11.11.2006 · Nach der amerikanischen Kongreßwahl beginnt nun der Kampf ums Weiße Haus. Schon melden sich die ersten Kandidaten der Demokraten und der Republikaner für die Präsidentenwahl 2008. Matthias Rüb berichtet aus Washington.
Von Matthias Rüb, WashingtonNach den Wahlen ist vor den Wahlen, vor allem ist nach den Zwischenwahlen zum Kongreß zwei Jahre vor den Präsidentenwahlen. Und der Wettbewerb ums Weiße Haus wird 2008 ein besonderer sein: Zum ersten Mal seit 1952 stellt sich weder ein Präsident zur Wiederwahl noch strebt ein amtierender Vizepräsident den Aufstieg vom letzten Basislager zum Gipfel der Macht an. Die Präsidentenwahlen in zwei Jahren sind „free for all“, offen für alle, die bisher noch wenig politische Erfahrung vorzuweisen haben und im ganzen Land noch wenig bekannt sind - aber auch für jene, die zum letzten Mal die Chance haben, ihren Lebenstraum zu verwirklichen.
Die Kandidatenschar wird deshalb bei beiden Parteien groß sein, und schon jetzt zeichnet sich ein breites und buntes Feld ab - von Grünschnäbeln bis zu Silberschöpfen. Offiziell haben bisher nur zwei Politiker ihre Kandidatur angemeldet, beide sind wenig bekannt. Auf republikanischer Seite gab eine Woche vor den Kongreßwahlen am Dienstag der scheidende Vorsitzende des Streitkräfteausschusses im Repräsentantenhaus, Duncan Hunter (Kalifornien), offiziell seine Kandidatur bekannt.
Rechts vom Hauptstrom
Der 58 Jahre alte Vietnam-Veteran vertritt seinen sicheren republikanischen Wahlkreis im südkalifornischen San Diego seit 25 Jahren im Repräsentantenhaus, könnte aber als Vertreter des konservativen Flügels, der sich etwa in der Einwanderungspolitik entschieden für den Bau des umstrittenen Zauns an der Grenze zu Mexiko ausgesprochen hat, zu weit rechts vom gerade bei den Kongreßwahlen abermals gestärkten gemäßigt konservativen „mainstream“ liegen.
Diesen Hauptstrom verkörpert dagegen ganz und gar der im Januar 2007 nach acht Jahren Herrschaft in Des Moines scheidende Gouverneur von Iowa, der 56 Jahre alte Tom Vilsack, der seine Kandidatur am Tag nach den Wahlen offiziell bekanntgab. Der Vertreter des zentristischen Flügels der Demokraten war schon bei den Präsidentenwahlen 2004 als möglicher „running mate“ von Kandidat John Kerry (Massachusetts) im Gespräch, doch dieser entschied sich statt dessen für den damaligen Senator John Edwards (South Carolina).
Edwards und sein Südstaaten-Kleine-Leute-Charme
Die beiden Verlierer von 2004 gelten auch für 2008 als mögliche Kandidaten der Demokraten, wobei der inzwischen 63 Jahre alte Kerry, ein Meister der politischen Selbstverstümmelung, für die entscheidenden Wechselwähler in der politischen Mitte allerdings zu weit links stehen dürfte. Der 53 Jahre alte Anwalt Edwards, der seit seinem Ausscheiden aus dem Senat im Januar 2005 ohne öffentliches Amt ist, hat das Feld der Vorwahlen mit zahlreichen Auftritten in Iowa und New Hampshire dagegen schon zielstrebig beackert und wird seinen jugendlichen Südstaaten-Kleine-Leute-Charme auch 2008 wieder in die Waagschale werfen. Zum Kreis der aufstrebenden Senatoren gehört auch der 50 Jahre alte Evan Bayh aus Indiana, ehedem Gouverneur des Bundesstaates und als rundum sympathischer Moderater mit zwei Jahrzehnten Regierungs- und Parlamentserfahrung ein starker Kandidat.
Hillary Clinton, 59 Jahre alt, ist als ehemalige „First Lady“ die bekannteste potentielle und finanziell potenteste Kandidatin der Demokraten, die für ihre klare Wiederwahl als „Juniorsenatorin“ des Bundesstaates New York die Rekordsumme von fast 30 Millionen Dollar ausgab, obwohl ihr republikanischer Gegner ein politisches Leichtgewicht war. Aber die Hypothek bei den Gemäßigten, eine Clinton aus New York zu sein, könnte schwerer wiegen als die Vorteile, die einzige Frau zu sein und sich als eindeutig zentristische Stimme im Senat profiliert zu haben.
Zeit reif für einen „Minderheiten“-Präsidenten?
Als Favoriten bei den Demokraten gelten derzeit der frisch wiedergewählte Gouverneur von New Mexico, der 59 Jahre alte Bill Richardson - unter Bill Clinton Energieminister und UN-Botschafter - sowie vor allen der erst 45 Jahre alte „Juniorsenator“ aus Illinois, Barack Obama. Der ebenso sympathische wie charismatische Obama, seit Anfang 2005 im Senat, ist gegenwärtig der Rockstar der amerikanischen Politik, der sich in kürzester Zeit als Spendensammler in der Partei wie als Buchautor beim Publikum äußerst beliebt gemacht hat. Er ist ein Zentrist mit ausgeprägtem sozialen Gewissen, und daß er Schwarzer ist kommt ihm ebenso zugute wie Richardson der Umstand, daß er Latino ist, denn die Zeit scheint reif für einen „Minderheiten“-Präsidenten - oder eben auch für eine Frau im Weißen Haus, die nicht „First Lady“ ist.
Auf republikanischer Seite ist das Kandidatenfeld vorerst noch überschaubarer. Als unangefochtener Favorit gilt derzeit Senator John McCain aus Arizona, der die Sorge, er sei mit 70 Jahren womöglich schon zu alt für den Kampf ums Weiße Haus, mit dem Argument zu vertreiben versucht, man dürfe seine fünf Jahre Kriegsgefangenschaft in Vietnam eben nicht mitrechnen.
Schnelle Ab- und Aufstiege möglich
McCain ist ein hochdekorierter Kriegsheld, erfahren und weltgewandt, integer und loyal, eine gemäßigte konservative Stimme und ein eifriger Spendensammler. Als weitere Kandidaten werden der 62 Jahre alte frühere New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani genannt, dem sein hoher Bekanntheitsgrad und sein Ruf als energischer (Krisen-)Manager nutzen dürfte.
Für Mitt Romney, 59 Jahre alter Gouverneur von Massachusetts, sprechen ebenfalls seine Managerqualitäten (etwa als Organisator der Winterolympiade von Salt Lake City 2002) sowie der Umstand, daß er als Konservativer in einer Hochburg der Demokraten Gouverneur werden konnte; daß er Mormone ist, könnte manche aber abschrecken.
Der soeben abgewählte Senator George Allen aus Virginia galt bis vor wenigen Wochen noch als heißer Anwärter auf die Kandidatur, aber so schnell sein Stern nach einem aus eigenem Verschulden katastrophal geführten Wahlkampf gesunken ist, so rasch kann jener eines anderen Politikers, mit dem bisher noch niemand rechnet, in den politischen Himmel steigen.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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