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Flüchtlinge aus Venezuela : Die neue Unterschicht Südamerikas

Venezolanische Flüchtlinge auf dem Weg nach Peru übernachten in Ecuador an der Panamericana. Bild: AFP

Schon mehr als zwei Millionen Venezolaner sind auf der Flucht – und die Länder der Region mit ihrer Aufnahme zusehends überfordert. Es kommt zu Gewalt und drastischen Maßnahmen.

          2,3 Millionen Venezolaner sollen laut Angaben der Vereinten Nationen auf der Flucht sein. Das entspricht rund sieben Prozent der Gesamtbevölkerung. Und es werden jeden Tag mehr. Die Region ist mit der Situation überfordert, und eine internationale Koordination wird immer dringender. Ecuador hat am Dienstag ein Treffen der Staaten der Region angeregt, um die Flüchtlingskrise gemeinsam zu behandeln. Gleichzeitig fordert Kolumbien den Einsatz eines Sonderbeauftragten der Vereinten Nationen. 

          Tjerk Brühwiller

          Berichterstatter für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Die Venezolaner, die wegen der wirtschaftlichen und politischen Krise ihre Heimat verlassen, stoßen auf ihrer Flucht auf immer größere Probleme. Auch die Solidarität der Nachbarn gegenüber den venezolanischen Flüchtlingen gerät an ihre Grenzen. Das zeigen die jüngsten Vorfälle an der brasilianisch-venezolanischen Grenze. Dort kam es am Wochenende zu Konfrontationen zwischen venezolanischen Flüchtlingen und der brasilianischen Bevölkerung. Im Grenzort Pacaraima im Bundesstaat Roraima rissen aufgebrachte Bürger Zelte nieder, in denen Venezolaner hausten, und zündeten deren Habseligkeiten an. Mehr als tausend Venezolaner wurden von einem aufgebrachten Mob zurück über die Grenze gejagt. Im Gegenzug demolierten die Venezolaner Autos mit brasilianischen Nummernschildern. Die brasilianischen Sicherheitskräfte griffen nicht ein.

          Die örtlichen Behörden sind überfordert

          Der gewalttätigen Auseinandersetzung war eine Demonstration gegen die Einwanderung von Venezolanern vorhergegangen. Bürger von Pacaraima hatten dazu aufgerufen, nachdem ein brasilianischer Ladenbesitzer von einer Gruppe von Venezolanern gewaltsam ausgeraubt worden war. Inzwischen hat Brasília weitere 120 Soldaten der Nationalgarde sowie medizinische Fachkräfte nach Pacaraima entsandt.

          Schon in den vergangenen Monaten war es vor allem in Boa Vista, der Hauptstadt des Bundesstaates Roraima, zu mehreren xenophoben Übergriffen gekommen. Rund 130.000 Venezolaner haben ihr Land im Zuge der wirtschaftlichen und politischen Krise durch die „Hintertür“ in Richtung Brasilien verlassen. Das ist zwar wenig im Vergleich zu den Hunderttausenden, die nach Kolumbien geflüchtet sind. Doch Roraima ist ein sehr isolierter Bundesstaat mit lediglich 500.000 Einwohnern.

          Mitglieder des Warao-Stamms, Venezuelas zweitgrößter indigenen Gruppe, in einer Flüchtlingsunterkunft im brasilianischen Grenzort Pacaraima.

          Die örtlichen Behörden sind überfordert und fühlen sich von Brasília im Stich gelassen. Gerade in der kleinen Ortschaft Pacaraima hat die Flüchtlingswelle aus Venezuela, die in den vergangenen Tagen wieder rasant gewachsen ist, für chaotische Zustände gesorgt. Auch im Rest des Bundesstaates ist der Unmut der Bevölkerung gestiegen. Die Venezolaner werden zusehends als eine Konkurrenz um Arbeitsplätze gesehen. Auch in den öffentlichen Schulen und Krankenhäusern ist es enger geworden. Die brasilianische Regierung hat vor einigen Monaten damit begonnen, die Venezolaner auf andere Regionen zu verteilen.

          Kolumbien ist auf internationale Hilfe angewiesen

          Die Flüchtlinge geben als Hauptgrund den Mangel an Lebensmitteln an. Mehr als die Hälfte der geflüchteten Venezolaner leidet unter Unterernährung. Viele von ihnen suchen auch medizinische Versorgung, da das Gesundheitswesen in ihrem Land am Boden liegt.

          Auch diese Venezolaner sind aus ihrem Land nach Ecuador geflohen.

          Laut einem Bericht der Internationalen Organisation für Migration (IOM) haben sich die meisten Flüchtlinge aus Venezuela in Südamerika niedergelassen. Nur die wenigsten können sich Reisen in die Vereinigten Staaten oder nach Europa leisten. Das benachbarte Kolumbien trägt dabei den größten Anteil; er nähert sich einer Million. In der Grenzstadt Cúcuta treffen monatlich 50.000 Venezolaner ein.

          Kurz vor der Abgabe seines Amtes zu Beginn dieses Monats hat der damalige kolumbische Präsident Juan Manuel Santos 440.000 Venezolanern ein befristetes Aufenthaltsrecht gewährt. Dabei ist Kolumbien mittelfristig selbst auf internationale Hilfe angewiesen, um dem Ansturm der Flüchtlinge standzuhalten. Zudem ist fraglich, wie lange die Solidarität der Bevölkerung noch anhält.

          Passpflicht gleicht fast einem Einreisestopp

          Für viele Venezolaner ist Kolumbien allerdings nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Chile, Peru oder Ecuador. Gerade an der kolumbianisch-ecuadorianischen Grenze hat sich die Situation in den vergangenen Wochen zugespitzt. In Ecuador sollen sich rund 120.000 Venezolaner aufhalten, drei Provinzen haben bereits den Notstand ausgerufen, um besser auf die Einwanderung von täglich bis zu 4000 Venezolanern reagieren zu können. Nach Peru haben sich etwa 400.000 Venezolaner geflüchtet.

          Die beiden Länder sind nun dazu übergegangen, von den einwanderungswilligen Venezolanern einen Pass zu fordern. Bisher reichte eine Identitätskarte. Viele der venezolanischen Flüchtlinge besitzen jedoch keinen Pass. Ein solcher ist in Venezuela wegen des Materialmangels, der horrenden Inflation und der bürokratischen Hürden kaum noch zu beschaffen. Die Maßnahme Ecuadors und Perus gleicht somit faktisch einem Einreisestopp.

          Der Flüchtlingsstrom aus Venezuela wird nicht abreißen und macht eine internationale Koordination der Krise immer dringender. Gerade kleinere Länder sind mit der Situation komplett überfordert, wie das Beispiel von Trinidad und Tobago zeigt. Das Land hat kein Asylrecht und sieht sich nicht imstande, Flüchtlinge aufzunehmen. Im April schob der Karibikstaat Dutzende Venezolaner ab und wurde dafür von den Vereinten Nationen kritisiert.

          Auch die Situation der geflüchteten Venezolaner verschlechtert sich zusehends. Sie haben ihr Land auf der Suche nach Schutz verlassen, doch finden sie sich in ihren Ziel- oder Transitländern oft in prekären Situationen wieder. Viele arbeiten schwarz und für Hungerlöhne. Die Venezolaner, die einst als Lateinamerikas Reiche galten, sind zur neuen Unterschicht der Region geworden.

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