst darüber nicht.

Am Donnerstag hat das Parlament von New Jersey mit seiner doppelten demokratischen Mehrheit die Legalisierung der Homosexuellenehe beschlossen. Der republikanische Gouverneur Chris Christie hat dagegen tags darauf sein angekündigtes Veto eingelegt. Die Republikaner um Christie werden nun versuchen, am Tag der Kongress- und Präsidentenwahl das Volk in einem Referendum auch über die Rechte der Homosexuellen abstimmen zu lassen. Auch in Maryland hat das Parlament vorige Woche für die Legalisierung der Homosexuellenehe gestimmt. Dort dürfte der demokratische Gouverneur Martin O’Mally das Gesetz bald in Kraft setzen. Auch im Bundesstaat Washington will die demokratische Gouverneurin Christine Gregoire ein entsprechendes Gesetz unterzeichnen, das am 8. Februar vom Parlament mit großer Mehrheit angenommen wurde.

Nach Connecticut, Iowa, Massachusetts, New Hampshire, New York und Vermont werden Washington und Maryland mithin der siebte und der achte Bundesstaat sein, die gleichgeschlechtliche Partnerschaften mit der heterosexuellen Ehe gleichstellen; auch im Hauptstadtbezirk Washington ist die Homosexuellenehe legal. In Kalifornien wiederum haben die Wähler 2008 in einem Volksentscheid die Homosexuellenehe abgelehnt, doch verschiedene Gerichte wiesen das Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe als verfassungswidrig zurück. Den Streit muss das Oberste Gericht in Washington schlichten.

Auch Obama gegen Homosexuellenehe

Alle vier republikanischen Präsidentschaftskandidaten treten gegen die Homosexuellenehe ein. Das gilt an sich auch für den demokratischen Präsidenten Barack Obama, aber der schweigt darüber im Wahljahr lieber, um seine Stammwähler nicht vor den Kopf zu stoßen. Dass bei den Republikanern immer neue innerparteiliche Herausforderer dem Favoriten Mitt Romney das Leben schwer machen, zeigt die Unzufriedenheit vieler rechtskonservativer Stammwähler mit dem einstigen Gouverneur von Massachusetts, der nicht umsonst als gemäßigter Zentrist gilt. Romney lehnt erst seit einigen Jahren das „Recht“ auf Abtreibung ab, er will gleichsam mit wachsender Altersweisheit „ernstlich konservativ“ (severely conservative) geworden sein.

In den letzten Wochen hat sich der frühere Senator aus Pennsylvania Rick Santorum als jener Kandidat profiliert, der im Duell mit Obama der bessere „Kulturkrieger“ wäre. Santorum ist ein lauthals bekennender Katholik, während Romney über seinen Mormonen-Glauben lieber schweigt, denn viele evangelikale und katholische Christen sehen das Mormonentum als Sekte an. Santorum ist selbst im Fall von Vergewaltigungen gegen Abtreibung, weil „eine Gewalttat mehr als genug ist“. Verhütungsmittel sieht er als gefährlichen Anreiz, die Sexualität vom göttlichen Zweck der Fortpflanzung zu entkoppeln. Die Homosexuellenehe will er mit einem Verfassungszusatz verbieten lassen. Schwule und Lesben sollen auch nicht - schon gar nicht offen, wie jüngst von den Demokraten und Obama durchgesetzt - in den Streitkräften dienen dürfen.

© dapd Gemäßigter Zentrist: MItt Romney ist bei vielen rechtskonservativen Stammwählern unbeliebt.

Nach seinen drei jüngsten Vorwahlerfolgen hat Santorum in vielen Umfragen mit dem bisherigen Spitzenreiter Mitt Romney gleichgezogen oder diesen sogar überflügelt. Am Wochenende hat Santorum nun den christlichen Glauben von Präsident Barack Obama rundweg in Zweifel gezogen. Bei einem Auftritt in Ohio, wo am 6. März innerparteiliche Vorwahlen stattfinden, sagte Santorum, Obamas politische Agenda gründe „auf einer falschen Theologie, die nicht auf der Bibel fußt“. Später relativierte Santorum seine Kritik und konzedierte, dass Obama Christ sein möge, wenn er sich als Christ bezeichne; der Präsident praktiziere aber „eine andere Art von Christentum“.

Die Entscheidung Obamas, dass von religiösen Organisationen getragene Gesundheits- und Bildungseinrichtungen die Übernahme der Kosten für Verhütungsmittel und Frühabtreibung garantieren müssen, selbst wenn dies ihrer Glaubensdoktrin widerspricht, wird von der katholischen Kirche und auch von vielen evangelikalen Christen als beispielloser Angriff auf die Religionsfreiheit sowie gegen den Grundsatz der Trennung von Kirche und Staat kritisiert. Obama ließ die Äußerungen Santorums als „den jüngsten Tiefpunkt in einer republikanischen Vorwahlkampagne“ bezeichnen, „die durch Verzerrungen, Hässlichkeit, blanken Pessimismus und Negativität befeuert wird“. Das Wahlkampfteam des Präsidenten, das bisher fast ausschließlich Romney ins Visier genommen hatte, stellt sich nun auch auf einen möglichen Kandidaten Santorum ein. „Die Umstände haben sich geändert“, sagte Obamas stellvertretende Wahlkampfsprecherin Stephanie Cutter am Wochenende.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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